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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-06-16 · Heft 24 (16.6.1893) · p. Seite 281

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 24 (16.6.1893)
Date
1893-06-16
Page
Seite 281 (sequence 5)
Language
German
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Schließlich hat das professionelle Meuchel- „lörderthum, die Mafia, unter ihnen zahlreiche Vertreter, was den „Bereinigten Staate»" vor wenigen Jahren große Verlegenheit bettete, als eine Bande solcher Verbrecher in New-Orleans von der imgeduldigen Volksjustiz ereilt wurde. Halten wir dem gegenüber die Lage der Juden. Sie sind vor allem Anderen loyal, gewohnt, selbst ungerechten Gesetzen zu gehorchen. Der englische Ausdruck für „loyal" law abiding, Gesetze erduldend, i|i bezeichnend für die Haltung des Juden gegenüber der staatlichen Autorität. Selbst in der ungebildetsten Klasse amerikanischer Juden, unter denen russisch-polnischer Abstammung, findet man Verbrechen ungewöhnlich selten und nur eins, welches für sie typisch genannt werden kann. Das ist Brandstiftung zum Zwecke des Assekuranzianvindels, was auch nur eine Folge der russischen Tyrannei ist, Welche die Leute, deren ganzer Besitz ein Haus ist, aus ihren Wohnswen vertreibt und sie so zwingt, den Werth ihres Grundeigenthums auf irgend eine Weise hereinzubringen. Aber auch dieses Verbrechen is keineswegs so häufig, daß es den Prozentsatz der Juden unter d u Verbrechern zu dem anderer Bevölkerungsklassen herauf bringe» bunte. In Bezug auf die Amerikanisirung macht aber der Jude d e schnellsten Fortschritte, wobei dem polnischen Juden zu statten iiinmt, daß er keine Sprache besitzt und, da er sich seines Jargons i.niint, sich das Englische rasch aneignet und darauf sieht, daß seine liinder dessen vollständig mächtig werden, so daß sie sich nur bei äußerster Nothwendigkeit des Jargons bediene», was gewiß niemals in Verkehre mit einander geschieht. Wie rasch die Assimilirung dieses Elements vor sich geht, mag die Thatsache beweisen, daß der Lohn des Besitzers einer Jargonzeitung in New-Nork kürzlich als Kandidat für ein Richteramt auftrat und ein anderer Sohn eines Bollblut-„Littwak", Namens Ehajinsky, als Preisboxer einen hervorragenden Platz behauptet. Was das bedeutet, können die europäischen ieser aus der Thatsache ermessen, daß ein siegreicher Boxer mehr , nteresse im Publikum erregt als der Präsident, und daß der vor-! ihrige Wahlkampf viel an Heftigkeit verlor, weil ein gleichzeitig luttfindender Wettkampf in New-Orleans das allgemeine Interesse irst ausschließlich absorbirte. Eine Bevölkerungsklasse, die einen I rize-lighter hervorbringt, hat schon dadurch den Beweis geliefert, daß sie ein wünschenswerther Zuwachs für die amerikanische Nation rt. Die religiösen Anschauungen der Juden sind in dem Lande, welches von jeher der Tummelplatz der verschiedensten religiösen Abenteurer und Schwärmer gewesen ist, am allerwenigsten Gegenüand des Angriffes. Sie stehen keiner geschlossenen Kirche gegenüber und sind in ihrem Innern auch so individualistisch, daß sie »'jemandem als eine religiöse Macht erscheinen, was der Grund der Feindseligkeiten ist, welchen die Katholiken begegnen, worüber ich im folgenden zu sprechen habe. Freilich, wenn die jüdische Religion i ls solche nicht angegriffen wird, so ist die gesellschaftliche Ltellung der Juden doch wieder keine solche, daß sie den Juden vor Vorurtheilen schützt, wie der Fall Seligmann beweist, welcher mehrere Wochen hindurch einen stehenden Artikel in den Zeitungen bildete. Theodor Seligmann, der Sohn eines sehr angesehenen New- Aorker Bankiers, hatte um Aufnahme in den Union League Klub, »ne republikanische Organisation, welcher „die obersten Vierhundert" angehören, angesucht und war, da er nicht die erforderliche Majorität erhielt, zurückgewiesen oder wie der bezeichnende Ausdruck im Englischen lautet, „geschwarzkugelt" worden. Jesse Seligmann — der Name »esse, die englische Form für Jischai, gilt als