Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1893)
- Date
- 1893-06-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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57. Jahrgang. Nr. 25. Allgemeine Berlin, 23. Juni 1893. eitung Des Auöentbums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von derErpedition in Berlin unter Streifband bezogen vierleljährl.3M. Viedacteur: Gustav .N arpeles. Begründet von Rabbiner Ludwig Philippson-Konn. Verlags-Wrpedition: Berlin, Jerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Nedaktion und Expedition sind an die Adresse Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums". Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Nudolf Blosse, Berlin. Leitartikel: Das Wahtvesiiltat. — Handfextiakeits-Ulüerricht für iifere Kualrn. Von E. Flanier. — Briese ans Witfelaitb. V. Von Jz. Barsel. Tie Inden im Vlittelalter. Von Mos. Tr. Ernst Hermann. (Schllifi). — ' as Nnssa des Propheten. V. Von Rabbiner Tr. Stier. — Feuilleton: vagar. Eine schwäbische Dorfgeschichte von E. Velv. (Forts) — Der Diakomls i n Nicäa. ^Itach dem Französischen. (Schluß.) — Litterarische Mittheilungen. Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Aus chlesien, Znblinih, Hannover, Leipzig, Wien, llngarisch-Hradisch, Paris, London, <.t. Petersburg, Sofia, Vivgador. — Bon Nah nnd Fern. — Miscetten. — Geschäftliche Notizen. Vas Mahtresullat. Berlin, 20. Juni. Der erste Theil des Wahl-Dramas ist abgespielt. Er hat uns 'dien mannigfache Ueberraschungen gebracht, uns Juden aber keine weziellen, deren wir uns zu freuen oder die wir zu furchten Hütten. Ne Zahl der antisemitischen Stimmen ist gewachsen; wir haben das gewußt, wir beklagen es — aber wir furchten uns nicht davor. Ja, >.* gewährt uns eine gewisse Beruhigung, daß dieser Stimmenzuwachs "wesentlich in solchen Bezirken und Provinzen erfolgte, wo nur wenig Giden wohnen. So hat sich im Königreich Sachsen nach der Zahlung von 1885 die Zahl der Juden im Berhültniß zu der übrigen Beölkerung auf 24 vom Tausend belaufen. Nur in Sachsen-Altenbura wit 2,4), Schwarzburg -Rudolstadt (5,4) und in beiden Reuß l2 bezw. 8,8) ist das Berhültniß ein noch geringeres. Trotzdem hat erabe in Sachsen die Zahl der Antisemiten am meisten zugenommen.! -Ne sind seit 1890 von 4788 auf 86,821 gewachsen. Dagegen sind le konservativen Stimmen, die nationalliberalen, die freisinnigen und 'übst die sozialdemokratischen zurückgegangen. Wer Augen hat, um u sehen, der wird aus diesen Zahlen klar erkennen, wohin der Antimitismus steuert. Daß wir uns über die Niederlage der liberalen Partei keineswegs reuen, ist selbstverständlich. Nicht ans politischen Gründen, denn fir treiben, wie gesagt, keine jüdische Politik. Aber einfach darum, eil die Fortschritts-Partei die Rechte der Juden bisher am Enthiedensten vertheidigt hat. Sie that dies nicht aus besonderer Vorliebe für uns, sondern weil die Gleichberechtigung aller Staatsbürger der erste Punkt in ihrem Programm ist. Aus diesem -Grunde allein haben wir zu wünschen, daß es dieser Partei genügen möge, die Scharten anszuwetzen, die sie sich im Wahlw.nnpfe geholt hat. Victrix causa diis placuit, sed vichi Catoni. ist ein Gebot der ausgleichenden Gerechtigkeit einerseits, daß äie liberalen Parteien die Rechte der Juden schützen und daß die Juden hinwiederum den Parteien dankbar sind, die sich dieses Ziel gesetzt haben. Ein merkwürdiges Schauspiel boten während des Wahlkampfes die Konservativen und Antisemiten. Diese sind ihren lieben Tivolibrüdern sehr gefährlich geworden, namentlich in Sachsen. Bon der Ansicht ausgehend, daß unter Kameraden Alles egal sei, dabei aber Selbstessen fett mache, oersuchten die Antisemiten, die Rolle des jungen Kuckucks im konservativen Nest zu spielen. In Friedeberg- Arnswalde hat Ahlwardt denselben Landrath, der ihn früher als „kleineres Hebel" empfohlen hatte, mit großer Stimmenzahl geschlagen; damit nicht genug, ist er auch in Pommern eingedrungen und hat es in einer der ältesten Burgen der Konservativen, in Neustettin, zu einem Platz ans der Stichwahlliste gebracht, während Herr- Stöcker dort dnrchgefallen und in Siegen auch wohl nicht als Sieger aus der Stichwahl mit einem Nationalliberaleu hervorgehen dürfte. Am härtesten bedrängen die Antisemiten die Konservativen in Sachsen; was da früher konservativ war, trügt jetzt die antisemitische Uniform. In Dresden stehen gegen zwei Sozialdemokraten zwei > Antisemiten in der Stichwahl, ebenso in Tharand und Meißen; diese vier Mandate sind also, sofern die Konservativen nicht m den Antisemiten gleiche Brüder sehen, für sie verloren; auf Gegenleistungen werden sie schwerlich zu rechnen haben. Die Antisemiten sind, wahrend sie in Sachsen starke Fortschritte gemacht haben, in Hessen wesentlich znrückgegangen. Nur Liebermann v. Sonnenberg hat sein Mandat im ersten Gange behauptet, Böckel nnd Werner, sowie Zimmermann werden eine Stichwahl zu bestehen haben, desgleichen der Ersatzmann, den Herr Böckel den Gießeneru für den edlen Pickenbach bescheert hat. Halten alle gegnerischen Parteien fest zusammen, so kann es gelingen, den Böckelschen ihre vier Sitze zu nehmen; auch Marburg wird zu gewinnen sein, wenn alle Richtungen sich gegen das Böckelthum vereinigen. Nach offiziöser Uebersicht hat die antisemitische Partei im ersten Wahlgange nur zwei Mandate erobert; dagegen steht sie in 16 Wahlkreisen zur Stichwahl. Was sie in dieser erreichen wird, bleibt abzuwarten. Für diese Stichwahlen gilt es nun alle Kraft zu sammeln. > Wir geben keine Wahlparole aus, weil wir eben keine Separatpolitik treiben. Aber dieses Eine muß als unabänderliches Gesetz! für uns gelten: Gegen den Feind der Juden verbinden wir > uns mit jeder der staatserhaltenden Parteien. Unser Kampf gilt! dem Gegner, der uns selbst angegriffen. Ter Augenblick ist ernst, die Zukunft nugerviß, thue darum Jeder seine Pflicht, damit uns die schweren Kümpfe um die höchsten Güter, die wir besitzen und erstreben, erspart bleiben. d