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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-06-23 · Heft 25 (23.6.1893) · p. Seite 293

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 25 (23.6.1893)
Date
1893-06-23
Page
Seite 293 (sequence 5)
Language
German
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Warf man ihnen hartnäckigen Unglauben vor, warum sollten ihre Schriftgelehrten nicht auch die Schwächen des Kirchenglaubens aufdecken? Versagte nnan ihnen das natürlichste Menschenrecht, ihre Kraft im Wettbewerb in it der Gesellschaft geltend zu machen, war es zu verwundern, daß nie ihre Begabung auch wohl gegen dieselbe richteten? Zwang man ne mit brutaler Gewalt, sich zu beugen und zu ducken und vor jedem 'rechen Buben „Mores zu machen", warum sollten sie die ihnen aufnezwungene Kunst der Selbsterniedrigung, der Verstellung nicht auch gelegentlich zum Nachtheil und nicht blos zum Vergnügen ihrer Leinde gebrauchen? Man wollte sie der Verachtung und dem Haß ussetzen, indem man ihnen den von Gott und den Menschen verdammten Wucher preisgab; warum sollten sie sich nicht schadlos l alten, wenn Leichtsinn und Verschwendung ihnen die Feinde in die bände gaben? Der geschichtliche Shylok ist freilich nachlveislich ein Christ gewesen, ein römischer Kaufmann, Namens Paul Maria Sechi,; ab es war ein jüdischer Handelsmann, Simon Cenada, dem er ,itf Grund einer leichtsinnig eingegaugenen Wette ein Pfund Fleisch nsschneiden wollte. Aber der große britische Herzenskündiger und Menschenkenner wird doch wohl gewußt haben, warum er die Rollen ertauscht hat und just den Juden so erbarmungslos auf seinem lettel bestehell läßt. Andererseits hat unser Lessing auch sehr wohl gewußt, warum r im weihevollsten seiner Dramen den Juden Nathan zum Propheten er reinsten Humanität, der vollendeten Toleranz gemacht hat. Dem Lieger, dem Glücklichen wird's nicht schwer, Großmut!) zu üben und dem überwundenen Feind gerecht zu werden; wenn aber der besiegte, Mißhandelte, Verworfene es über sich gewinnt, die Leidenschaft zum Schweigen zu bringen und das Gute auch an seinem öezwmger anzuerkennen, so ist das ein Sieg der Vernunft und ein Akt der Selbstverleugnung, der die wahrhaft große Seele bekundet, an der siebenten Scene des vierten Aktes, der ergreifelkdsten in Rathan dem Weisen, erzählt der Jude dem frommen, schlichten Klosterbruder, in welcher Lage er sich befand, als ihm das verwaiste Ehristenkind anvertraut wurde. Wenige Tage zuvor hatten die Christen in Gath alle Juden mit Weib und Kind ermordet; unter hnen seine Frau mit sieben hoffnungsvollen Söhnell. Drei Tage yatte Nathan in Asch' und Staub vor Gott gelegen, mit ihm gerechtet, gezürllt, getobt, sich und die Welt verwünscht, der Christenheit den unversöhnlichsten Haß zugeschworen. Doch nun kam die Vernunft allmählich wieder. Sie sprach mit sanfter Stimm': Und doch ist Gott, Doch war auch Gottes Nathschluß das. Wohlan, Komm', übe, was du längst begriffen hast. Was sicherlich zu üben schwerer nicht Als zu begreifen ist, wenn du nur willst. Steh' auf! - Ich stand und rief zu Gott: Ich will. Willst du nur, daß ich will. — Indern stiegt Ihr Vom Pferd und überreichtet mir das Kind, In Euren Mantel eingehüllt Was Ihr Mir damals sagtet, was ich Euch, Hab' ich Vergessen. So viel weiß ich nur, ich nahm Das Kind, trug's ans mein Lager, küßt' es, warf Mich auf die Knie nnd schluchzte: Goll, auf sieben Doch nun schon eirieö wieder! Wenn nun diese ergreifende Darstellung dessen, was sich der gottergebene Mensch für Thateu abgewiunen kann, den frommen