Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1893)
- Date
- 1893-06-16
- Page
- Seite 287 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Am erste» Abend führte mich Tschelöbi nach einem langen Souper und endlosen Erzählungen über seine Geschäftsreisen und jugendlichen Abenteuer in Wien und London in mein Zimmer, dessen Thür sich auf eine prächtig angelegte Terrasse öffnete: „Wenn Sie die nächtliche Träumerei lieben," sagte er, „dann werden Sie sich hier ebenso wohl fühlen wie der Padischah in seinem Palast von Dolma-Batsche. Hier sind Cigaretten, nehmen Sie in diesem Schaukelstnhl Platz. Doch ich will vorher die Mücken vertreiben." Hierauf zündete er da und dort Räucherkerzchen von einem feinen und angenehm berauschenden Dufte an. Sobald er mich verlassen hatte, setzte ich mich an den Rand der Terrasse, stemmte die Füße gegen das niedere Geländer und begann, mich sanft wiegend, inmitten des balsamischen Nebels, über alte Dinge und Geschichten zu phantasiren. Es war ungefähr Mitternacht. Ein Viertel des Mondes stieg über dem großen Scheitel des Olymps auf; der Himmel war lichtblau und funkelte wie ein ganz mit Diamanten bestickter Sammtteppich; Silberpfeile durchkreuzten den See von Nicäa »ach allen Richtungen; ein warmer Wind wehte vom Meere her, beladen mit den Wohlgerüchen des Bosporus. In weiter Ferne wechselte der Gesang einer vom Rosenduft trunkenen Nachtigall mit dem ironischen Konzert der Frösche, die in ihrer Weise die Lieblichkeit der Nacht feierten; zuweilen bestte ein Hund, nur um seine Kameraden zu veranlassen, ein tolles Geheul zu erheben, während sie ihre Nasen gegen den Mond wandten. Weiß und traurig, schlief die Stadt unter den Sykomoren und Baumgruppen Judäas. Ganz nahe zu mir erschien ein Muezzin auf dem Balkon eines Minarets und sang seine schwermüthige Litanei nach den vier Ecken des Horizonts hin. Endlich hielten es auch die Hunde und Frösche an der Zeit, zn schweigen und schlafen zu gehen, und ich vernahm in der Ferne nur noch das Schlagen der Nachtigall, die ihre Liebe den geheiligten Einöden Asiens verkündete. In diesem Augenblicke erscholl vom Lande her ein furchtbarer Schrei, ein Schrei der Angst und der Verzweiflung, in dem sich Wuth und schmerzliches Schluchzen vereinigte»; er wiederholte sich nach einigen Minuten, immer näher dem Hause Ariams, und ich sah aus dem Cypreffemvüldchen, das die Gräber des türkischen Friedhofes beschützt, einen Greis von hoher Gestalt heraustreten. Sein Haupt war bloß, seine Kleidung düster, Bart und Haare dem Winde preisgegeben. Er sprang mehr als er lief, hielt mit einem Male an, erhob die Hände zum Himmel, wie um Gott als Zeugen irgend einer schrecklichen Sache anzurufen, und stieß immer wieder denselben Schrei aus, drei oder vier Worte, die ich nicht verstand. Nur den Name» „Ephraim" konnte ich unterscheiden. Endlich huschte er wie ein Gespenst an dem Hanse vorbei, bog in eine finstere Gasse ein und verschwand. Am darauffolgenden Morgen befragte ich den Armenier über diese seltsame Erscheinung. :-Sie haben ihn also gesehen," sagte er; „er hatte gestern wieder seinen Wuthanfall. Es ist David, der alte Rabbi von Nicäa. Vor zwei Jahren hat ihn ein großes Unglück niedergeschmettert. Man raubte ihm seinen Sohn, Ephraim, einen schönen Knaben, den er für den Beruf eines Propheten bestimmte. Ein schweres Fach das, Herr, in dem man oft böse Standen hat. Seitdem sucht er im ganzen Morgenlande herum, und des Nachts läuft er oft den See entlang, fortwährend den Namen seines Sohnes rufend, gleich einer