Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1893)
- Date
- 1893-06-23
- Page
- Seite 296 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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296 wird Jedem sein Wort. Ihr verkehrt die Worte des lebenden Gottes ... Sprechet ihr aber: Massa des Ewigen ... und ich habe zu euch geschickt »nd gesagt: ihr sollt nicht sprechen: Massa des Ewigen, darum will ich euch ganz verkaufen, und euch verstoßen und die Stadt, die ich euch und euer» Vätern gegeben habe, von meinem Angesichte tilgen. Ich gebe euch Preis der ewigen Schmach und der ewigen Schande, die nie vergessen wird." Der Inhalt dieser Verse ist klar. Der Text bietet wohl Wiederholungen, aber kaum nennenswerthe Schwierigkeiten. Jeremia wird! gefragt, was Massa sei, er giebt die Antwort, verbindet aber damit! die Warnung, von Massa nicht zu sprechen. Thut ihr es aber doch, i Prophet, Priester oder Volk, dann tritt die Strafe ein. So klar dieser Inhalt ist, muß doch gefragt werden, was denn dies Alles bedeutet? Was veranlaßt das Volk zur Frage nach der Bedeutung des Massa?! Warum eifert Jeremia gegen den Gebrauch dieses Wortes? Ebenso ist es auffallend, daß gerade Jeremia gefragt wird, der sich in all seinen Weissagungen dieses Wortes kein einziges Mal bedient hat. Verbinden wir mit der Frage zugleich auch die: Warum hat Jeremia, der doch auch über fremde Völker sprach, ihnen Strafen, Untergang ankündigte, diese Bezeichnung, wie cs scheint, absichtlich gemieden? Wir glauben, die Lösung dieser Schwierigkeiten in Folgendem zu finden. Das Massa war seinem Wortlaute nach im Sinne einer Prophezeiung dem Volke wohl bekannt. Jeremia's Zeitgenössische Propheten Zacharia und Habakuk bedienten sich dessen. Dagegen haben die falschen Propheten, von denen unser Kapitel spricht, diese Form der Prophezeiung den wahren Propheten abgelauscht. Die älchere Form läßt sich leicht nachahmen. Sie nannten ihre Erdichtungen ebenso Massa's, wie die wahren Propheten ihre wirkliche Schall. Während jedoch diese das Massa nur bei Endurthcileu, gesprochen über fremde Völker, anwandten, machten die falschen Propheten entweder ans Unverständuiß oder ans Absicht hierin keinen Unterschied. Sie bestärkten das Volk in seiner Unsitte, sprachen von; Glück und einer schönen Zukunft unter dem Aushängeschild des l Massa. Sie »vählten dieses um so lieber, als die wahren Propheten sich bei demselben der Musik bedienten. Das war so recht nach dem Geschmack der falschen Propheten. Vorspielen können wir uns auch! lassen! Das macht Effekt. Das Volk ward irre. Dieses, wie die! falschen Propheten uird Priester fragten endlich, die Einen, um Alis-! schluß zu erhalten, die Andere», um Gelegenheit zum Spott zu haben,! was das Massa sei. Darauf die Antlvort: Sage ihneir, >vas cS sei. I Es bedeutet: Untergang, Verderben. Diese Erklärung wollten die! falschen Propheten. Ihr Spott erhielt Nahrung, indem sie das Volt daraus Hinweisen tonnten, daß ihre Gegner, die ivahren Propheten, seit langer Zeit den Untergang prophezeien, der aber doch nicht eingetreten ist. Tagegeil legt nun Jeremia feierlich Verwahrung ein. Ein Massa über Israel giebt es nicht, iveil Massa gänzlichen Untergang bedeutet. Israel wird wohl seine Selbständigkeit verlieren, wird aber nicht untergehen. Daher die kurze Antwort: „Verstoßen werde ich euch, spricht der Ewige". Wer über Israel in Form eines Massa prophezeit, zeichnet sich selber als falschen Propheten. Dari»» soll auch weder Priester noch Volk vom Massa sprechen, wer es dennoch thut, küiidel sich selbst Unheil uub verdreht die Worte des lebendigen Gottes kB. :)ü). Tie falschen Propheten