Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-06-23 · Heft 25 (23.6.1893) · p. Seite 290

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 25 (23.6.1893)
Date
1893-06-23
Page
Seite 290 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227986-3228012--49903-3271491
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

290 Handfcrtrgkeits - Unterricht für unsere Knaben. Von E. F l a n t e r. Die stets wachsende Zahl der an dem Handfertigleitsunterrichte theilnehmenden Knaben aller Schulen und die zunehmende Menge der Vereine zur Förderling dieses Unterrichts betveisen zur Genüge, daß die Idee der Handbildung im Rahmen der Erziehung immer mehr zur Geltung gelangt. Da vorausgesetzt werden darf, daß das Wesen des Handarbeitsunterrichts genügend bekannt ist, wollen wir nur kurz Folgendes hervorheben: Außer der Schillzeit werden die Knaben nach einem auf pädagogischen Grundsätzen beruhenden Lehrplane in der technischen Bearbeitung verschiedener Materialien, wie Papier, Pappe, Holz, Thon, Metall u. s. w„ von Lehrern unterrichtet. Der Zweck dieses Unterrichts ist ein gar mannigfacher. Die namhaftesten Pädagogen der letzten Jahrhunderte haben die Forderung aufgestellt, den Heranwachsenden Menschen nicht nur zur geistigen, sondern auch zur werkthätigen Arbeit zu erziehen. In „Lienhard und Gertrud" sagt Pestalozzi von Glülphi: „Mit jedem Tage ward ihm klarer, die Arbeitsamkeit, die physische Thätigkeit unseres Geschlechts sei das wahrhaft heilige Mittel der Verbindung des ganzen Umfangs unserer Kräfte zu einer einzigen gemeinsamen Kraft, zur Kraft der Menschlichkeit. Alle Tage sah er mehr, wie die Arbeitsamkeit den Verstand bildet und den Gefühlen des Herzens Kräfte giebt, wie sie von den Schwächen zurückführt, unser Geschwätz über Heldengröße für Heldengröße anzusehen. Diese höheren Ansichten über die menschliche Ausbildung waren es, warum er Drehstuhl, Hobelbank, Rühkissen u. s. w. in seine Schule aufnahm." Die gesteigerten Anforderungen des Lebens machen neben der geistigen Ausbildung die technische dringend »othwendig. Das Kind muß mit dem Gebrauch der nothwendigsten Werkzeuge bekannt gemacht und vor Unbeholfenheit in technischen Dingen bewahrt werden. Das wird durch den Haudfertigkeitsunterricht sicher erreicht. Medizinische Aluoritüten, wie z. B. Geheimer Sanitätsrath Tr. Kristeller, haben den Unterricht in den Knabenhandarbeiten aus sanitären Gründen dringend empfohlen. Infolge der geistigen Anstrengung wird dem Gehirn eine größere Menge Blutes zugeführt als allen übrigen Organen, wodurch Kopfschmerzen, Nasenbluten und andere sogenannte Schulkrankheiten entstehen. Der Handarbeits-Unterricht, bei dem fast alle Muskeln des Körpers in Anspruch genommen werden, befördert eine gleichmäßigere Vertheilung des Blutes und bildet einen heilsamen Ausgleich zur Lernthätigkeit. Von außerordentlicher Bedeutung ist die erziehliche Seite dieses Unterrichtsfaches. Das Kind lernt die Kunst des richtigen Auschauens und Darstellens und erwirbt sich eine geschickte Hand, ein geübtes Auge und einen praktischen Sinn. Auf zweckmäßigste Weise wird der dem Knaben innewohnende Trieb zum Schaffen und Gestalten befriedigt durch Herstellung eines wirklichen Gegenstandes. Durch allmähliches methodisches Fortschreiten wächst mit jedem neuen Gegenstand das Können und mit ihm die Schaffensfreude, die Thatkraft und das Selbstvertrauen. Aber auch an Fleiß, Ordnung, Sauberkeit und Ausdauer werden die Kinder gewöhnt. Also wirkt der Handfertigkeitsunterricht veredelnd auf den Charakter und unterstützt das Erziehungswerk der Eltern und Lehrer. Die Förderung des Handarbeitsunterrichts empfiehlt sich auch vom staatsbürgerlichen Gesichtspunkte. Die heutige Erziehungsweise