Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1893)
- Date
- 1893-06-16
- Page
- Seite 286 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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286 wenn's auch nur so zum rechten Segen sein thut." Und sie faltet die hager» Hände und blickt zu der rauchschwarzen Decke empor. Dörtle muß sie anstoßen, als sie an ihr vorüber will. Sie hat jetzt, wie immer, einen Zorn auf die Alte. „Stehst grad da, wo der Weg hergeht, und wenn i nur wüßt, ob Du's einmal ohne Heulen thätst!" herrscht die Dirne. Binele läßt die Schürze sinken und stammelt: „Ja, wahr ist's — wahr ist's." Dörtle giebt nicht weiter Acht, aber wie sie die Stufen zum Keller hinabgeht, da denkt sie, daß so Alles beim Alten ist und ihr so gar nicht besonders zu Mnth — und nur acht Tage steht sic vor ihrem Versprach, und der Bu', der eimnal ihr Mann werden soll, ist im Haus — und daß cs so gar nicht anders ist, wie sonst auch, das nimmt sie Wunder. Muß vielleicht aber überall so sein. IX. Die Tage, welche nun wieder kommen, gleichen alt den gewöhnlichen früher», von dem Sonntag und was er bringen soll, ist auch keine Rede weiter, die Arbeit geht ihren Gang wie sonst und die Leute schwätze» wie sonst auch mit einander, oder sie schweigen wie ehemals. Im Dorf mag >vohl der Eine zum Andern sage», daß am Sonntag ans dein Schwaderergut der Versprnch ist, das überrascht aber keinen, denn cs ist etwas, was man als selbstverständlich lange erwartet hat. Das Dörtle ist die reichste Dirn im Dorf und der Ehristophlc von den Burschen der Wohlhabendste, die Väter sind gut mit einander, da war' cs ja nur zum Verwundern, wenn die nicht zusammen kommen sollten. Dörtle tritt um die Nachmittagsvesperstunde ans dem Hofthor. Sie trügt einen Korb auf dem Kopfe, der ist sorglich mit einem weißen Tuch verdeckt, darin will sie das Vesper nach dem Acker hinausbriugen. Wie die Thür hinter ihr zufallt, schaut sie in die Höh und trifft ihr Blick mit dem des Bartel zusammen, der gerad herabschaut. Nicken konnte sie nicht mit dem Gewicht auf dem Haupte, dafür lacht sie. Und dann fällt ihr ein, daß sie ja vergessen hat, zu fragen, warum es iit den Liedern so gar anders ist, wie im Leben, und nimmt sich vor, auf dem Heimwege die Holztreppe hinauf zu steigen. Die Bäuerin ist allein zu Haus, aber so streng wird sie schon nicht kontroliren. Plötzlich steht ein Bursch vor ihr, der Peter-Aigle. „Grüß Gott, Dörtle — wo hinaus?" Sic giebt den Grus; etwas unwillig wieder. Der Anblick und die Erinnerung schon au den Peter bringen ihr immer so eine Art Sclbstbewußtseiu hervor. „Nun, schaust mi ja an, wie ein Speyrer den Coustanzer", lachte er. „Das ist »iniuier recht, Buben und Müdle, die einander gern haben, blicken anders." „I wüßt uit um's eine und nit um's andere," sagte Dörtle. „Ei, ist das gewiß?" ruft der Bursch. „Wie köunt's denn anders sein?" fragte sie. „Oho, oho!" stößt ec hervor und sein Gesicht wird röther und seine Augen funkeln so cigcnthümlich, daß dem Dörtle ganz bang wird unter dem Blick. Sie hebt ein wenig au dem Korb und sagt daun: „Eil Hab i, auf's Besperle warten sie draußen." „Nun," meint der Bursch und lacht so verloren, „auf ein Frag' magst immer noch antworten können, Schwaderer Dirn! Sie will ihn nicht erzürne» und spricht rasch: „So frag auch!" Da kommt er ihr ganz nah. „Ist's wahr mit dem, was Ihr am Sonntag vorhabt — wahr