haben sich um diese Belehriing wenig gekümmert. Ihnen wird zugerufen: „Euch werde ich verkaufen, verstoßen, ihr seid zur ewigen Schande, zur Schmach vcrurtheilt <P. 89 u. 40)." Diese ewige Schande, das Verkauft- und Verstoßeuseiu, geht als selbstverschuldetes Massa, als Eudurthcil nicht auf Israel, sondern auf die falschen Propheten. Hieraus erklärt es sich auch, warum Jeremia so wenig Gebrauch von dem Massa inachte, dessen Anwendung auch da vermeidet, wo es, als gegen fremde Völker gerichtet, am Platze gewesen wäre. Jeremia als jener Prophet, der das nationale Unglück hereinbrechen sah, es später selber mit erlebte, der noch die letzte, verzweifelte Anstrengung macht, seine Zeitgenossen von ihrem gefährlichen Treiben zurückzuhaltcn, mußte uiit dem Worte, das oft genug gänzlichen Untergang bedeutete, besonders auf der Hut sein. Denn für den Augenblick, als das Unglück hereiubrach, schien der Untergang Israels besiegelt. Sie theilten doch dasselbe Loos mit anderen Völkern, denen gänzlicher Untergang gekündet wurde. Ihnen wurde, wie anderen Völkern, die Hauptstadt zerstört, sie wurden, wie es auch den anderen erging, besiegt, getödtet, in Gefangenschaft geführt. Hütte Jeremia Massa gebraucht, dann wäre das Volk, oder jener Rest, der die Katastrophe mit- und überlebt hat, verzweifelt, die Hoffnung aus die Zukunft wäre geschwunden; es hätte sich Jeder gesagt: der Prophet hat das Massa gekündet, der eine Theil der Prophezeiung ist in Erfüllung gegangen, das klebrige wird eintreffen, wir sind verloren. Tie Hoffnung auf weiteren Bestand sollte aber aufrecht erhalten werden, das verhänguißvolle Wort sollte nicht dazu beitragen, diese Hoffnung schwinden zu lassen. Jeremia, bei dessen Lebzeiten seine und der früheren Propheten Prophezeiungen sich erfüllten, hat sich mit Vorbedacht und mit Recht auch bei fremden Völkern des Massa enthalten. Wenn nun, nach dem Gesagten, der Inhalt jener Prophezeiungen, die das Massa zur Ueberschrift haben, gegen nicht israelitische Völker gerichtet ist; wenn fest steht, daß sie das Endurtheil über jenes Voll oder über Völker aussprechen; wenn ferner das Massa Erhebung durch Musik bedeutet; so begegnen wir auch hier der hohen, edlen Gesinmuig der Propheten. Sie vermochten für solche End- und Todesurtheile über, wenn auch fremde Nationen das Wort nicht z» finden. Es ist, wie früher erwähnt, eine Art innerer Weigerung; das Unangenehme des Gefühls, das in der traurigen Botschaft liegt, macht sich geltend. Unwillig geht der Prophet heran. Es fehlt die Wärme, es mangelt die zum Prophezeien so uöthige Begeisterung. Die Botschaft muß aber doch gekündet werden. Darum werden Wärme und Begeisterung künstlich, besser, durch Kunst erzeugt; die Musik ivird zur Hilfe gerufen. Sie wurde von einigen Propheten da in den Dienst der Prophetie gestellt, wo sie Unheil und Verderben, das Todes-Urtheil einem Volke sprechen wußten. 3 FEUILLETON Hagar. Eine schwäbische Dorfgeschichte von E. Be ly. (Fortsetzung.) „Mi?" fragt Dörtle und schüttelt sich ein wenig »nd fühlt den alten Muth kommen. „Mi? Nun geh', Peter, und sei gescheidt! Mein Versprnch ist am Sonntag —" „Und i leid's nit!" schreit er. Er stockt, seine Stimme klingt auch ganz anders als vorhin, nicht mehr so rauh und ivild. Und doch mag ihn Dörtle nicht weiter hören. „Peter, sei gescheidt —" „Nimmer," verschwört er sich, „nimmer, wenn Dl> nit nachgiebst. Guck, das Hvlzmännle, das Ehrisiophle, das thut nit für Di passen, selbst »mßt's wissen! Kannst ihm nit gut sein, wie's zum Heirathen sein muß." Holzmäunle — denkt sie — da hat er freilich Recht, so eins ist der Christoph. Er sieht, wie sie ernst vor sich hin blickt.