Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1893)
- Date
- 1893-06-09
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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57. Jahrgang. Nr. 23. Berlin, 9. Zum 1893. Der Gemelndebote. 'Ueikage zur „Atkgemeinen Zeitung öes IuöenLhums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. ££2 Berlin, 6. Juni. In der am letzten Sonntag, dem 4. cr., statt- Iflshabten Repräsentantensitzung kamen zwei wichtige Fragen zur I^rhandlung. Die eine betraf den Neubau der Gemeinde-Mädchenschule, /während die andere mitdem Neudruck des Gebetbuches für die Neue Synagoge |m() beschäftigte In der ersten Frage kam es zu keiner Entscheidung, Ivielmehr faßte die Versammlung, gemäß dem Vorschläge des Referenten IHerrn Mannheimer, den Beschluß, den Vorstand aufzufordern, noch einmal l^i prüfen, ob nicht für eine Erweiterung der Mädchenschule auf dem!errain der Grundstücke Rosenstraße und Haidereutergasse noch genügender l.aum vorhanden ist. Zur Stellung dieses Antrages war, wie Herr!'.Mannheimer hervorhob, der Finanzausschuß gelangt, nachdem es sich rausgestellt, daß das für den Neubau in der Kaiserstraße in Aussicht I^uommene Terrain eine Ausdehnung der Schule nicht gestatten würde, d.ren Errichtung mit Million in Ansatz gebracht ist. Wir kommen auf die Angelegenheit noch zurück. Sodann referirt Herr Geheimrath s üirstein über die Angelegenheit des Gebetbuches. Der Referent führt ue Reihe von Punkten an, die ihm wichtig genug erscheinen, um l vor dem Neudruck erst die Genehmigung der Repräsentanten einzu- Iiolen. Diese stimmten dann auch u. A. bei, daß das Gebetbuch in \\xm Theilen erscheinen solle, daß die Grundsätze der jüdischen Sitten- ' hre dem Buche angefügt werden und daß die unwesentliche Abweichung | d?s Gottesdienstes in der Lindenstraße von der Liturgie der Neuen Synagoge in dem Neudruck unberücksichtigt bleiben solle, eine Ent- | [ Reibung, die man erst nach längerer Debatte traf. Gemäß dem Anträge s Rechtsanwalts Tiktin beschließt die Versammlung, die Wiener k Gemeinde um Aufschluß zu bitten über die Erfahrungen, welche sie mit d u Maschinen zum Hinablassen der Särge und zur Zuschüttung der! l räber gemacht. Dieser Beschluß wird entgegen den Erklärungen des > Ausschusses gefaßt, der in diesem System eine den Gemeindemitgliedern unsympathische Neuerung glaubte erblicken zu müssen. Es werden des zwei Zuwendungen an die Altersversorgungsanstalt bekannt s-geben, und zwar haben gespendet: Ferdinand Mannheimer und Ge- I s hwister 5000 Mk. und Gustav Mosler 12,500 Mk. Mit Bewilligung lnriger unbedeutender Nachtragskredite schließt die öffentliche Sitzung. * Berlin, 4. Juni. Der Geh. Regierungsrath Wilhelm Foerster, Direktor der Sternwarte und Vorsitzender der „Ethischen Gesellschaft", ihreibt an Hermann Bahr: „Die antisemitischen Hetzereien und Ueberi eibungen sündigen hauptsächlich durch die Unterschiedslosigkeit, mit elcher sie den Unschuldigen zugleich mit dem Schuldigen beschimpfen und iedrücken. Heilung von dieser Erkrankung des Urtheils der Menge ist l ber nicht in verdammenden Worten zu suchen, sondern in einer Gesundung ier immer unerträglicher gewordenen Zustände des Erwerbslebens und ier Geldwirthschaft Für diese Zustände sind die Juden keineswegs allein > erantwörtlich, aber in den germanischen und slavischen Ländern haben ' e einen sehr erheblichen Antheil an den dadurch entstehenden Nöthen und 1 V eiben. Der Willens- und Geisteskraft der vielen edeldenkenden Juden Uegt daher in erster Stelle die Verpflichtung ob, an der vernünftigen Umgestaltung unserer wirthschaftlichen Zustände kräftigst mitzuarbeiten. « ist erfreulich, zu sehen, wie Viele dies begriffen haben und mit Hin- * ebung am Werke sind. Berlin, 9. Mai 1693. W. Foerster." * Berlin, 4.Mai. Der Verein „Freunde der Taubstummen — Fedide-Jlmim" in Neu-Weißensee zählt gegenwärtig 3 Ehrenmitglieder, 