Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1893)
- Date
- 1893-06-23
- Page
- Seite 297 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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297 „Guck auch! Du bist sauber und i bin stark und allen Burschen über im ganzen Strohgäu. Wir gäben einmal ein Paar!" spricht er dringlich weiter. „Und gilt bin i Dir, mir ist's wunderlich nm's Herz, wenn i nur au Di denken ihu — wenn i Di seh, da bin i vollends närrisch! Und, gelt, gut kannst mir auch schon sein — iag's nur, daß Dir auch so zu Muthe ist." Sie nestelt an ihren Schürzenbändern. Nein, so zu Math ist ihr freilich nicht, aber ihr fällt doch ein, daß dies eine ganz andere Sprache ist, als dem Christophle seine — das kommt ja beinah dem gleich, wie's in den Liedern heißt, die ihr so arg gut gefallen. „Dörtle, Mädele — schau mi einmal au!" Sie schüttelt den Kopf, sie sucht nach einem Wort, mit dem sie ihm sagen kann, er soll die Gedanken lassen, und das ihm doch nicht allzu weh thut. Tenn es ist ihr leid, daß er sich so um sie hat mib sie ihm doch nicht helfen kann. Schon öffnet sie die Lippen. „Peter, sei einmal gescheidt —" da wird's ihm zu lang und er streckt ungestüm ben Arm nach ihr aus und will sie au sich ziehen. „Mädele, gieb mir nur erst ein Schmätzle, nachher thut sich schon Alles finden!" Aber sie wehrt und stößt ihn mit solcher Kraft von sich, daß er einige Schritt weit taumelt — und mit dem Mitleid ist's auf einmal vorbei. „Du! Du!" ruft sie mit Hochrothen Wangen und zornigen Bluten, „Du rührst mi nimmer an, Du! Mit den Härchen, woran unschuldiges Blut klebt, willst mir nah konun'n. — Wahr Di und hüt Ti, Aigle's Peter, wir können nimmer miteinander ein Gemeinichaft haben. Und darum laß mi jetzt da vorüber." „Dirn!" keucht er unb faßt mit beiden Händen nach seinen Schläfen und schüttelt wild den Kopf. „Dirn —" dann reckt er die Arane in die Höh. „So! nix wissen willst von mir! Gut genug bin i Dir nimmer! Hast mir nur zum Spaß zugelacht, damit i mit dem Andern raufen sollt. Und jetzt hast alt Augenblick ein Geschäft drüben bei bcu Iudenleut — o hüt Ti auch!" „Das will i —" sagt Dörtle und wirft beti Kopf zurück und schreitet an dem Buben vorüber und schallt nicht einmal zurück, ob er ihr folgt oder nicht. Der Peter aber reißt mit einem Griff einen Pfahl ans der Erde und schleudert ihn weit von sich und lacht lvild auf. „Aus ist die Sach llvch lang nit, Tn gelbe Dirn Du! Jetzt haben wir erst recht ein Geschäft mit einander. Tn und i! O he!" Nein, Dörtle will sich mn's Leben nicht umschauu, der wüste Bub soll nicht denken, daß sie Furcht vor ihm haben könnte. Tapfer schreitet sie aus, aber in ihrer Brust pocht es heftig und die Geballten gehen wirr dllrcheinallder. Erst hat er ihr leid gethan, so wie er zu sprechen gelvllßt hat — daun aber hat sie an das Blut all feilten Fingern denken müssen — dem Bartel sein Blllt — Ein Holztnänllle hat er ben Christoph Nanz geheißeil, besser scholl eill solches, wie einen blutigen Raufer. Aber eills weiß sie jetzt, jchad ist's, daß der Christoph llicht schwatzen kann wie der Peter, da nliißt sie ihm lloch einmal so gut sein. „Ja, woher beim auch so spät?" fragt da eine (Stimme neben ihr und schreckt sie auf aus ihrem Nachdenken. Aber sie ist llicht einmal bös darüber, denn die klingt gar weich iuib ist dem Bartel seine illld komult aus eitler Bohnenlaube, die in dem kleinen Gärtlein steht, ill dem Mutter Sarah ihre Gemüse zieht. Dort sitzt der kranke Sohn jetzt oft — wieder mit den Büchern, wie