Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1893)
- Date
- 1893-06-23
- Page
- Seite 292 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227986-3228012--49905-3271493- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
292 Meinung, ein Giftstoff eingeimpft, der sich von Geschlecht zu Geschlecht forterbt und tmmt noch auszurolten ist. Wie der Hexenwahn heute noch weite Kreise beherrscht, so auch die Ueberzeuguug, daß die Juden Christenblut ]u Kultushandluugen verwenden. In Frankfurt a. M. sah man noch im Anfang unseres Jahrhunderts am Brückenthurm ein Bild, das den Leichnam eines von jüdischen Priestern mit Pfriemen durchbohrten Kindes darstellle. In Damaskus kam es 1840 zu einer heftigen Judenverfolgung, lveil man einem Jude)! durch die Folter das Geständnis', erpreßt hatte, er habe einen Kapuziner geschlachtet, um für sein Osterbrod das nöthige Ehristenblnt zu gewinnen. Der Prozeß Buschhoff im vergangenen Jahre hat allerdings den Beweis geliefert, daß die preußische Justiz nicht geneigt ist, an den jüdischen Ritualmord zu glauben. Auch höhere katholische Geistliche, die mit der Staatsregierung Fühlung haben, wie der Fürstbischof Dr. Kapp von Breslau und der Professor Bickell, an der Universität Innsbruck, haben das Zugeständnis; gemacht, daß im jüdischen Gesetz vom Ritualmord nichts stehe. Aber eben dieser famose Prozeß Buschhoff hat auch bewiesen, wie sehr die niedere katholische Geistlichkeit noch in diesem Voltswahne befangen ist und wie ungern auch evangelische Geistliche eine so scharfe Waffe gegen das Judenthum aus der Hand geben möchten. Wenn aber die Geistlichen, die dern niederen Volke am nächsten stehen, noch diesen mittelalterlichen Aberglaubelt theilen, so ist an ein Erlöschen nicht so bald zu denken. Enthält doch das Lesebuch des Jesuitenpaters Hattler, „der Katholische .Kindergarten", nicht weniger als drei Erzählungen von frommen Christenkindern, die durch die Inden zu Märtyrern gemacht werden. Die zweite Beschuldigung, die Hostienschändung, ist vielleicht von den Hexenprozessen, wo sie eine große Rolle spielt, auf die Juden übertragen worden. Sie lautet dahin, die Juden zerstächen und zerschnitten gestohlene Hostien, um dadurch am Körper Christi aufs 9teue ihre Bosheiten auszuüben. Ist es schon all sich höchst unwahrscheilllich, daß die Juden gerade die werthlosesten Dillge aus den Kirchen stehlen sollten, uni all ihnen kindischen Muthwillen auszuüben, so ergiebt sich der pfäffische Ursprung dieser Allklage alich aus den begleitenden Nebeuumständen. Regelmäßig soll nämlich alls der lnißhandelten Hostie Blut fließen; man sieht auch wohl einen Achten Schein über bcm Judenhause, in welchen! Christus wieder von den Juden mißhandelt wird. Dieser Wahn hat sich unter den; Einfluß des Protestantismus allerdings nicht bis auf die Gegenwart erhalten, um so größer aber ist die Zahl der Opfer, die ihm im Mittelalter gefallen sind. Und selbst an der Schwelle der neueren Geschichte hat nian noch hier in Berlin unter Kurfürst Joachim I. auf bem freien Platz vor der Marienkirche 38 Juden auf einmal verbrannt, nachdem ihnen durch die Folter das Geständnis; der Hostienschändung abgepreßt worden war. Ging die Kirche gegen einzelne Juden mit solchen Waffen vor, so kam es ihr auch nicht darauf an, sie da, wo sie unter glücklichen Verhältnissen Macht und Einfluß gewonnen hatten, alle ohne Ausnahme des Landes zu verweisen und dein Elend preiszugeben. So entfernten gegen Ende des 11. Jahrhunderts die rheinischen Kurfürsten die Juden aus ihrem Gebiet, die sich daun in Schlesien, Mähren und Polen niederließen. Wir haben gehört, zu welcher Blüthe das Judenthum auf der pyrenüischen Halbinsel unter der milden Herrschaft der Mauren gelangt war. Kauul war (1492) die Maurenherrschaft durch Ferdinand den Katholischen und Jsabella gestürzt, jo drang der Generalinquisitor Torqueniada darauf, daß die Juden das Land verlassen lnüßten. Uursonst boten sie eine für jene Zeit bedeutende Summe für die Aufhebung des