Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1893)
- Date
- 1893-06-16
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 Regierungspräsidenten, der jedoch erklärte, gegen die strikte Verfügung des Ministers nicht handeln zu können und an den Minister selbst vermies. Herr Dr. Blumenthal erstattete darauf einen dringenden telegraphischen Bericht an den geschäftsführenden Ausschuß des deutschen Centralkomitees, dessen Schriftführer, Herr Rechtsanwalt Breslauer, sich sofort in das Ministerium begab und die Genehmigung des Herrn Ministers erwirkte. Der Minister gab an die Negierung in Oppeln telegraphisch Ordre, diese 68 Auswanderer ausnahmsweise durch deutsches Gebiet passiren zu lassen, und der Regierungspräsident sandte eine entsprechende Verfügung an die hiesige Polizeiverwaltung. Da aber die Auswanderer inzwischen polizeilich nach Oderberg zurückbefördert waren, konnten sie erst am nächsten Tage ihre erneute Reise durch deutsches Gebiet ungehindert antreten. Heute bestiegen die heimathlosen Unglücklichen ihr Schiff in Rotterdam, um in einer ungewissen Ferne eine neue Zukunft sich zu gründen. Wir nehmen von diesem Zwischenfalle nur deshalb Notiz, um die östlichen Komitees, zumal das Krakauer, davor zu warnen, paßlose Auswanderer an die preußische Grenze zu schicken, da, wie bereits bemerkt, der letzte Trupp nur ganz ausnahmsweise befördert wurde, und künftige Auswanderer schon an der Grenze ohne Weiteres zurückgewiesen werden dürften. Die Arbeit der deutschen Centralkomitees ist unter den gegenwärligen Verhältnissen eine so unendlich schwierige, daß man es nicht versuchen sollte, die Ausführung der im Verein mit der Regierung getroffenen Maßnahmen der deutschen Komitees durch unbefugte Sendungen zu erschweren. * Dortmund, 8. Juni. Am 28. v. Mts. fand im „Kölnischen Hofe" hier unter überaus reger Betheiligung der westfälischen Gemeinden der dritte ordentliche Gemeindetag des Verbandes der Synagogen- Gemeinden Westfalens statt. Vertreten waren 26 stimmberechtige Gemeinden mit 52 Delegirten. Außerdem wohnten gegen 50 Gäste aus den verschiedensten Gemeinden den Verhandlungen bei. Die Verhandlungen legten ein schönes Zeugniß ab für die Opferwilligkeit und das redliche Wollen der westfälischen Gemeinden, auf dem Gebiete des Kultus- und Schulwesens möglichste Einheit zu schaffen. Eröffnet wurde die Sitzung um 9 Uhr Vormittags durch den ersten Vorsitzenden des Verbandes, Herrn Banquier M. Katzenstein-Bielefeld, welcher zunächst Herrn Ad. Elias-Dortmund zu einer überaus herzlich gehaltenen Begrüßungsrede an die Versammlung das Wort ertheilt. Hierauf wurde in die Verhandlungen eingetreten. Punkt 1 der Tagesordnung: „Bericht über die Thätigkeit des Verbandes im zweiten Geschäftsjahre", fand schnelle Erledigung, da der gedruckte Bericht vorlag und bereits mit der Einladung zu dem Verbandstage an die Gemeinden versandt worden war. Aus dem Kassenbericht heben wir hervor, daß die Einnahmen und Ausgaben im verflossenen Geschäftsjahre mit M. 3725.37 balaneirten. Der von dem Ausschuß vorgelegte Lehrplan für den Religions-Unterricht an den höheren Schulen bis zur Ober-Tertia bezw. bis zur 1. Klasse der höheren Mädchenschulen einschließlich wurde einstimmig angenommen und der Ausschuß mit den vorbereitenden Schritten zur amtlichen Einführung der Pläne betraut. Für die Volks- und Religionsschulen sind, wie der gedruckte Bericht hervorhebt, bereits im verflossenen Jahre seitens der Unterrichtskommission des Verbandes einheitliche Pläne im Anschluß an den vom vorigen Gemeindetag genehmigten Normallehrplan ausgearbeitet worden, die, nachdem sie vom Ausschuß einstimmig angenommen waren, den Negierungen zu Münster, Minden und Arnsberg mit der Bitte überreicht wurden, die Regierungen möchten die Pläne und die in denselben empfohlenen Lehrbücher einer genauen Prüfung unterziehen und event. den ihnen unterstellten Kreis-Schulinspektoren die Weisung ertheilen, daß sie bei künftigen Schulrevisionen der Prüfung im jüdischen Religions-Unterricht die Pläne des Verbandes zu Grunde legen. Die Regierungen zu Münster und Minden haben bereits im zustimmenden Sinne geantwortet; von Arnsberg steht die Antwort noch aus, doch hofft der Verband zweifellos auch hier auf bereitwilliges Entgegenkommen, so daß hiermit der Frage der Inspektion des jüdischen Religionsunterrichtes an den Volksschulen Westfalens ihre endgiltige und zweckentsprechendste Lösung gefunden haben wird. Aber auch für die Religionsschulen ist durch einstimmigen Beschluß des diesjährigen Gemeindetages die Einführung der regelmäßigen Inspektion durch bewährte Fachmänner nunmehr beschlossen. Wir begrüßen diese Thatsache mit freudiger Genugthuung, weil wir in ihr die sicherste Garantie für die gedeihliche Entwickelung des Religionsunterrichtes erblicken. Der