Löwin, die ihr Junges verloren hat. Ich würde gern meinen prächtigsten Jspahaner Teppich opfern, um ihm sein Kind wiederzugeben, denn David ist ein sehr heiliger Rabbi, von tiefer Gelehrsamkeit und barmherzig gegen die Armen. Heute Abends wollen wir ihn besuchen. Er wird Ihnen seine Geschichte erzählen; er spricht gut spanisch, da er als junger Mann in der Synagoge zu Cordova studirt hat. Ich bitte Sie nur, ihm nicht zu widersprechen und Mitleid mit seinem Schicksal zu zeigen; er ist wahrhaftig der unglücklichste Mensch auf dieser Welt." David bewohnt im erbärmlichsten Viertel von Nicäa ein von außen ziemlich verfallenes Hans, vor dem sich ein mit Feigen- und Graiiatbäumen bepflanztes Gärtchen befindet. Der Rabbi empfing uns in seinem mit ernster und einfacher Pracht ausgestatteten Arbeitszimmer. Eine wunderbar schöne, siebenarmige Bronzelampe, ein Meisterwerk der Ciselirknnst, hängt von der Decke herab, die Wände sind mit Ledertapeten überzogen, ein Divan, mit Elfenbein oder Perlmutter ausgelegte Fußschemel, ein mit alten Büchern und Manuskripten überladener Tisch und eine antike Uhr in wohlgeschnitztem Ebenholzgehäuse bilden die ganze Ausstattung; wir gingen auf einem Smyrnateppich, dick und weiß wie der Pelz eines Lammes. David war sehr ruhig. Er war eben mit dem Durchlesen seiner Korrespondenz fertig geworden: einem Stoß Briefe aus allen Provinzen Abdul Hamids. Sobald ich ihm vorgestellt war, reichte er uns Kaffee, frisches Wasser, trockenes Backwerk und das Narghileh. Er warf auf mich einen prüfenden Blick aus seinen schwarzen, noch sehr lebhaft unter den grauen Brauen hervorblickenden Augen und begann plötzlich: „Wen» ich meinen Sohn nicht wiederfinde, Efendi, hat mich Gott sicherlich verflucht! Und doch habe ich ihm fünfzig Jahre lang treu mit Gebeten und Almosen gedient! Ein so reines Kind, eine jungfräuliche Dichterseele, in der täglich die Visionen unserer Väter wieder auflebten. Wir sind vom Stamme Juda, die auserwählten Kinder des Herrn; in den Adern Ephraims fließt das Blut Davids, des Stammvaters unserer Könige, und das Blut Jesu, des größten unserer Propheten.ja, nur ein Prophet," fügte er hinzu, da er an mir eine Bewegung der Verwunderung wahrnahm, „und der Vorläufer des wahren Messias, des Apostels, der als Letzter die Versprechungen beider Testamente besiegeln wird, die baldige Erscheinung des Herr», das himmlische Jerusalem auf Erden, wo alle Kinder Adams endlich Ruhe finden von ihren langen Leiden in Frieden, Freiheit und Liebe." Der Rabbi hielt einen Augenblick mnc und betrachtete durch das offene Fenster seines Kabinets die Sonne, die am Horizont unterging jenseits des. funkelnden Meeres und der in Gold und Purpur getauchten Hügel Konstantinopels. Dann fuhr er fort: „Ich bin ein Ketzer, Efendi, und alle Rabbinen des Morgenlandes! meinen, daß ich von einem bösen Geiste besessen bi». Sie haben nichts von meinem Glauben und meiner Hoffnung verstanden, weil die Synagoge sich darauf steift, die Evangelien nicht unter unsere heiligen Schriften aufzunehmen. So haben die Gelehrten die Wissenschaft zum Tode verdammt; der Baum des Lebens ist unter ihren Händen verdorrt und zeugt weder Blätter, noch Blüthen mehr. Die Religion Israels hat sich durch die Verfolgung und den Ernst unserer Rasse erhalten, aber der heilige Geist ist nicht mehr in ihr. Seit beinahe zweitausend Jahren haben wir keine Propheten mehr, und das Allerheiligste ist leer." Das Zwitschern einiger Schwalben, die über das Gärtchen dahinflogen, unterbrach David. Er blickte, traurig lächelnd, auf die