echt amerikanisch und ich kenne ein aus Ungarn stammendes Ehepaar, das seinen Erstgeborenen Jeffe nannte, in der festen Ueberzeugung, ihn dadurch zu einem Vollblut-Aankee zu stempeln — der Vater des Applikanten, der dem Klub seit dreißig Jahren angehvrt hatte, trat aus und die Reporter waren glücklich. Sie interviewten Vater, Sohn und alle führenden Geister des Klub und hatten den schönsten Sensationsstoff für ihre Blätter. Einzelne Klubmitglieder verneinten jedes antisemitische Motiv, Andere gaben es geradewegs zu, und für den mit den Verhältiiiffen halbwegs Vertranten war es keinen Augenblick ein Geheimniß, daß die New-Iorker Finanzaristokratie den Juden nicht als ebenbürtig betrachtet. Seligmann war von Mitgliedern des Klubs, welche das Aussehen vermeiden wollten, ersucht worden, seine Bewerbung zurückzuziehen, was er verweigerte, von dem richtigen Gedanken ausgehend, daß Klarheit immer besser sei als die Vogel Strauß-Politik. Der Erfolg war wie vorausgesehen. Die Stimmung des Publikums in einer solchen Angelegenheit ist schwer zu beurtheilen. Die demokratischen Parteiorgane schnauben Entrüstung, um die Wahlstimmen der Juden zu gewinnen. Ein unitarischer Prediger in New-Uork wählt diesen Vorfall zum Thema seiner Sonntagspredigt. „Ein Klub, der einen Juden zurückweist, weil er Jude ist, stellt sich," wie der liberale Prediger sagt, „außerhalb der Menschlichkeit und unterhalb der Vernunft, er ist ungebildet und unwissend, irreligiös und unmoralisch. Der Klub ist verpflichtet, einen Inden auf Grund seiner Menschenrechte aufzimehmen". Das wäre Alles recht schön, aber an diesem Muthe hat die landesübliche Sensationssucht der Kanzel einen großen Antheil. Zudem sind die Unitarier, deren Christenthum mit dem des Herrn von Egidy auf einer Stufe steht, schwach in der kirchlichen Welt Amerikas und schließlich auch von der Absicht geleitet, unter den Juden Anhänger zu werben. Von großem Gewichte scheint mir aber die Stimme des angesehensten Wochenblattes, der New-Porker „Nation", zu sein. Diese Zeitung ist demokratisch und vertritt den entschieden kapitalistischen Standpunkt. Sie ist also auf der einen Seite nicht verdächtig, im Partei-Interesse zu schreiben, wenn sie den llnion-League-Klub vertheidigt, und auf der anderen Seite ist sie der entschiedene Repräsentant der einflußreichsten Bevölkerungsklaffe. Die „Nation" sagt nun in ihrer Nummer vom 20. April in dürren Worte»: Da das Vorurtheil gegen Juden einmal besteht, wäre es für Herrn Seligmann das Richtigste gewesen, sich da nicht einzndrängen, wo man ihn nicht haben will, mag der Grund sein, was da wolle. Zur Charakteristik der Stimmung gegen die Juden in der führenden Klasse der Bevölkerung mag es förderlich sein, die bezeichnendsten Stellen des angeführten Artikels wörtlich hier folgen zu lassen! „Man vcrmuthet, und zwar mit Recht, daß Herr Seligmann so behandelt wurde, weil er Jude ist, da sonst kein Einwand gegen ihn erhoben werden kann, das heißt, er wurde einem Vorurtheile geopfert, welches, im Großen und Ganzen, Juden und Christen fast in allen Städten des Landes gesellschaftlich getrennt hält, welches den Juden mehr oder weniger von allen hervorragenden Sommer-Hotels ausschließt und wahrscheinlich Herrn Seligmanns Eintritt in jeden andern nicht-jüdischen Klub New-Aorks verhindern würde. Ja, es giebt keine Erscheinung im gesellschaftlichen Leben, welche allen New-Iorkern und besonders den Philosophen der Journalistik vertrauter wäre, als dieses Vorurtheil. Es mag traurig und tadelnswerth sein, wenn man will, aber es ist so offenkundig wie die Sonne am Hellen Mittag und überdies nicht von heute und gestern." Dasselbe Blatt nahm auch eine den Antisemitismus tolerirende Stellung ein, als das Gerücht ging, die österreichische Regierung hätte dem zum Generalkonsul in Wien ernannten Max Judd das Exequatur verweigert. Natürlich wurde das antisemitische Motiv der vorausgesetzten Weigerung nicht gebilligt, aber die österreichische

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