weitere Punkt der Tagesordnung: Antrag der Gemeinde Witten: „Der Gemeindetag wolle den Ausschuß mit der Herausgabe eines Schullesebuches fih die jüdische Volksschule, bezw. mit der Umarbeitung eines der vor handenen Lesebücher für dieselbe beauftragen," wird nach eingehender Begründung durch Herrn Ostwald-Witten und nach längerer Debatte angenommen, ebenso der folgende Antrag Witten, der die Herausgabe eines einstimmigen Synagogen-Gesangbuches mit Noten fordert. Di, Herausgabe bezw. Umarbeitung des Lesebuches wird dem Ausschuß seitens des Gemeindetages zur beschleunigten Erledigung anempfohlen. Den wichtigsten Punkt der Tagesordnung bildete die Vorlage und Berathuna des von Herrn Rabbiner Dr. Vogelstein in Stettin im Aufträge de§ Ausschusses ausgearbeiteten Gebetbuchentwurfes, welcher bereits in vielen Kommissionssitzungen eingehend durchberathen war und nunmehr dem Gemeindetag zur definitiven Beschlußfassung vorlag. Der Entwurs fand die Zustimmung der Versammlung in solch' hohem Maße, daß seine Annahme einstimmig erfolgte, ein Resultat, welches mit lebhaftem Brave ausgenommen wurde. Und in der That verdient dies Ergebniß auch die freudigste Anerkennung, weil dadurch der Zerfahrenheit, die in den ver schiedenen Gemeinden durch Gebrauch der verschiedensten Gebetbücher hervorgerufen wurde, endlich gesteuert wird. Mit der Drucklegung des neuen Gebetbuches wurde der Ausschuß beauftragt. Eine längere Debatte rief Punkt 9 der Tagesordnung hervor, der die Berathung über die zur Erhöhung der Einnahmen des Verbandes einzuschlagenden Wege zum Gegenstand hatte. Herr I. Steinberg - Münster wies in seinem Referate auf die großen, unbedingt erforderlichen Ausgaben des Verbandes hin, für die eine größere Einnahme geschaffen werden müsse. Von den Ausgaben erwähnen wir besonders diejenigen zur Unterstützung leistungsunfähiger Gemeinden behufs Einrichtung eines geordneten Religionsunterrichtes. Im verflossenen Jahre wurden fünf Gemeinden unterstützt, während augenblicklich noch mit 7 weiteren Gemeinden über ihre Unterstützungsbedürftigkeit behufs Einrichtung des Religionsunterrichtes verhandelt wird. Daß in Anbetracht der zu solchen Zwecken ge machten Ausgaben eine Erhöhung der Einnahmen des Verbandes erforderlich sei, wurde von der Versammlung rückhaltlos anerkannt. Verschiedene der anwesenden Delegirten zeigten infolgedessen sofort die erhebliche Erhöhung des jährlichen Beitrages ihrer Gemeinden an; andere stellten die Erhöhung dieses Beitrages in sichere Aussicht. Diese freudige Opferwilligkeit verdient alle Anerkennung und wir können nur wünschen, daß sie bei allen Verbandsgemeinden eifrige Nachahmung findet. Nachdem die Tagesordnung erledigt war, wurde der dritte ordentliche Ge meindetag gegen 4 Uhr Nachmittags vor: dern ersten Vorsitzenden geschlossen. An die Verhandlungen reihte sich ein Festmahl, an welchem sich annähernd 100 Personen betheiligten Auch hier war die Stimmung eine ganz vorzügliche. Den Kaisertoast brachte Herr Sanitätsrath Dr. Blankenstein-Dortmund in zündenden Worten aus. Aus der Reihe der übrigen Toaste heben wir besonders die Worte des Herrn Hirschland- Essen hervor, welcher als einer der Vertreter der rheinischen Nachbar- Gemeinden auf dem westfälischen Gemeindetage dem Empfinden Ausdruck verlieh, das die Verhandlungen des Tages auf ihn gemacht. An das Festessen schloß sich ein Festspiel, welches lebhaften Beifall erntete. Der Verfasser des Festspiels, Herr S. Freund-Dortmund, wurde ebenso wie die Darsteller zu wiederholten Malen stürmisch hervorgerufen. So nahm der dritte Gemeindetag des westfälischen Gemeindeverbandes einen in jeder Beziehung würdigen Verlauf. Wir zweifeln nicht daran, daß der dritte ordentliche Gemeindetag Westfalens seine segensreichen Früchte tragen wird. 52 Düren, 7. Juni. Im Dorfe Lüxheim, Kreis Düren, fanden am Freitag, Samstag und Sonntag Festlichkeiten zur Einweihung der neuen Synagoge statt. Am Freitag Nachmittag nahm der Festzng an der alten Synagoge Aufstellung. Von Mitgliedern der israelitischer! Gemeinde wurden die Thorarollen nach dem neuen Gotteshanse gebracht. Hinter den Trägern der Rollen schritt der Rabbiner Dr. Frank aus Köln neben dem Kantor der Gemeinde, es folgten die Ehrengäste, der Bürgermeister Keller, der Baumeister rc., und ihnen schlossen sich in fast unübersehbarer Reihe die Festtheilnehmer an. Angekommen an der neuen Synagoge, ging die übliche Schlüsselüberreichung vor sich. Herr Dr. Frank öffnete das Gotteshaus und hielt eine Ansprache an die Versammelten, die ersichtlich tiefsten Eindruck auf die Zuhörer machte. Nach einstündiger Pause begann der erste feierliche Gottesdienst, der durch Mitwirkung eines Chores noch besonders verschönt wurde. Am zweiten Tage wurde die Feier durch Gottesdienst wieder eröffnet, an dem die Ehrengäste