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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-06-16 · Heft 24 (16.6.1893) · p. Seite 284

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 24 (16.6.1893)
Date
1893-06-16
Page
Seite 284 (sequence 8)
Language
German
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284 unfruchtbar (aroxoc) sei. Die Kirche unterschied dabei nicht zwischen Darlehen, die aus Noth, und solchen, die zu gewinnbringenden Zwecken gemacht werden. Niemand wird es heutzutage Wucher nennen, wenn der Gläubiger einen Antheil an dem Gewinn verlangt, den sein Kapital dem Leiher gebracht hat. Die Kirche bedachte auch nicht, daß sie das Borgen ungemein erschwerte, ja in den meiste» Fällen unmöglich machte, wenn sie dem Gläubiger nicht den geringste» Vorthcil gewährte. Der rein ideale Gesichtspunkt erwies sich in der Praxis sehr bedenklich. In den kleinen Verhältnissen des Mittelalters mochte das nicht gleich so hervortrcten. Als aber, namentlich im Gefolge der Kreuzzüge, Handel und Gewerbe einen großen Aufschwung nahmen, trat allenthalben das Bedürfniß hervor, das nöthige Geld zu industriellen Unternehmungen durch Anleihen zu bekommen. Zu unverzinslichen Anleihen aber bot sich damals eben so selten als heute die Gelegenheit. Und wenn der Zinsfuß nicht höher war als der Durchschnittsgewinn, den die Unternehmer erzielten, so konnte der natürliche Verstand in der Forderung desselben nichts Unmoralisches, nichts Snndliches erkennen. Nichtsdestoweniger wollte und konnte die Kirche ihr Verbot nicht znrücknehmen. Was sie aber den Christen bei Verlust der ewigen Seligkeit untersagte, gestattete sie den Juden. Die Inden sind, so begründete man dieses Zngeständniß, ohnehin von der ewigen Seligkeit ausgeschlossen. Ob sie noch eine Todsünde mehr oder weniger begehen, ist gleichgiltig. Wenn wir ihnen das Recht geben, Leihanstaltcn zu eröffnen, so erreichen wir jedenfalls das Eine, daß Christen nicht durch Christen für Zeit und Ewigkeit zu Grunde gerichtet werden. Das Leihgeschäft aber mußte in den Händen der Inden uothwendig znm Wucher im heutigen Sinn ausartcn. Sie konnten ihr sauer erworbenes Kapital nicht zu einem Zinsfuß ansleihen, der dem allgemeinen Dnrchschnittsgewinn entsprach. Denn die christliche Gesellschaft gab dem Inden nicht die geringste Sicherheit dafür, daß er das Kapital mit den Zinsen unverkürzt wieder erhalten werde. Konnte man den Inden doch jeden Augenblick und ohne jede Schuld von seiner Seite des Landes verweisen, hatte doch sein Zengniß vor Gericht durchaus nicht gleichen Werth mit dem des Christen, lehrte doch die größte kirchliche Autorität, Thomas v. Aqnino, daß es der Obrigkeit jederzeit freistehe, die Habe der Juden einzuziehen! Wie hätte der Jude unter diesen Umständen nicht darnach streben sollen, sich so rasch als möglich einen Gewinn bei dem unsichersten aller Geschäfte zu sichern! Das leuchtete so deutlich ein, daß man ihnen ungestraft zwischen, Lö und 40 Procent Zinse» zugestand. Ein so exorbitantes Wuchergeschäft bot außerdem den doppelten Vortheil, daß es den Christen einigermaßen zurückschreckte, oder, wenn das nicht, ihn doch mit Haß und Verachtung gegen den Jude» erfüllte. Edle Motive waren es also durchaus nicht, welche die christliche Obrigkeit bestimmten, den Inden das Geldgeschäft zu überlassen. Die Folgen aber waren von der Art, daß die Juden zu den christlichen Theologen sprechen konnten wie Joseph zu seinen Brüdern: Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen. Je mehr das Geldgeschäft in den europäischen Kulturstaaten zu einer dringenden Nothwendigkeit wurde, um so mehr gewannen die Inden an Bedeutung als die einzigen, die ans diesem Gebiet Sachkenntnis;, Erfahrung und Geschick hatten. In den großen Städten mit ihrer leichtsinnigen Bevölkerung brachten sie mehr als einmal in jeden Jahrhundert den größeren Theil des Geloreichthums in ihre Hände. Geld aber ist zri allen Zeiten eine Macht gewesen. Ich weiß nicht, ob die