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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-06-23 · Heft 25 (23.6.1893) · p. Seite 294

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 25 (23.6.1893)
Date
1893-06-23
Page
Seite 294 (sequence 6)
Language
German
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294 wenn Gedanken sich ihm im Gehirne wälzen, die er sichten, ordnen, in gehörige Verbindung bringen will. Die Belästignng dauert so lange, bis der Gedanke im lebendigen Worte oder in schriftlicher Anszeichnnng seinen Ausdruck gefunden. Das gelingt freilich nicht immer in gewünschter Weise, aber man ist, je nach dem Gelingen, die Last los. Diese nun druckt den Propheten im Augenblick der geistigen Schau. Sie drückt ihn um so schwerer, als bei ihm das nach Ausdruck ringt, was anszndrllcken Gefühl und Mitleid weigern. Ta er aber da;» gedrängt wird, sich der Last zu entledigen, so tritt die zweite Art in die Erscheinung. Was er erschaut, denkt, ihn innerlich bewegt oder auch belästigt, sucht er mit Hilfe der Musik zur Anschauung oder besser, zu Gehör zu bringen. Ans dieser Stufe ist das Massa ein Sicherhcben durch Musik, um das Gedachte zum Ausspruch kommen zu lassen, es ist ein „Hochsprnch". Ebenso psychologisch begründet, aber mehr an der Oberfläche liegend, stellt sich das objektive Moment dar. Eine Strafandrohung erzeugt bei dem, den sie trifft, immer das Gefühl der Unlust, des Unangenehme», sie ist ihm eine „Last". Sie erschüttert, wenn die traurige Botschaft geglaubt, erzeugt Mißmnth, wenn sie bezweifelt, Trotz, wenn sie geleugnet wird. Sie kann üble und auch gute Folgen habe», lieble, wenn sie entarteten Menschen oder solchen gebracht wird, denen das Bewußtsein einer höheren Wallung abhanden gekommen ist. Diese überlassen sich dann einem Fatum; fahren in ihrem bösen Thun nicht nur fort, sonder» vermehren und verstärken es mit der, wenn auch nicht immer ernst gemeinten, doch ausgesprochenen Absicht, das Erdcndasein zu nutzen, das Leben aus vollen Zügen zu genießen, um genießend unterzugchen. Da sie an den Untergang glauben, heißt es für sie: „Laßt uns essen, trinken, morgen sterben wir" (Jes. 22, 13). Sie empfinden die angekündigte Prophezeiung als Last, haben Verstand oder Empfindung genug, einznsehen, das; ihr Thun sich einmal rachen werde, aber nicht sittliche Kraft genug, die Ursache des über sie hcreinbrechenden Strafgerichtes zu entfernen, sich dem schwelgerischen Leben zu entreißen. Mißmuth der Zweifler und Schwächlinge drückt sich ans in dem Massa Jes. 13, 10, >vo der Prophet aufgefordert wird, süße, glatte Worte zu reden, lieber Täuschung als bittere Wahrheit zu künden. Sie wollen die Strafrede nicht hören, sie ist ihnen lästig, wenn sie auch air der Wahrheit des angedrohten Urtheils zweifeln. Ter ganze Spott aber drückt sich aus bei denen, die dem Propheten überhaupt keinen Glauben schenken, das Gotteswort mißachten, ihnr zu Trotz handeln. Es sind die, wie sie Jesaia nennt, „die das Verbrechen herbeiziehen am Bande des Truges, an. Wagenseil die Sünde. Die sprechen: Möge sie bald, schnell kommen seine That, daß wir sie sehen; möge schleunigst cintreten der Rathschluß des Heiligen Israels, daß wir ihn kennen lernen." (Jes. 5,18, 19). Es sind diejenige», die Amvs (5, 18) kurz bezeichnet mit: „Die gierig sind nach dem Tage des Ewigen ... der doch ist ein Tag der Finsterniß, incht des Lichtes." Sie Alle, glaubend, zweifelnd, leugnend, empfinden die Strafrede als Last, wollten sie lieber nicht gehört haben, nur die Wirkung ist je nach der Gefühlsbeschafsenheit und Gesinnung eine verschiedene. Wir möchten cs nun als Vermuthung hinstellen, daß, wenn die Vulgata Massa mit „Last" übersetzt, sie entweder das Werden und das innere Bewegt- und Beunruhigtsein im Auge hatte oder die Empfindung des Belästigtseins derer, an die das Massa gerichtet ist. Wenn die Septuaginta in ihrer Uebersetzung den Ausdruck wechseln, das Wort bald mit „Last" bald mit „Schau" rc. wiedergeben, so