Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1893)
- Date
- 1893-06-16
- Page
- Seite 283 (sequence 7)
- Language
- German
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Die Juden, mit dem blutigen Ernst solcher königlichen Drohungen bekannt, fügten sich. Der Einzige, der Aufschub verlangte und erhielt, war Priskus. Dieser kannte leinen Mann; er schickte dem König reiche Geschenke und bat so lange »»> Frist, bis er die Heirath seines Sohnes mit einer Jüdin von Marseille abgeschlossen habe. Daß er aber den Abfall vermeiden Rillte, er, der doch das Unglück herbeigeführt, ertrugen seine leidenschaftlichen Stammesgenoffen nicht; als er sich eines Sabbaths in ine entlegene kleine Synagoge begeben wollte, lauerte ihm einer derselben auf und erschlug ihn. Die Geschichte des Priskus ist auch insofern lehrreich, als sie uns zeigt, wie bis dahin, also bis zum Ausgang des 6. Jahrhunderts, ms Schicksal der Inden durchaus von dem Belieben der geistliche» und weltlichen Fürsten abhing. Das wurde zwar auch späterhin nicht wesentlich anders; indessen begann doch seit dem Anfang des nebenten Jahrhunderts mit Gregor dem Großen die römische Hierarchie mehr und mehr die alte Herrschaft der Weltstadt zu erneuern und oie römische Kirchenpolitik wurde für das christliche Abendland mehr oder uieniger maßgebend. Die geschichtliche Betrachtung hat demnach von da ub vorzugsweise die Stellung der römischen Kurie ins Auge zu fassen. Nun ist nicht zu verkennen, daß in Rom immer ein Rest altrömischer Staatsklugheit fortleble. Seitdem durch Pipin und Karl oert Großen der römische Bischof zugleich weltlicher Herrscher geworden war, waren erst recht die theologischen Grundsätze dort nicht mehr Die allein maßgebenden. Mit den hartnäckigen Juden einen Vernichtungskrieg zu führe», wie mit Ketzern und Mohammedaner», lag nicht im Interesse der römischen Curie. Die christliche Kirche hatte io vollständig über die Synagoge gesiegt, daß inan sie nicht mehr >ls ernste Feiirdin zu fürchten hatte. Da erschien es also sehr viel ingemeffeuer, die gefesselten Juden für die Triumphzüge der Kirche aufzubewahren. Sie sollten fort und fort als lebendige Zeugen des großen Sieges, den das Christenthum über das Judenthum davongetragen, den Röniern vor Augen gestellt werden. Man muß sic »i diesem Zwecke fortwährend demüthigen, man muß sie fühlen taffen, daß sie nur von unserer Gnade leben, man muß sie in iozialer Beziehung so stellen, daß sie den Ungläubigen als abschreckendes Beispiel dienen; aber es wäre schade, sie zu vernichten, damit wäre der triumphirenden Kirche ein Hauptdekorationsssiick entzogen. Wenn schließlich der Rest, des Sklavenlebens müde, freiwillig zum Kreuze flüchtet, so ist damit ja auch Gottes Heilsplan für die Juden erfüllt, wie ihn Paulus im Römerbrief vorgezeichnet hat. Nach diesem Grundsatz verfuhr nian in Rom mit jener Stetigkeit und Folgerichtigkeit, die zu den unheimlichsten Vorzügen der römischen Kirchenpolitik gehören. Die äußeren Demüthigungen der Juden in Rom waren dem Charakter einer rohen Zeit entsprechende. Der Platz, wo sie dem iikugewählten Papste als Schutzflehende huldigen mußten, lag am Mausoleum Hadrians, also des Kaisers, der ihnen den letzten Rest ihrer Selbständigkeit geraubt hatte. Hier standen sie in ihren Festgewändern, der Vornehmste mit einem prachtvoll eingebundenen Exemplar des mosaischen Gesetzes in der Hand. Erschien der Papst auf seinem weißen Zelter, so überreichten sie knieend das Buch, das Gott einst Mose auf dem Sinai gegeben. Der heilige Vater nahm's, blickte hinein und ließ es entweder zu Boden fallen oder gab es einem aus seinem Gefolge. In der Regel sagte er dabei, daß er das Gesetz anerkenne, aber die Auslegung der Juden verwerfe, weil der von ihnen erwartete Messias längst gekommen sei. Bor und nach