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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-06-16 · Heft 24 (16.6.1893) · p. Seite 282

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 24 (16.6.1893)
Date
1893-06-16
Page
Seite 282 (sequence 6)
Language
German
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282 Regierung, hieß es, hat das Recht, gegen die Ernennung einer Persönlichkeit zum Konsul auf ihrem Gebiete ein Veto einzulegen. Was ihre Motive sind, geht uns nichts an. Ob sie seinen Bart nicht leiden mag oder seinen Namen, das ist ihre Sache. Ich habe schon darüber gesprochen, daß derartige Ernennungen nicht erfolgen trotzdem, sondern weil der Betreffende Jude ist, geradeso wie man einem Irländer einen Gesandtenposten geben muß, um die irischen Wühler zu ködern, und einen Neger in einem Bureau untcrbringcn muß, um die farbigen Wähler der Partei zu verpflichten. Das Merkwürdigste an dem vorliegenden Falle ist, daß Herr Judd einem Reporter eines St. Louiser Blattes, der ihn am Tage seiner Ernennung interviewte, sagte, daß er nur in sofern Jude sei, als er von jüdischen Eltern abstannne, daß er einer Gemeinde angehöre, weil er das seinen geschäftlichen und gesellschaftlichen Beziehungen zuliebe lhun müsse, er besuche auch hie und da den Tempel, weil er gcrir eine hübsche Predigt höre, aber der Religion nach sei er Freidenker. Das jüdische Wochenblatt von St. Louis, — hier hat jede halbwegs bedeutende Stadt ein oder mehrere jüdische Wochenblätter, von denen viele freilich nur dem Stadtklatsch gewidmet sind — die „Jewish voiee,“ redigirt von dem dortigen Rabbiner Dr. Spitz, nahm diese Nachricht mit entsprechendem Kommentar auf, was von Seiten Herrn Judd's eine Berichtigung produzirte, der zufolge er eine solche Aeußerung nie gethan Hütte. Dr. Spitz bemerkte sehr logisch, daß diese Berichtigung in dem Blatte Hütte erscheinen sollen, in lvelchcm das Interview abgedruckt war, und überdies veröffentlichte der Reporter eine Erklärung, wonach er für das Gesagte vollständig einstehe. Das echt Amerikanische an der Geschichte ist aber, daß ein mit den pietistischen kirchlichen Sekten liebäugelndes Tageblatt daraufhin den Anspruch erhob, der Präsident solle Judds Resignation fordern, denn wenn auch ein Jude als amerikanischer Biirger betrachtet werden muffe, so habe ein abtrünniger Jude jeden Anspruch auf Achtung verloren. Wie man daraus sieht, muß zwischen politischen Rechten und gesellschaftlicher Stellung scharf geschieden werden. Das bildet den Grundzug des Unterschiedes von europäischen Verhältnissen, tvo Zulassung in eine Gesellschaft ein politisches Recht bedeutet. An eine Verkürzung der politischen Rechte der Juden denkt aber Niemand, wie überhaupt nicht an eine verschiedene Behandlung der Konfessionen, worin nur die katholische Frage eine Ausnahme bildet, worüber ich im folgenden Artikel sprechen will. U Die Juden im Mittelalter. Ein Bortrag, gehalten im Verein junger Kaufleute von Berlin am 5. Januar 1891-1. Von Prof. Dr. Ernst Hermann. (Fortsetzung.) Ambrosius, der vielgefeierte Erzbischof von Mailand, fürchtete ohne Zweifel den Gott und Herrn der Welt viel mehr als den Herrn der Erde, den Kaiser Theodosius. Dem Letzteren verschloß er seine Kirchenthür und zwang ihn zu öffentlicher Buße, als er die Stadt Theffalouich in seinem Zorn mißhandelt hatte. Im Urtheil über die Judeil aber war eben dieser vortreffliche Kirchenfürst weit fanatischer als Theodosius, in welchem bei aller Leidenschaftlichkeit doch ein Rest altrömischen Rechtsgefühls lebte. Zu jener Zeit wurden in Mailand und bald darauf auch in Konstantinopel die Synagogen von aufgehetzten Volkshaufcn geplündert und verbrannt. Der Kaiser wollte wenigstens in seiner Residenz solche Exzesse nicht dulden. Man habe sich, sagte sein Erlaß, unter dem Deckmantel der Religion Ungesetzliches herausgenommen; der Bischof von Konstantinopel sei dafür» verantwortlich, und auf dessen Kosten