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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-06-23 · Heft 25 (23.6.1893) · p. Seite 298

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 25 (23.6.1893)
Date
1893-06-23
Page
Seite 298 (sequence 10)
Language
German
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298 Und dann schweigt er plötzlich traurig, Dörtle aber sagt hastig: „Und nun ist's gar kommen, wie in dem einen Lied, Du hast mir eine Ros' gebrochen. Das brächt der Christophle nimmer fertig — und denk auch, vorhin hat der Peter Aigle zu mir geredet, wie er mich arg möcht und i sollt sein Schatz sein. Der wüste Dings, der! Und so zu schwätzen, bringt der Christoph auch nit fertig." Ter Bartel hat das Gesicht eine Weile abgewendet und fragt jetzt leise: „Aber Dein Berspruch ist am Sonntag doch?" „Freilich, so hat's der Vater bestiunnt." Tann seufzt Bartel tief. „Liebes, herziges Dörtle Du, weifst, gut ist's vielleicht, wenn Du glaubst, die Leut', welche man die Dichter nennt, thäten das Alles nur so dahin schreiben — und in der Wirklichkeit wär's nicht so. Aber es giebt's doch, daß ein 93ub und ein Mädel einander so gut sind, daß sie nicht von einander lassen tonnen — es giebt's — aber nicht Jeder erfährt's." Dörtle denkt ein wenig nach, es geht ihr ordentlich nah, weil er so weich gesprochen hat. „Weißt Du auch Verse?" fragt sie später.! „Viele. Dörtle, und arg schöne."! „I mein, schönere giebt's nit, als die i im Sinn Hab'!" „Ich wollt, ich könnt Dir alle sagen, die ich weiß, Dörtle." „Das thu einmal!" Und bann hebt sie die Rose und die hat einen süßen Duft, sie senkt die Lippen darauf. „Sonntag ist Dein Verspruch, Dörtle!" spricht Bartel so sonderbar vor sich hin, und dann, sie weiß gar nicht, wie das so plötzlich gekommen ist, zieht er die Hand mit der Blume von ihren Lippen; und presst seinen Mund darauf, fest und heiß.! Es thut ihr im Herzen weh, sie muß schluchzen. z „Wein' nicht, Dörtle. und vergieb mir," sagt Bartel und zieht! ein Tuch hervor und will ihr die Thränen aus den Augen wischen. j Ta läuft c* wie Sonnenschein über ihr Gesicht, sie lacht und faßt j das neue seidene Tuch, das vorhin Mutter Sarah aus der verborgensten s Schublade für den Sohn hervorgelaugt hat, und jubelt fröhlich: j „O, nun ist's gar wahr! Und das Tuch mußt Tu mir geben, j Bartel, denn es heißt ja so: j „Nimm hin, Herzallerliebste,! Wisch ab Tein Aeugelein! Und bin ich in der Fremde i Weit, weit von Deinem Haus, So weine Deine Thränen Zum Fenster nicht hinaus. So weine sie bedächtig All in das Tuch hinein. Damit kein böser Bube Zertritt die Röselein."! „Gelt, nun ist's gar vollends wahr!" J Sie hat das so lieblich gesagt — in der Brust Bartel's klopft j es und in seinen Armen zuckt es — dann aber Iet)nt er sich zurück, j Noch ist ihr Gemüth unbefangen — und er hat die Festigkeit, be-! sonnen zn sein. Sonntag ist ihr Versprach, klingt's ihm rechtzeitig! in die Ohren, und mit ganz verändertem Ton sagt er:! „Nun geh auch heim, Dörtle!" i „Freilich," fahrt sie auf, „mein Mütterle könnt schon ausschaun," und reicht ihm die Hand und geht lächelnd froh, daß etwas im Leben sein kann, wie im Lied. Und Bartel lehnt sich in die dunkelste Ecke der Laube zurück und presst die Stirn gegen den Buchenstamm und beißt die Zähne! zusammen. (Forts, folgt.)