Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1893)
- Date
- 1893-06-16
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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57. Jahrgang. Ar. 24. Berlin, 16. Luni 1893. Der Gemeindebote. Werkage zur „Allgemeinen Zeitung öes Zuöenttzums". Korrespondenzen und Nachrichten.! Deutschland. Berline 12. Juni. Herr Dr. M. Blumenthal, einer der! tüchtigsten Zöglinge unserer „Lehranstalt für die Wissenschaft des Juden-! thums", ist in diesen Tagen zum Rabbiner in Frankfurt a. £>. an i Stelle des jüngst verstorbenen Dr. Löwenmayer gewählt worden. g. Berlin, 12 Juni. Die Austritte aus dem Judenthum, bez. der Berliner Gemeinde, mehren sich in bedauerlicher Weise. So wird uns mitgetheilt, daß neuerdings ein Professor und ein Justizrath für sich und ihre Angehörigen den "Austritt aus dem Judeuthmn der Verwaltung der Berliner Gemeinde angezeigt haben. Zu welchen unliebsamen Weiterungen noch lange Zeit nachher derartige Austrittserklärungen führen können, lehrt ein jetzt die Gemeindeverwaltung und das Berliner Polizeipräsidium beschäftigender Fall Ein Kreisphysikus 1 und Professor der Medizin hatte vor mehr als 20 Jahren sein bereits ' todtgeborenes Kind auf dem Friedhofe in der Schönhauser Allee beerdigen : lassen. Vor einigen Jahren war derselbe aus dem Judenthum ausgetreten und wurde seine bald darauf verstorbene Gemahlin auf dem Kommunalfriedhof in Friedrichsfelde bestattet. Vor Kurzen! verlangte derselbe von der Verwaltung des jüdischen Friedhofs in der Schönhauser Allee die Exhumirung des dort vor etwa 22 Jahren beerdigten Kindes, da dasselbe nachträglich neben seiner verstorbenen Gemahlin in Friedrichsselde beerdigt werden solle Die Friedhofskommission lehnte das Ansuchen ab und ließ, als der Professor fid) bei dem Bescheid nicht beruhigte, ein Rabbinatsgutachten ansarbeiten, welches sich dahin erklärte, daß die Exhumirung des bereits todtgeborenen Kindes naä) religiösen Anschauungen unstatthaft sei, weil eine derartige Ueberführung der Gebeine nur zum Zweck einer besonderen Ehrung gestattet und vorgesehen sei. Uns dünkt, daß der Herr Professor sich auf Grund der von ihnr gepflegten Naturwissensä)aft von der Zwecklosigkeit eines weiteren Kampfes um die naä) physiologischer Annahme doch gar nicht mehr vorhandenen Gebeine des todtgeborenen Kindes Hütte beruhigen müssen, da die Bewilligung seines Verlangens einen Präzedenzfall mit unangenehme!: Konsequenzen für die Stellung der Friedhofsverwaltung zu den aus dem Judenthum Austretenden gesä)affen hätte. Das ist nicht geschehen. Der Betreffende hat sich an das Berliner Polizeipräsidium als die zuständige Aufsichtsbehörde gewandt; wie wir hören, ist auch hier der Bescheid nicht in seinem Sinne ausgefallen. Jedenfalls findet die Exhumirung aus dem vor 22 Jahren geschaffenen Grabe nicht statt. * Berlin, 14. Juni. Die Zahl der „christlich-deutschen Geschäfte" in Berlin, schreibt die „Norddeutsche Allg. Ztg.", scheint sehr zusammengeschrumpft zu sein, wie man wohl daraus sck)ließen darf, daß das Verzeichniß derselben, welches ein hiesiges Blatt täglich veröffentlicht und dessen Weiterverbreitung es auf das Dringlichste empfiehlt, kaum dritthalb hundert Firmen aufzuzählen im Stande ist. Unsere „ersten z Firmen" findet man in dem Verzeichniß, — soviel wir ersehen —, gar; nicht vertreten; sie scheinen keinen Werth darauf zu legen, in die Reihe! „christlich-deutscher Geschäfte" rangirt zu werden; merkwürdig ist es auch,; daß jene Branchen, welche auf dem Berliner Markt die führenden sind,! in dem Verzeichniß nickst nur dem Klange, sondern auch der Zahl der j Namen nach nicht allzu imponirend austreten; so finden wir in dem; Verzeichniß nur angeführt 3 Bankgeschäfte, 5 Geschäfte für Gardinen,! Möbelstoffe, 4 für Leinen- und Baumwoll-, 1 für Modewaaren, 12 für j Wäsche, Zahlen, die noch kleiner würden, wenn man die Identität der! Namen berücksichtigen würde.! 