erbaulichen Sprüchlein: „Qui caret nununis, was hilft's ihm, daß er frnmm is" und „Qui dat pecuniam summis, der machet wohl streck, was krumm is", von jüdischen Dichtern herrühren, aber gewiß ist, daß die Inden die Wahrheit derselben oft genug erfahreil haben. Auch die Päpste fanden es durchaus nicht unter ihrer Würde, sich ihre Schutzherrlichkeit über die Juden mit enormen Summen bezahlen zu laste». Gregor IX., Johann XXII., Clemens VI., Alexander VI. u. A. dachten von dem Gelde ihrer Schntzbefohlenen wie Kaiser Vespasian: non ölet, man riecht's ihm nicht an. War es doch auch ihre oberhirtliche Pflicht, das Geld in den Händen der Juden nicht zu einer bedrohlichen Macht werden zu lasten. Daß mit dem Gesagten die Stellung der römischen Kurie in den Grundzügen richtig angegeben ist, wird durch einen höchst glaubwürdigen Zeugen ails der Gegenwart bestätigt, den Papst Leo XIII. Im Pariser „Figaro" vom 4. August vorigen Jahres erzählt Madame Söverine in einem Bericht, dessen Glaubwürdigkeit durch ein ziemlich unbestimmtes Dementi nicht geschwächt worden ist, was ihr der heilige Vater über seine Stellung zur gegemvärtigen antisemitischen Bewegung mitgetheilt habe. Das Papstthum kennt keinen Gegensatz der Rasten, der Nationalitäten. Es unterscheidet nur zwischen den Völkern, die den katholischen Glaube» haben, und denjenigen, die ihn erst bekommen sollen. Da die Juden zu den letzteren gehören, so haben unsere Priester ihre Wohnstätten aufgesucht, ihre Bedürfnisse erforscht und sich um ihr Vertrauen bemüht. Wollte der Pöbel die Juden inassakriren, so finden sie beim Papste Schutz. Aber wenn die Kirche auch die Aufgabe hat, die Ungläubigen zu gewinnen und die Schwachen zu schlitzen, so gehört doch ihr Herz, ihre erste Liebe den Gläubigen. Sie muß jeden Angriff von ihnen abwehren und darf den Gottlosen nimmermehr einen Vorrang vor ihren getreuen Söhnen gestatten. Jetzt nun ist der Kirche und dem christlichen Volk nach so vielen Heimsuchungen ein neuer furchtbarer Feind in der Herrschaft des Geldes entstanden. Man will durch Geld das Volk beherrschen und die Kirche bezwingen; das darf sich weder die Kirche noch das Volk gefallen lasten. Auf die Frage von Madame Severine, ob der heilige Vater also den reichen Juden gegenüber Antisemit sei, lautete die Antwort: „Ich halte es mit den Kleinen, deir Niedrigen, den Enterbten, mit denen, die unser Heiland geliebt hat." Ans der klerikalen Sprache iu schlichtes Deutsch übersetzt, heißt das: So lange die Juden klein und ungefährlich bleiben, wird die Kirche sie wie die anderen armen Heiden behandeln. Aber von irgendwelcher Gleichstellung mit den Christen kann nimmermehr die Rede sein. Und wenn sie neuerdings durch ihr Geld zu Macht und Einfluß kommen, so müssen Kirche und Staat sich vereinigen, sie niederznhalten. Die Kirche hat nicht den Wunsch, sie zu vernichten, aber allen Grund, sie nicht aufkommen zu lasten. In der That hat die römische Kirche an den blutigen Judenhetzen des Mittelaltes nicht theilgenommen, im Gegentheil hier und da dagegeugewirkt. Bei den Vorbereitungen zum ersten Kreuzzug führte bekanntlich der übel berüchtigte Graf Ernico seine aufgeregten Schaaren gegen die Juden am Rhein, da diese nicht minder schlimme Feinde Christi wären als die Mohammedaner. Damals suchte sie der Erzbischof Rothardt von Mainz in einem seiner Kastelle zu bergen, konnte aber freilich die Erstürmung desselben schließlich doch nicht verhindern. Auch dem heiligen Bernhard, dem Vater des zweiten Kreuzzuges, muß zum Ruhme angerechnet werden, daß er die Judenverfolgungen durch die Kreuzfahrer entschieden mißbilligte. Als im 14. Jahrhundert die Pest zwei Fünftel der europäischen Bevölkerung dahinraffte und die Juden von der rasenden Menge beschuldigt wurden, die Brunnen vergiftet zu haben, da war's unter den Fürsten Europas fast nur der Papst, der sich ihrer annahm und sie wenigstens in seinem Gebiet schützte. (Schluß folgt.)

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