schafft infolge ihrer vorwiegende» Entwicklung der abstrakt-geistigen Kräfte des Kindes nicht nur eine einseitige Entwicklung der Kräfte und eine unzureichende Vorbildung für das Leben, sondern sie ruft auch eine unnatürliche und sozial gefährliche Verschiebung des Interesses für die Berufsarien des Lebenim Kinde hervor. Nicht zum Mindesten verdanken wir ihr dm Gelehrtenproletariat und die Geringschätzung der handarbeitlichen Berufe. Der Handarbeitsunterricht aber beseitigt die übermäßige Neigung zum geistigen Berufe und lehrt die Kinder den Werth der Arbeit schützen. Ist hierin nicht eine theilweise Lösung „der soziale» Frage" zu finden? — Wer diese nicht als Sport, sondern als eine heilige Aufgabe betrachtet, wird die Veranstaltungen zur Förderung des Handfertigkeitsunterrichts wegen seiner sozial-pädagogischen Bedeutung nach Kräften unterstützen. Die letzten Jahre mit ihren sozialen Wirren und Irrlehren, die uns Juden so viel Herzeleid bereiten, sollten uns die Mittel und Wege finden lehren, durch die wir die Zukunft unserer Kinder günstiger gestalten können. Es kann nicht bestritten werden, daß bei rms der Kaufmanns- und Gelehrtenstaird bevorzugt wurde. Das; dieser Umstand von der antisemitischen Meute gegen uns ausgebeutet wurde, haben wir schmerzlich erfahren. Freilich vergessen jene Hetzapostel, daß die Juden durch grausame Gesetze geradezu vom Handwerk und Ackerbau ausgeschlossen wurden. Man denke nur an das Privileg Kaiser Karls V. vom 3. April 1541, in welchem den Juden verboten wurde, Land zu besitzen und Handwerk zu betreiben. Dieses Verbot bestand in den meisten Ländern noch in diesem Jahrhundert. Erst das Jahr 1848 räumte in Preuße» mit den meisten Einschränkungen auf. Doch was die Gesetzgebung Jahrhunderte lang gesündigt, konnte in der kurzen Zeit nicht ausgeglichen werden. Trotz dieser Beschränkung in der Berufswahl, aus der sich schließlich naturgemäß eine Neigung für die erlaubten Berufszweige entwickelte, haben wir heute doch schon eine stattliche Zahl hervorragender Handwerker und Landwirthe unter uns, wie zu allen Zeiten und in allen Ländern, wo unsere Glaubensgenossen diese lästigen, unheilvollen Einschränkungen nicht kannten. Auch die jüngeren Generationen wollen wir wieder dem Handwerk und Ackerbau zuführe». In dieser edlen Absicht wirken 39 jüdische Vereine und Stiftungen. In der richtigen Erkenntniß und Würdigung des Handfertigkeitsunterrichtes als das vorzüglichste Mittel, die Neigung für die technischen Berufsarteu zu wecken, hat der Deutsch-israelitische Gemeindeblind zur Verbreitung desselben schon sehr viel gethan. „Es ist eine Freude, >vie schnell es den jüdischen Knaben gelungen ist, schöne Arbeiten in Papier und Holz zu Stande zu bringen", sagte Dr. Kristeller, und so mancher tüchtige Haudtverker, der in einem anderen Berufe vielleicht unbrauchbar wäre, verdankt diesen Bestrebungen seine Existenz. Weil» man erwägt, daß die ersten Befürworter des Handarbeitsunterrichts unsere Glaubensgenossen, nämlich die Philanthropen Salomon und Abrahamsohn in Nääs waren, die viel Zeit und Geld diesem Gegenstände geopfert haben; wenn inan ferner erwägt, von wie hoher erziehlicher Bedeutung dieser Unterricht gerade für uns er e Knaben ist, dann muß es doch befremden, daß der Handfertigkeitsunterricht in den jüdischen Kreisen noch nicht so viel Anerkennung gesunden hat, daß er in dem Lehrplan aller jüdische» Schulen — wenn auch nur fakultativ — bis jetzt keine Aufnahme gefunden hat. Wir wissen wohl, daß unsere wohlhabeilden Glaubensgenossen von allen Seite» „angezapft" werden; aber wir hoffen auf einen guten Erfolg, wenn wir an den Wohlthätigkeitssinn der edeldenkenden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.