3g Posen, 8. Juni Ein für die hiesige jüdische Gemeinde überaus! denkwürdiger Akt ist am 31. v. M. vom Vorstande derselben in Gegenj wart der Gemeinde-Vertreter und etwa 80 eingeladener Mitglieder der Gemeinde vollzogen worden, und zwar die Feier der Grundsteinlegung zum Bau des von dem gleichfalls anwesenden Herrn Moritz Rohr aus Berlin vermittelst einer Dotation von 600,000 Mark begründeten jüdischen Kranken- und Siechen Hauses Abraham und Henriette Rohr'sche Stiftung. In schöner, parkartiger Umgebung, in unmittelbarer Nähe der Stadt vor dem Königsthor — soll ein stattlicher Gebäude- Komplex als Kranken- und Siechen Haus sich erheben nnd zum Oktober 1804 fertig gestellt sein mit allen Einrichtungen, welche die moderne Technik und die Fortschritte der Hygiene solvohl, als auch die strenge Rücksichtnahme auf die religiös-gesetzlichen Bestinnnungen fordern. Die Feier wurde mit der Weiherede des Gemeinde-Rabbiners Herrn Dr. Feilchenfeld eröffnet. Der Genannte führte in vortrefflicher und tiefempfundener Weise aus, daß die Menschenliebe ihre echte und rechte Wirkung nur erlange durch Gottesfurcht. Hierauf hielt der Vorsitzende des Vorstandes der Synagogen-Gemeinde, Herr Samuel Schoeulank, eine Ansprache, in welcher derselbe dem edlen Stifter, Herrn Moritz Rohr, den tiefgefühlten Dank der Gemeinde für die Stiftung und deren reiche Dotirung darbrachte und hiermit einen Bericht über die finanzielle Lage der Stiftung, sowie einen Rückblick auf die Geschichte derselben bis zum heutigen Tage verband. Auch feierte Herr Schoeulank die im Andenken an verstorbene Angehörige geübte Pietät, welche so häufig den Anlaß zur Errichtung milder Stiftungen bietet, als den "Ausgangspunkt auch dieser Stiftung, und zollte Worte größter "Anerkennung dem zur Errichtung des Kranken- und Siechenhauses eingesetzten Komitee, dessen Vorsitzender Herr- Rechtsanwalt Salz ist, sowie der bauleitenden Konnuission, deren Vorsitzender der Fabrikbesitzer und Stadtverordnete Herr Moritz Victor ist. Demnächst nahm Herr Dr. med. Ludwig Friedlaender, Vorsitzender der Repräsentanten-Versaunnlung, das Wort, indem derselbe auf das mosaische Gebot der Wohlthätigkeit als Pflicht der Begüterten behufs möglichsten Ausgleichs der Besitzunterschiede, sowie auf die Bedeutung hinwies, welche eine Krankenanstalt für die jiidische Bevölkerung der östlichen Provinzen habe. - Alsdann folgte eine Ansprache des in Vertretung des Herrn Baurath Schmieden mit der Leitung des Baues betrauten Herrn Regierungs- Baumeister Lauber hier, welcher für sich, sowie für den mit der Bauausführung beauftragten Maurer- und Zimmermeister Herrn Moegelin die Versicherung abgab, ihrerseits in technischer Beziehung das Möglichste zu leisten, damit der Bau tadellos hergestellt werde. Hierauf wurden verschiedene Urkunden in oeu zur Einfügung in den Grundstein bestinnnteu kupfernen Behälter gelegt und der letztere verlöthet, worauf die hierzu berufenen Herren Moritz Rohr, Dr Feilchenfeld, Dr. Bloch, Justizrath Orgler, Ltadtoerordneten-Vorsteher Sam. Schoenlank, Dr. Ludw. Friedlaender, Rechtsanw. Salz, Lauber, Moegelin und Architekt Kmdler unter Verlautbarung sinnvoller Sprüche die üblichen Hannuerschläge abgaben Die Schlußweiherede hielt der Rabbiner der israelitischen! Brüder-Gemeinde Herr Dr Bloch. Derselbe hob die denkwürdige That-! sache hervor, daß genau vor 300 Jahren — im Jahre 1593 gleichfalls der Grundstein zum Bau eines jüdischen Hospitals gelegt wurde, welches im Jahre 1803 abbrannte, und führte ferner in vortrefflicher Weise aus, wie die von Herrn Moritz Rohr im ''Andenken an seine verewigten Eltern begründete Stiftung des Krankenhauses das Wort des Propheten Maleachi erfülle Ein Gebet des Herrn Dr. Bloch für den Landesherrn sowie für das Gedeihen des Baues schloß die wahrhaft erhebende Feier. tz. Ratibor, 12. Juni. Am letzten Mittwoch langten hier 98 russische Auswanderer an, um in Nordamerika eine neue Heimath zu suchen. Sie lagen seit etwa einem Jahre in Krakau, bis endlich vom dortigen Komitee Bestinmmng über sie getroffen wurde und sie theilweise auf Kosten des Herrn Baron Hirsch nach Nordamerika weiterbefördert werden sollten Sie besaßen Schiffskarten und das erforderliche Reisegeld (400 Mark pro Person). Da indeß nach einer erst am 24 Mai d. I erneuten Ministerialverfügung noch ein Auslandspaß von den russischen Auswanderern verlangt wird, so!vurde der Trupp, da er ohne Pässe war, hier festgehalten, und die Männer vorläufig im Polizeigewahrsam, Frauen und Kinder in einen! großen Saale untergebracht. Das hiesige Hilfskomitee sorgte zunächst für rituelle Verpflegung und setzte sich mit den Behörden in Verbindung. Da die mternen Organe machtlos waren, entsandte das Komitee einen Delegirten an den