Verbots. Jsabella, so wird erzählt, schwankte einen Augenblick, aber Torquemada trat mit dem Kreuz vor die Regentin hin und rief ihr zu: „Judas verkaufte seinen Herrn für 30 Geldstücke, Ihr scheint ihn für 30,000 verkaufen zu wollen.' So wurde der Befehl zur Ausweisung ertheilt. Ueber ihr Hab und Gut sollten die Juden verfügen, es aber nicht in Gold und Silber luitnehmen dürfen. Sie mußten ihr Eigenthum verschleudern, kos;: bare Häuser gegen einen Esel vertauschen, und schließlich wurde ihnen auch das Wenige genommen, was man ihnen gelassen hat!;. Der König von Portugal, Emanuel der Glückliche, der ihnen anfangs eine Zuflucht gewährte, folgte doch bald dem Beispiel Spanien-. Nur fügte er noch den schrecklichen Befehl hinzu, daß den Judul zuvor alle Kinder unter 14 Jahren genommen werden sollten, bannt sie getauft, im Lande vertheitt und christlich erzogen würden. P« war ein unbeschreiblicher Janrmer, und viele Eltern zogen es von zuerst ihre Kinder und dann sich selbst zu tödten. An diese grausamen Verfolgungen, Justizmorde, Pöbelexzeff, Ausweisungen denkt nran gewöhnlich zuerst, wenn mau von b*r Geschichte der Juden im Mittelalter spricht. Indessen machen n das Charakteristische derselben nicht ans. Sie sind ein langes, traurig; Kapitel in dem großen Buch der Religionskriege, in der Geschick; des Fanatismus, aber keineswegs das entsetzlichste. Wenn man di. furchtbaren Vernichtungskriege des Josua und seiner Nachfolger in Kanaan, die der Mohammedaner in drei Welttheilen, das zweihundertjährige Gemetzel der Kreuzzüge mit dem Feldgeschrei „Gott will es wenn man die unzähligen Opfer der Inquisition, die Albigenser Hussiten- und Cevennenkriege, die Bartholomüusltacht, die Thaten Albas in den Niederlanden u. s. w. mit den Judenverfolgungen ir Mittelalter vergleicht, so wird man sich sagen müssen, daß diese eben auch nur einen Akt in der Tragödie menschlicher Glaubensverirrunge allsmachen und nicht einmal den blutigsten und thränenreichste; Dem Hexenglauben siild beispielsweise mindestens tausendmal so vic- Opfer gefallen als dem Wahn des Ritualmordes und der Hostien schündung. Nicht diese einzelnen Verfolgungen und Justizmorde geben der Geschichte der Juden im Mittelalter ihren besonderen Charakter, sondern das planmäßige von Rom allsgehende und allenthalben, besonders in Deutschland, nachgeahtnte Niederhalten eitles weit verbreiteten und hochbegabten Volksstamms. Kein Voll ist wie die Juden mit dem stolzen Anspruch, Gottes altserwählte Volk zu sein, in die Weltgeschichte eingetreten, kein Volk ist länge; und empfindlicher gedemüthigt worden. Gewiß ist der Heroismus, mit welchem sie trotzdem ihre; religiösen Ueberzeugung treu blieben, ohne Beispiel in der Welt geschichte. Im raschen Kampf das Leben für die höchsten Güte; einsetzen, will nicht viel sagen. Da schwellt die Hoffnung auf Sieg und Ehre die Brust und ein ruhmvoller Tod verliert seine Schrecken. Aber sich von der Geburt bis zum Grabe erniedrigen und demüthigea müssen, jeder Hoffnung auf soziale Gleichstellung entsagen, sich bitrd brutale Eingriffe nur zu oft auch um die mit Furcht und Zittern erworbene Frucht harter Arbeit betrogen sehen, die Kinder demselben Elend ausgesetzt wissen, der Prügelknabe von Hoch und Gerinn. Jung und Alt zu sein, — und sich doch für Gottes erstgeborenen Sohn halten, das bekundet eine Energie der religiösen Ueberzeuguug. die sich in gleicher Weise nicht zum zweiten Mal vorfindet. Sie ist um so staunenswerther, da die Juden nicht düstere Pessimisten waren, die Erde nicht für ein Jannnerthal ansahen, sondern die Güter derselben sehr lvohl zu schützen wußten; sie ist um so großartiger, da wir's nicht mit himmelbrütenden Schwärmern zu thun haben, die die Pforten des Paradieses vor sich geöffnet sehen, sondern mit nüchternen Leuten, mit kühlen Denkern, welche die Entschädigung int Jenseits kaum in Rechnung stellten. Daß sich in diesem mehr als tausendjährigen Ringen ein von Hause aus so stolzes und thatkräftiges Volk immer nur leidend und