Klosterbruder zu den anerkennenden Worten nöthigt: „Nathan, Ihr seid ein Christ. Bei Gott, Ihr seid ein Christ! Ein besserer Christ war nie!", so antwortet ihm Nathan so schön als zutreffend: „Wohl uns, denn was mich Euch zum Christen nmcht, das macht Euch mir zum Judeu!" Ich habe die herrlichen Worte vollständig mitgetheilt, weil sie uns den Weg zeigen, wie der mehr als tausendjährigen Feindschaft ein Ende gemacht werden kann. Der Friede nnrb geschlossen, wenn die Ursachen zum Kriege aufhören. Der letzte inib tiefste Grund des Krieges war ans beiden Seiten, um abermals mit Lessing zu sprechen, die fromme Raserei, den bessern Gott zu haben und diesen bessern der ganzen Welt als besten aufzudringen. Wer wie Nathan zu der Einsicht gekommen ist, daß der Christ dasselbe Recht hat wie der Jude, mit dem Kosenamen seiner Religion das höchste sittliche Ideal zu bezeichnen, daß aber in Wahrheit dieses höchste sittliche Ideal an keine der positiven Religionen ausschließlich geknüpft ist, für den ist der Streit zu Ende, dem geuügt's, ein Mensch zu heißen und als solcher einer unbestochenen, von Vorurtheileu freien Menschenliebe nachzneifern. Die Handlung des Nathan spielt vor siebenhundert Jahren im Zeitalter der Kreuzzüge. Es läßt sich geschichtlich Nachweisen, daß sich damals einzelne Christen. Inden und Mohammedaner zu solcher religiösen Weitherzigkeit und rein humanen Sittlichkeit emporaeschwungen haben. Aber die große Masse folgt unendlich langsam. Die Reformation hat den Einflnß der römischen Kirchenpalitik in weiten Kreisen gemindert, aber der Streit zwischen Inden nnd Christen ist dadurch noch längst nicht entschieden worden. Das kann erst geschehen, wenn beide Theile zu der Ueberzeugung tonnnen, daß Gott sich im Wesentlichen allen Völkern auf gleiche Weise offenbart, nämlich durch die Gedanken der Besten und Weisesten unseres Geschlechts. Als Lessing vor hundert Jahren seinen Nathan schrieb, waren wenigstens die hervorragendsten geistigen Führer der Nation, die wir noch jetzt mit Stolz unsere Klassiker nennen, in dieser Ueberzeugung einig. Einer der edelsten unter ihnen, Herder, hat damals von den Juden prophetisch gesagt: „Es wird eine Zeit kommen, da man in Europa nicht mehr fragen wird, tver Jude oder Christ sei, dein: auch der Jude wird nach europäischen Gesetzen leben nnd zum Besten des Staates beitragen. Nur eine barbarische Verfassung hat ihn daran hindern oder seine Fähigkeit schädlich machen mögen." Bas Massa der Propheten. Eine exegetische Studie von Rabbiner Dr. Stier. V. (Schluß.) Nach dem Gesagten können lvir den Begriff des Massa bestimmen. dasselbe auch entsprechend libersetzen. Ztvei Momente kommen hierbei in Betracht: das subjektive tote das objektive. Das subjektive, infofern es den Vas Massa Sprechenden, in unserem Falle den Propheten selbst betrifft. Das objektive, insofern steh das Miasma ans einen Einzelnen, einen Stanuu oder ein Volk bezieht. Bei dem subjektiven Momente muß wieder zweierlei unterschieden werden. Erstens: das Massa in seinem Werden und Entstehen, in dem Ringen nnd Suchen nach äußerer Darstellung. Zweitens: die Art, wie es sich offenbart, durch welches Nüttel es zur Darstellung gelangt. So lange es im Werden begriffen ist, nach Form nnd Gestaltung ringt, ist das Massa eine „Last" zu nennen. Eilte Last für den Propheten. Er trägt den Gedanken, dieser beschwert mtb belästigt ihn, so lange er nach Form nnd Gestaltting sucht. Diese oder eine ähnliche Belästigung empftubet mehr oder minder jeder denkende Mensch,

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