Dörtle gewahrt. „Das ist mit aber recht," sagt das Mädcheil unb eill freudiger Schein zieht Uber sein Gesicht. „Nlln brauch i llimmer die Stiegen zll steigell zll Euch hinauf." „Hast kolllinell wollen?" forscht Bartel. „Freilich, und arg Vielerlei hält i zu fragen." Er schiebt die niedere Thür auf imb Dörtle trippelt herein, unb ill der kleinen Laube silld gerad zwei ellge Plätze, da setzt sie sich dicht neben ihll, beim die Bücher nehmen lloch etwas von bent Raum. „So frag!" sagt Bartel. Ja, das kolnmt ihr zu hastig, so mit der Thür ins Hins tmm sie nicht. Sie sieht ihll etwas verlegen all und sagt dalm: „Soll scholl tommen, Eins nach dem Andern! Aber gilt schallst alls." „Meinst? Und Du erst, Dörtle!" Sie fomntt ihm so ausnehmend lieblich vor. „Mir thllt auch llix fehleli," meint sie treuherzig, „lind i Hab mein Pfleg in Hüll unb Füll auf dem Schwaderet Gilt. Aber Du bist traut gewesen, schall —" und bann stockt sie, denn sie darf doch llicht hinznfügen, daß es denn Bartel nicht so alls bem Vollen kommen wird wie ihr, unb findet sich d'ranf mit einem anderen Wort zurecht: „Der Doktor, der ist aber doch eill Geschickter, der hat Dich gut aufgebracht —" „Uild eill braver Mellsch dabei," sagt Bartels illld bann biegt er sich vor, um einen Rosenstrauch zu erreichell, an dem eine einzige hellrothe Btullie häligt. Schwester Lea betrachtet sie jeben Tag seit ihrem Knospen mit zärtlichen Blickell unb pflückt sie doch llicht, aber das kümluert ihll llicht. Er bricht sie illld reicht sie Dörtle. „Schau, die ist eigells für Dich gewachsen." Ganz zaghaft hält sie die Rose zwischell ben Fingern und schallt darallf uieber. Daß ihr das gerad passirell mllß, es ist zll wunderlich. Heißt's nicht ill dem Lied: „Und ist eine Ros' gewachsen. So wuchs sie nur uni Dich!" ,.J ulach auch mein Dallk," stanlmelte sie unb richtet dann die blauen Allgell auf Bartel, der sie unoenuanbt angeblickt hat. „Aber nun bin i vollends ganz konfus!" „Ja, lvarulll beim?" „Daß das mir hat passiren müssen - gerad wie in dem Liedle, um das i Hab fragen wollen," sagt sie, „und nun bring i's am End erst gar nit fertig." Sie faltet die Finger um die Blume, und Bartel streicht ihr ganz leise die widerspenstigen Haare zurück, mit denen der leichte Abendwind zu spieleu beginnt. „Bring nur Tein Geschäft vor, Dörtle!" „Ja," lacht sie, „wenn i auch mir wüßt, wo i anfangen sollt. Da ist der Christophle Nauz, den Du kennen thust." Wie Bartel das bestätigt hat, indem er mit dem Kopf nickt, geht» schon besser. „Und da sind mein Vater und der seiuig Übereinkommen" — nun macht der Bartel ein Gesicht, als wenn er halb schon weiß, was lveiter folgt — „und nun, nun am Sonntag soll unser Bersprnch sein." „So!" Bartel wendet die Blicke jetzt nach dem Abendhimmel, an dem die Sonne sintt. ' Und während sie das Alles mit einander geschwätzt haben, erzählt Dörtle weiter: „Da sind der Christoph und i unter der Eich; gesessen — weißt, Bartel, unter meiner Eich, worin das Kützle so arg gern gehaust hat, und haben Alles mit angehört. Gar steif und still haben wir dagesessen. Und da ist mir's in den Sinn gekommen,! daß in den Liedern immer von Leid und Freud und Herzeleid die! Red ist — und in der Wirklichkeit wür's gar nimmer so und mollt I Di fragen, warum auch." : Der Bartel ist mit seiner Hand herabgekommen und hält ihre! Rechte jetzt. j „So — das wollt'st fragen!" sagt er. „I lveiß auch nit genau! d'rum, Dörtle, aber ich glaub, wenn Zwei einander arg. arg gut l sind, da ist's doch lvohl wie in den Versen."