mit dem Berspruch?" Wenn sie ihre» kecken Muth von sonst hätte, so wäre sie flink mit einer abweisenden Antwort da, aber sie zittert eher und sagt nur verlegen: „Die Eltern haben's mit einander verredet!" „Hahaha! So! Die beiden alten Geizleut! Der Schwadere: Schlanke und Nanz Gimpele! ja, ja, denks eh schon! Die Beiden'" und der Peter erstickt fast unter seinem heisern Lachen. Dann inacki er wieder wilde Augen und fragt: „Und Du bist's zufrieden?" Sie senkt die Blicke auf den Boden, als will sie die Steine dou zähle». „Der Vater — und die Mutter - und —" aber sie komm, nicht tveiter, Peter drückt hastig ihren Arm und raunt ihr zu: „Schon gut! I Hab schon genug und Bescheid weiß i auch! Und nun geh Deiner Weg, Dein Leut thun auf's Vesper warte». Dörtle blickt auf. Da ist ihm doch endlich der Verstand ge kommen, ihr wird's wieder leichtherzig. „Freilich warten sie," sagt sie mit Lachen und schickt sich zum Wciterschreiten an und wendet sich dann aber noch einmal halb uni „Mit Dein Versprach mit der Babett wirst auch nit lang mehl machen," meint sie, „gelt?" Sie wartet die Antwort nicht ab, es hat ihr auch eher wie ein Fluch geklungen, den der wilde Bursche hinter ihr ausgestoßeu hat Sie denkt Allerlei in ihrem blonden Kopf, bis sie an das Fell kommt, wo der Vater schon nach ihr ausschaut. Hinter einem Garben hausen setzt sie ihren Korb ab und vertheilt, wie es ihr die Bäuerin geheißen, das Vesper. Mitthun beim Essen und Trinken will sie nicht, sie eilt heimzukommeu, um im Judenhäusle vorzusprecheu, wo der Bartel sicher auf all ihre Fragen eine Antwort hat. Der Vater streicht ihr mit einem freundlichen Wort über die Wange: „Du giebst einmal eine richtige Bäuerin, Dirn!" „Ja," hört sie, schon im Gehen, den alten Knecht sagen, „fei! ist gewiß. Wer die Dirn kriegen thnt, ist nimmer angeführt, der alte Nanz thut seine» Buben gut hersetzcn." „Es schreitet sich noch einmal so leicht ohne Tragkorb", denkt Dörtle, „den mag Binele heimbringen." Noch blendet die Sonne, sie will scharf ausschauen nach der Hügelkette, wo die Solitude liegt, und muß die Hände über die Auge» halten und dabei stolpert sie und wäre gefallen, wenn sie nicht von einem festen Arm ergriffen wäre; der Peter Aigle beugt sich über sie. „O, Du bist noch da?" fragt sie. „Freilich — ich Hab' auf inein' Schatz gewartet," antwortet er. Sie müht sich, de» Worten einen anderen Sinn beizulegen. „Hab' nimmer gewußt, daß die Höschcle's auch hier ailßen einen Acker haben." „O Du!" sagt Peter, „so kommst mir »it aus! Wer mein Schatz sein soll, das weißt' genau, gelbhaarige Dirn! Du und kein' Andre!" Sie kneift die Lippen fest zusammen, holt dann tief Athen« und versucht zu lachen. „Um Fastnacht, Peter Aigle, da laufen die Narren einher, Hab' i einmal drunten im Stukkert sagen hören »nd 's auch leibhaftig gesehen, wie einer eine Kappe mit Glocken auf dem Kopf hatt." „Dirn Du!" ruft er und schüttelt seine Faust in der Luft. „Mi macht keiner zum Narren, am wenigsten ein Mädele!" „Steht auch geiviß der Babett nit im Sinn!" sagt Dörtle. „Babett! daß Du's weißt, i «vill nix von ihr." Sie bricht eine Mohnblume, die ihr zur Hand steht, und meint gelassen: „Kann mir auch recht sein, Pelcr! Ist nit mein Geschäft und nit mein Sach!" Da springt er ganz fuchswild nah an sie heran. „Was sagst? Erst recht ist's Dein Geschäft! Vollends ist's Dein Sach' — schau, denn i will Di!" (Forts, folgt.)