? i Brr AiaKonus von Wcaa. Nach dem Französischen. (Schluß.! Ich klopfte an die Thür des Patriarchen, jedoch vergeblich; er lies; mich durch seine Leute verjagen. Ich ging zum Großvezir. Er gab mir gute Worte, lehnte es aber ab, eine Untersuchung anzuordnen. Da nahm ich meinen Stock und meine Börse und durchwanderte den Orient, uni meinen Sohn zu suchen. Ich durchforschte die Klöster am Athos, Libanon und Parnaß, die in den Felsen gehauenen Einsiedeleien Arkadiens, die, „große Höhle Elia", die Kirchen des Archipels imb unser armes theneres Jerusalem. Ich verbrachte Nächte damit, alle Kapellen des heiligen Grabes abznsnchen. In zwei Jahren durchwanderte ich alles hellenische Land, ohne die leiseste Spur meines Kindes zu finden. Die griechischen Schifsstnechte verfolgten mich manchmal mit Steinwürfen und hetzten ihre Hunde ans mich. Schließlich empfing man mich überall mit der Erzählung meiner Geschichte und hatte nur noch Spott und Hohn für mich. Erbarmen fand ich nur bei den Lateinern. Der Erzbischof von Smyrna, ein alter Franziskaner, weinte mit mir und versprach mir, eine Messe zu lesen, damit ich Ephraim wiedererhielte. Aber, mein Freund, setzte er hinzu, Sic müsse» ans Ihren eines weise» Mannes unwürdige» Traum verzichten; der Messias ist schon lange gekommen und Ihre Ahnen haben ihn zwischen zwei Räubern gekreuzigt. Ich will für Sie beten und der gute Gott wird Sie trösten und erleuchte»." Aber Gott wollte seinen alten Rabbi nicht trösten. Meine Pilgerschaft ist zn Ende, denn meine Kräfte sind erschöpft. Ebenso unnütz ist die Anstrengung meiner Freunde, die mir täglich ans zwanzig verschiedenen Städten schreiben. Ich habe alle Hoffnung anfgegeben, und mein Herz ist todt." Die Nacht war bereits stark vorgerückt. Ariams Narghileh war ausgegangen, denn Arial» schlief deir Schlaf der Gerechten ans Davids Divan. Dieser ließ noch einmal seinen Blick über die fernen Höhen Konstantinopels schweifen. Der Himmel über der ungeheuren Stadt war blaßgrnn und sehr durchsichtig. Ein einsamer Stern funkelte goldglänzend über der Hagia Sophia. Der Rabbi zeigte mir den Stern und sagte: „Ich glaube, daß er unten in irgend einer Zelle gefangen ist. Die Mönche haben ihil mir geraubt, weil sie Furcht vor ihm hatten. Aber ich habe in Konstantinopel einen Freund, der allein schlau genug sein wird, ihn zu entdecken." Er versicherte sich, daß der Teppichhändler ihn nicht hören konnte, und fuhr dann ganz leise fort: „Ich vertraue Ihnen ein Geheimniß an. Der Superior der Jesuiten in Pera — und David nannte einen in der französischen Kirche berühmten Namen — hat mir versprochen, sich mit Ephraim zu beschäftigen. Die Jesuiten sind eine Großmacht im Morgenlande, aber er muß sich beeilen; ich fühle, daß meine Väter mich zu sich rufen, und daß ich bald in den Schooß Abrahams komme." Er verbarg sein Gesicht in den Händen und weinte. Ich rüttelte meinen braven Tschelckbi auf, und wir verließen still, ohne Abschied zn nehmen, den Unglücklichen, der uns vergessen z>r haben schien. Einige Tage dararif rüstete ich mich, Konstanlinopel zu verlassen. Es war ein herrlicher Septembertag, klar und frisch. Die ungeheuren Trümnrer des griechischen Kaiserpalastes hatten ein fast fröhliches Anssehen. Ich ging wieder zurück gegen den Phanar zu auf staubigen Wegen bis zu den verfallenen Stadtmauern. Während ich längs der Moschee, die nur ein einziges Minaret hat, ein wenig erhitzt herumkletterte, traf ich zwei sehr gemnthliche Pope», die mich grüßten und um Feuer für ihre Cigaretten baten. Wir begannen zu schwatzen. Nach der ewigen Frage der griechischen Priester und Mönche: „Was macht der Papst in Rom?" sagte mir der eine von ihnen: „Wir gehen zu einer schönen Liturgie; (kommen Sie mit,

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