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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-06-16 · Heft 24 (16.6.1893) · p. Seite 288

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 24 (16.6.1893)
Date
1893-06-16
Page
Seite 288 (sequence 12)
Language
German
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288 Vögel und sagte dann, seine rechte Hand ans meine Schulter legend: „Und alle Tabernakel sind leer, und das Segel aller Kirchen flattert in kläglichen Fetzen im Spiele des Sturmes. Das Lebensmark schwindet aus den Zweigen des Christenthums. Wie die Grieche», wie die Rabbinen, wie alle Priester haben auch die Lateiner die Offenbarung geschlossen, gleich einem Buche, dessen letzte Kapitel man nicht entuffern will. Und doch sagte ihr Herr: „Ihr seid von Traurigkeit erfüllt, weil ich Euch verlasse; aber wenn ich nicht früher fortginge, könnte ich Euch nicht den Boten schicken, der da kommen wird zu Euch in meinem Namen und im Namen des Vaters." Aber die Kirche wollte Gott nur „auf den Höhen" anbeten und durchaus nicht „im Geiste und in der Wahrheit". Sie verfolgte diese Mönche und vertrieb sie in die Einöden und über die Meere; sie schloß den Mund der Forscher . . ." „Und eines der edelsten unter diesen Opfer», Rabbi, trug Ihren Namen." Der alte David schien darüber erfreut zu sein, das; er von seinem unbekannten Besucher verstanden wurde. Mein wackerer Ariam schlummerte allmälig ei», that aber nichtsdestoweniger von Zeit zu Zeit einen kräftigen Zug aus seinem Narghileh. Der Rabbi setzte sich ganz nahe zu mir auf einen Schemel und sagte halblaut in zugleich würdigem und vertraulichem Tone: „Sie zeihen mich der Ketzerei oder der Verrücktheit, weil Sie über die heiligen Bücher nicht nachgcdacht haben. Ich bin gewiß, daß Gott noch nicht sein letztes Wort gesprochen hat, und schon als Jude habe ich das Recht, auf die baldige Ankunft des Messias zu hoffen. Hier, im Morgcnlande, in Asien, der Wiege aller Religionen, wird er erscheinen; Euer Westen, wo man nur daran denkt, sich zu vergnügen oder einander hinzuschlachtcn, ist nicht würdig, einen Apostel zu erzeugen. Efendi, hüten Sie sich, über die Dinge zu lachen, die ich Ihnen sage! Ich glaubte, daß Ephraim, der Sprößling Juda's, dieser Apostel sei» würde. Ich unterwies ihn im Studium der heiligen Schriften. Ich erklärte ihn; Moses und Jesus, Jesaias und Johannes, die Apokalypse und Paulus, die Rede von der Glückseligkeit und das Gleichnis; von dem Weibe, das am Rande des Jakobsbrnnnens sitzt. Er wurde in den erhabensten Gedanken des Menschengeschlechtes großgczoge». Aber ich sündigte vielleicht durch Stolz und Gott hat mich mit seiner eisernen Ruthe geschlagen. Gelobt sei sein Name! Ah, wenn Sic meinen Liebling gesehen hätte», wie er sich mit den Rabbinen unterhielt, über unsere heiligen Handschriften gebeugt, die Fragen der Priester beantwortend und ihnen Fragen vorlegend! Er war sechzehn Jahre alt, als ich ihn in die Synagoge von Salonichi, die gelehrteste des ganzen Morgenlandes, führte. Die Unterhaltung der Rabbinen gerieth aus die Vision Ezechiel's. Ephraim hörte sie ehrfurchtsvoll an und sagte dann mit begeistertem Gesichte: „Die gebleichten Knochen, die der Prophet in einem Gräberthale sah, sind die Dogmen der todten Religionen; aber ein Hauch von den Lippen Gottes wird genüge», um sic wieder zu beleben und zu erwecken. Sie werden Wiedererstehen mit einer neuen Seele und das wird das große Osterfest der Menschheit sein, ein Tag, auf de» wederAbend noch Dämmerung folgt." Als ich meinen Sohn hörte, wiederholte ich ganz leise das Wort des alten Simeon: „Jetzt, Herr, laß' Deinen Diener heinigehen." In dem Augenblick hätte ich sterbeir sollen, Efendi. In der Nacht, die auf diese Unterhaltung folgte, verließ Ephraim heimlich das Hans unseres Wirthes und kehrte nie mehr wieder. Ein Jude sah ihn gegen Morgenanbruch zum Hafen hinabgehen, »i Gesellschaft einiger im Hause des Erzbischofs verkehrender Mönche. Sie schienen ihn gegen seinen Misten zu führen, indessen