mag den Uebersetzern das eine Mal das Werden der Schau und das zum Ausdruck-Bringen derselben vorgeschwebt haben, das andere Mal ihre Wirkung auf die Hörer. Die genannten, wie spätere Uebersetzer, mögen sich von der Etymologie des Wortes oder dem Inhalte der Prophetie zu dieser oder jener Uebersetzung veranlaßt gesehen haben; uns genügt es, die Tendenz jener Kapitel und ihren vollen Inhalt mit ihrer Ueberschrift in Einklang gebracht und gezeigt zu haben, daß die Ueberschrift nicht der Laune des Propheten oder des Sammlers ihr Dasein verdankt, sondern wohl überlegt und mit Vorbedacht gewühlt wurde. Von den guten Folgen, die Strafrcden dieser oder ähnlicher Art gehabt haben, wird uns im heiligen Schriftthum wenig b>- richtet. Von dem Massa, das zumeist über fremde Völker ein End urtheil ausspricht, kann dies überhaupt kaum erwartet werden. Denn eine Strafandrohung in dem Sinne, daß die Drohung zu gleich eine Anfsorderung zur Rückkehr au das Volk enthalte, daiuii es vom Untergang gerettet werde, ist das Massa nicht. Es ist dir Vorschau, deren der Prophet gewürdigt wurde, sein auf dieser Gottbegnadigung ruhendes, reifes Urtheil, geschöpft sowohl ans der allgcineineu Sachlage, wie ans dem Gange, den dieses oder jenc.- Volk eingeschlagen hat. Das Urtheil ging dahin, daß dieses Voll seinem Verderben sicher entgegen geht. Von einer guten Folge, dir das Massa gehabt hat, in dem Sinne einer Besserung und dadurck Vermeidung oder völlige Aufhebung dessen, was ihm angedroht wurde, kann um so weniger die Rede sein, als es mehr als fraglick ist, ob jenes Volk oder dessen König und Führer jemals etwas von der Rede des Propheten erfahren haben. Wahrscheinlich ist, daß die Massa-Rede, wenn sie überhaupt öffentlich vorgetragen wurde, dies nur in Gegenwart der Israeliten geschah, und daß zu den verschiedenen Völkern, über die sie ergangen, auch kaum ein Wort derselben gedrungen ist. Es könnte dann wohl die Frage nach dem Zwecke des Massa entstehen. Wenn das Volk, an das es gerichtet ist, keine Kund^ davon erhält, wenn es sich nicht bessern und auch nicht gerettet werden kann, wozu wird das Massa gehakten? Daraus vorerst die Antwort, daß es nicht nöthig ist, daß jede Geistesregung, jede ai» gestellte Betrachtung, jeder ausgesprochene Gedanke eine bestimmte Tendenz, einen praktischen Zweck haben müsse. Jeder Gedanke und jedes Wort mag dem Entstehen nach eine Geschichte und eine Ursache haben, die Richtung nach dem Praktischen aber muß weder diesem, noch jenem itme wohnen. Am wenigsten darf das bei dichterischen Hervorbringungen gefordert werden. Geist wie Phantasie können schaffend thätig sein, ohne Richtung ans ein Objekt, ohne die geringste Absicht, wirken zu wollen. Sie schaffen, sind thätig, weil dies ihrer Natur entspricht, können aber das Geschaffene, so es kaum entstanden, wieder tödten, das ist, weil sie absolute Herrscher in ihren Reichen sind, ihr königliches Vorrecht. Freilich eine Wirkung wird das Gedachte, selbst wenn es bei der Geburt schon getödtct wurde, immer haben, sowohl für den Denker selbst als für den, dem es etwa mitgetheilt wurde; diese Wirkung aber war nicht beabsichtigt, oder niuß es nicht gewesen sein. Wir würden es unseren Propheten Dank wissen, daß sie micdiese Massa’s hinterlassen haben, auch dann, wenn wir das Objekt, auf das sie gerichtet waren, nicht kennten, wenn wir etwa von der Existenz Babels, Aegyptens u. s. w. überhaupt nichts wüßten und »ns nur die tiefernsten sittlichen Gedanken, in die herrlichen Worte gekleidet, erhalten geblieben wären. Diese Erwägung trifft jedoch hier nicht zu. Die Worte der Propheten waren nicht Erzengnisse eines auf- und niedertauchenden Gedankenspiels, auch nicht Gestaltung einer frei schaffenden Phantasie. Was sie sprachen, hatte Grund und Ursache, wie Zweck und Absicht. Wenn die Völker, für die das Massa bestimmt war, wohl schwerlich Kunde von dem ihnen drohenden Unheil erhielten, so wurde sie doch

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