der Huldigung waren die Juden dem Spott und den Mißhandlungen des römischen Pöbels ausgesetzt, die zuletzt so unerträglich wurden, daß man die Feierlichkeit in das Innere der Engelsburg verlegte und endlich durch andere Leistungen ersetzte. Einen demüthigenden Charakter aber hatten diese Leistungen stets, denn auf ihren Triumph wollten die geistlichen Imperatoren nicht verzichten. So ließ man die Juden später bei der Huldigung den Titusbogen mit kostbaren Teppichen schmücken, eben das Triumphihor, das dem Zerstörer Jerusalems zu Ehre» errichtet war und das noch heute kein rechtgläubiger Israelit durchschreitet. Zur Karnevalszeit mußten sich die Inden an den öffentlichen Wettrennen betheiligcn. Allerdings thatcn das auch römische Knaben und Jünglinge, aber freiwillig aus Ehrgeiz und der Preise wegen. Die Juden wurden dazu gezwungen, um den Pöbel zu ergötzen. Man wühlte die Wohlbeleibtesten ans und gab ihnen vorher noch reichlich zu effen, damit sie desto ungeschickter zum Laufen wären. Nur mit einer Binde um die Lenden bekleidet, rannten sie vom Domitiansbogen bis zur Markuskirche den ganzen Korso entlang unter dem rasenden Hetzgeschrei des Volkes. Von einem reich geschmückten Altan blickte der heilige Vater auf das ergötzliche Schauspiel und stimmte behaglich in den wilden Jubel ein. Die Sitte hat genau zwei Jahrhunderte bestanden.! An dergleichen Kränkungen und Beschimpfungen konnte man j sich im Lauf der Zeit wie an unvermeidliche Nebel getvöhne»; schwerer! war's zu trage», daß die Juden in Rom immerfort der Willkür i eines rein persönlichen Regiments preisgegeben waren. Ist auch die > dauernde Einschließung in den Ghetto erst 1550 durch Paul IV. an- | geordnet worden, so gab es doch auch schon im Mittelalter Päpste, j die den Juden völlige Absonderung von den Christen auferlegten und ihnen verboten, sich in der Stadt ohne weithin sichtbare Abzeichen sehen zu lassen. Andere hoben derartige Verfügungen wieder! auf und nahmen auch wohl einen jüdischen Leibarzt in ihren Dienst. Diese gaben denn auch den Inden die Erlaubnis; zum Studium der Medizin, während sie sonst von jedem höheren Beruf, von jedem ehrlichen Erwerbszweig ausgeschlossen wurden. Die Kirche ließ ihnen nichts übrig als den Trödel, den Kleinhandel mit Ihresgleichen und — merkwürdig genug! — das Geldgeschäft. Die Ucbertragnng des Geldgeschäfts an die Juden ist ein in seiner Begründung so seltsamer und in seinen Folgen so bedeutsamer Vorgang, daß cs sich verlohnt, etwas länger dabei zu verweilen. Das alte Testament verbietet an verschiedenen Stellen (2. Mose 22,35; 3. Mose 25, 3ii; 5. Mose 23, 19; Psalm 15, 1. 5; Hesekiel 18, 8) von dem Gelde, das man dem Bruder, dem Stammesgenossen leiht, Zins zu nehmen. Was hier vom Bruder gilt, dehnt Christus (Lue. 6,35) auf alle Menschen aus. Daraus folgerten die Kirchenlehrer mit seltener Einstimmigkeit, daß der Christ durchaus keinen Zins von einem Darlehen nehmen dürfe. Geld auf Zins ausleihen, hieß Wucher treiben, und der Wucher ivurde von 28 Kirchenvcrsainmlnngen imd 17 Päpsten verdammt. Die Synode von Vienne (1311) erklärte schon den für einen Ketzer, der das Geldausleihen auf Zins irgendwie zu vcrtheidigen ivage. Der Wucherer wird exkommunizirt, er erhält kein ehrlich Bcgräbuiß, sein Testament hat keine Giltigkeit. Dabei tag gewiß der richtige Gedanke zu Grunde, daß man von der Roth des Bruders keinen Bortheil ziehen dürfe. Hat man ihn durch ein Darlehen ans dcr Noth geholfen, so ist's genug, daß man das Kapital voll wieder erhält. Wandte der Kaufmann ein, daß man doch von einem vermiethcten Hans, Pferd oder Acker Zins nehmen dürfe, ivarum nicht auch von einem ausgeliehenen Kapital, so wurde erwiedert, daß die erstgenannten Darlehen Nutzen brächten, Frucht trügen, während das Geld, wie schon Aristoteles gesagt habe,