sollte das jüdische Gotteshaus! wicdcrhergestellt werden. Nun aber wandte sich Ambrosius gerade,»! drohend gegen den Kaiser. Durchaus mit Recht sei die Stätte de;! Unglaubens, der Zufluchtsort eines von Gott selbst verdammte»! Wahns vernichtet worden. Läge nicht die Synagoge von Mailand! bereits in Asche, so würde er, der Bischof, sie jetzt verbrennen lassen.! Nicht anders urtheilten die großen griechischen Kirchenlehrer n»! Osten, welchejede Berührung mit diesen schlimmsten Feinden dc-I Herrn für sündhaft erklärten, nicht anders die fränkischen Bischnjkl im Westen. Unter den Letzteren ist Gregor von Tours ohne Zweintl einer der frommsten und liebenswürdigsten. Seine Geschichte der! Franken ist mit ihren aufrichtigen und lebensvollen Erzählungen W.e| beste Quelle für das sechste Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Aber! auch dieser sonst so unbefangene Historiker urtheilt über die Juda, nicht anders als die übrigen christlichen Geistlichen. Im 6. Buch seines großen Werkes berichtet er über eine Unterredung zwischen ihm, dem Bischof, dem nicrovingischen König Ehilperich und dem Jud e Priskus. Das Gespräch ist an sich höchst interessant und auch ni seinen Folgen hochbedeutsam, da es die erste offizielle, d. h. von der Regierung ungeordnete Judenverfolgung im fränkischen Reich zur Folge hatte. König Ehilperich war ein Regent vom Schlage Heinrichs VJil. von England, ein. Mann von starkem sinnlichen Triebe und rücksichtslosem Egoismus, der eben seine großen moralischen Mängel n!l lebhafter Theilnahme an theologischen Streitfragen und äußerlicher Religiosität zuzudecken suchte. Eines Tages traf Bischof Gregor l.i ihm den Juden Priskus, seinen Vertranten und Bcrather in Gelsgeschäften und bei der Anschaffung von Pretiosen. Der König, gerade bei sehr guter Laune, faßte den Juden bei den Haaren, beugte ihm den Kopf und sprach zu Gregor: „Nun komm, Priester Gottes, m s lege ihm die Hände auf." Da sich Priskus gegen solche Segnung heftig sperrte, ließ ihn Ehilperich mit den Worten los: „Hartnäckig - Gemüth, ewig ungläubiges Volk, das den Sohn Gottes nicht begreif:, den ihm doch seine eigenen Propheten verheißen haben." Der Jude gab alsbald zurück: „Gott verheirathet sich nicht und er hat fein Kind, keinen Genossen seiner Macht, er, der durch Moses, unser» Propheten gesprochen: „Siehe, ich bin der Herr, und außer nu ist kein Gatt." Ehilperich, weit entfernt, über die kecke Antwort z» zürnen, ergriff vielmehr gern die Gelegenheit, sein theologisches Wiffen vor dem Bischof leuchten zu lassen und begann alsbald eine Anzahl Bibelstellen zu rezitiren, welche die Theologie seiner Zeit als Weissagungen auf Christus ansah. Der Jude erwiederte: „W c ist's denn möglich, daß Gott Mensch wurde, von einem Weib geboren, gegeißelt und hingerichtet werde?" Da der König hierauf keine Antwort fand, so griff nun der Bischof in die Debatte ein und legte mit fortwährendem Hinweis auf die heilige Schrift dar, dal; der gefallene Mensch von der Herrschaft des Fleisches und der Sünde nur dadurch befreit werden konnte, daß Gott selbst unser Fleiß) annahm und die Sünde im Fleisch ertödtete. Der Jude meinte dagegen, Gott habe wohl auch durch seine Propheten die Mensche» auf den Weg des Heils zuriickbringen können, und wenn Priskm auch zuletzt zu der ruhigen und würdigen Auseinandersetzung des Bischofs schwieg, so sah man ihm doch an, daß er keineswegs überzeugt war. Um so tiefer aber schien die weihevolle Rede auf Chilpericb zu wirken. „Heiliger Priester", rief er, „wenn denn dieser Jude nichts von Dir wissen will, so spreche ich zu Dir wie Jakob zum Engel: „Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn." Diese Unterredung, sr scherzhaft begonnen und scheinbar so versöhnlich endend, hatte leider sehr ernste und blutige Folgen. Der König wurde nämlich dadurch zu der Meinung gebracht, daß man den verstockten Juden nur mit

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