leistete er, halb besiegt, nur geringen Widerstand und rief nicht in» Hilfe. Durch welche Zauberei sie ihn verführt haben, werde ich niemals wissen. Als ich, nur zu spät benachrichtigt, an den Strand eilte, waren mehrere Segelschiffe bereits weit auf hoher See. Die einen gingen nach Konstantinopel, die anderen nach Smyrua, Alexandrien oder Athen. Die Polizei des Pascha wollte mir keine Auskunft geben. Halb wahnsinnig vor Schmerz fuhr ich mit dem ersten Dampfer nach Konstantinopel. (Schluß folgt.) d Fittcrarrsche MittheUungen. Jrrgänge der Seele. Erzählungen von W. Herzberg. Trier 1892, Sigmund Mayer. (VI, 313 S.) - Drei Erzählungen sind in dein Buche vereinigt: Der freie Wille; Eine Osternacht; Die Widergeburt. Am besten gelungen scheint „Die Widergeburt" zu sein. - Eine „Osternacht" ist ein feines, anmuthiges Genrebild. Der Haschisch-Traum des jungen Mannes von der Bedrückung in Aegypten ist vortrefflich erzchlt. — Am wenigsten innerlich geschlossen ist „Der freie Wille", psychologisch ist sie die interessanteste. Der Anfang, der das Leben eines jungen Arztes in Russisch-Polen schildert, bringt Ton und Farbe vorzüglich zur Anschauung. Die Unmöglichkeit, Krankheit im Bunde mit Armuth und Gleichgiltigkeit zu besiegen, die Gefahr, ohne Geistesgenossen zu versumpfen, die lockendere Gefahr, in polnische Umtriebe verwickelt zu werden, erwecken aufs Glücklichste das Interesse. Die unheimliche Schlittenfahrt durch Nacht und Irrwege, darauf im endlich erreichten Gasthause der irrsinnige, riesenhafte Verkündiger des freien Willens wirken stimmungsvoll. Dieser Irre, der Fuhrmann Löw, der mit seinen Genossen in einer Art geheiuien Volksgerichts den Verräther Jasser umgebracht hat, war durch Spinozas übel verstandene Lehre von der fehlenden Willenskraft davon überzeugt, daß Gott ihnen den Feind in die Hand gegeben und den Mord gewollt habe. Als er in die Erzählung eintritt, predigt er ohne Unterlaß: ,J«.der Mensch hat seinen freien Willen". Daß Reue über den ungesühnten Mord ihn in bcn Wahnsinn getrieben hat, ist leicht zu verstehen, wie sich ihm aber die neue Anschauung über die Willensfreiheit entwickelt hat, sollre erzählt werden; dies fehlt als Mittelglied zwischen der Vorgeschicbte und dem Löw§ endlichen Geständniß folgenden Erlösungstod. Alles in Allem st ht das Buch hoch über der heutigen Durchschnittsbelletristik; Inhalt, Geist, Empfindung und ein sicheres Talent der Schilderung vereinigen sich, es lesenswerth zu machen. Manchmal wird durch allzu viel Gespräch an Anschaulichkeit eingebüßt, hie und da stören Provinzialismen (z. B. an etwas vergessen), aber man steht einem Autor gegenüber, der etwas zu sagen hat und der etwas zu sagen versteht. Außerdem ist das Buch auch noch durchglüht von inniger Liebe zum Judenthum: Moses tritt als Heldengestalt aus der Osternacht hervor, der morgenländische auf der Almosenreise begriffene Jude, der Rabbi Herz, der in seinem Gasthaus über dem Spinoza sitzt, der alte Moses in der Wiedergeburt, sind nicht ausdringliche, durch ihre Einfachheit aber um so stärker wirkende Loblieder des Judenthums. d Sprechsaat. Verehrter Herr Redakteur! Herr Dr. M. Stern führt in der letzten Nummer der „Allgem. Ztg. d. Judenth." unter der Ueberschrift „Zufall oder Absicht" einen Vers ans Jesaja an, der zufällig (mehr kann es nicht sein!) ein Hexameter ist. Solche Verse stehen nicht vereinzelt da. Ich weiß mich aus meiner Quartanerzeit zu erinnern, daß ich nach Hexametern und Pentametern in der Bibel nicht vergeblich suchte und führe als Kuriosum je einen solchen an. Josua 10, 12: Schemesch he Giwon dom weja reacli be emek A jalon und Judicum 10, 12: Kum Ba rak wescha we seliewjecba ben Awi nom Allerdings sind diese Verse einer strengen Kritik gegenüber ebenso wenig korrekt und stichhaltig, wie jener Hexameter. Als Scherz mag es aber passiren. Hochachtend Prag, 4 Juni. Dr. A. Kisch, Rabbiner. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauch Witz in Berlin.

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