76 immerwährende Mitglieder und 2096 Mitglieder mit einem jährlichen Beitrag. Außerdem fließen ihm jährlich 1500 Mk. aus Kapitalstistungen ui. Ein Gönner hat ein Kapital von 1000 Mk. gestiftet, welches zur Unterstützung von aus der Anstalt entlassenen Zöglingen dienen soll. Für 7 Zöglinge zahlten die Eltern Pensionsbeträge (300—600 Mk.), für i0 Zöglinge Eltern, Gemeinden, Kommunen, Vereine und einzelne Wohltäter Zuschüsse (100-400 Mk.), während 4 Zöglinge vollständige Freistellen innehaben. Die 26 Zöglinge werden von drei Lehrern und einer Erzieherin in drei Klassen unterrichtet. Berlin, 6. Juni. Aus der Fülle von Adressen, die Herrn Professor Steinthal zu seinem siebzigsten Geburtstage gewidmet wurden, heben wir nachträglich noch eine, u. zw. sowohl ihres Inhalts wie ihrer Unterschriften wegen hervor. Sie wurde von den Kollegen, Freunden und Schülern des Jubilars überreicht und lautet folgendermaßen: „Hochverehrter Herr Professor! Ein Kreis ehemaliger Schüler, dem sich Mitforscher und Verehrer angeschlossen haben, naht sich Ihnen heute, wo Sie Ihr siebenzigstes Lebensjahr vollenden, um Ihnen ihre Dankbarkeit und Hochachtung zu bezeugen. Was Sie in fast fünfzigjährigem unermüdlichen Schaffen, geführt von Leitsternen wie Herbart, Böckh und vor Allem Wilhelm v. Humboldt, zur Charakteristik des menschlichen Gemüths beigetragen, was Sie für die Erforschung der Gesetze des geschichtlichen Werdens, für die Aufhellung des Dunkels, das die Entstehung, die Entwicklung, die Ausgestaltung der Sprache umgiebt, für die Ergründung des Lebens der Seele, was Sie als feinsinniger Erklärer und Deuter der Denkmäler des litterarischen und religiösen Lebens der Menschheit, immer bis zum Wesen der Erscheinung vordringend, was Sie endlich als liebenswürdiger, einer reineren Zukunft zustrebender Ethiker geleistet haben, davon legen Ihre Schriften öffentlich Zeugniß ab, und dessen wird die Geschichte der Wissenschaften stets gedenken, indeß die Welt Ihre Ideen zum eigenen Besten nutzt. Wir aber, denen es vergönnt war. Ihnen persönlich näher zu treten, die wir oft Ihren Worten mit der Seele gelauscht haben, bekennen vor Allem, welchen Dank wir dem Lehrer und Freunde schulden. Niemals haschten Sie nach dem Erfolg, nicht liebten Sie den die Jugend so leicht blendenden Schein geistreicher Kraftworte, nicht ein berauschender Wortkünstler waren Sie, zögernd nur löste sich oft die Rede von Ihren Lippen, und einfach waren Ihre Worte; aber was Sie boten, war selbsterarbeiretes, tiefgeschöpftes Denken, war echt und gut. Wie wußten Sie für das geschichtliche Leben die Theilnahme zu wecken und das Auge für die Triebkräfte des Einzellebens zu öffnen und zu schärfen. Und wie schwebte Ihnen stets der Zusammenhang des Ganzen vor: daß ein Volk nicht ein Haufe von Individuen, sondern ein einheitliches Wesen ist, als solches dichtet und denkt, Vorstellungen und Worte formt, daß in seinem Leben Ideen die führenden und herrschenden Mächte sind, nicht blinder Zufall oder die Laune des einzelner: Mächtigen, das wußten Sie einleuchtend zu zeigen und so die Seele vom Vorübergehenden zum Bleibenden zu gewöhnen. Und so gelang es Ihnen, indem Sie, getreu dem Meister, dern Sie nach Ihrem eigenen Bekenntniß so viele und so glückliche Tage Ihres Lebens gewidmet haben, das Individuelle und das Ideelle gleichmäßig achteten, in einer Zeit, wo Philosophie nur wenig galt, in uns Lust und Liebe zur Philosophie zu pflanzen. Und in allen Ihren Lehren war stets das ethische Ziel Ihres Lebens erkennbar. Besser zu werden, trotz aller schlimmen Erfahrungen, erschien Ihnen als die große Aufgabe des Lebens, besser zu machen, war Ihnen die Freude und das Endziel Ihres Lehrens. Dieser ganzen Richtung ihres Wesens gedenken wir heute mit Dank und Freude. Und mit Freude und Dank denken wir auch heute daran, daß die Krankheit, die vor wenigen Wochen Ihr Leben zu bedrohen schien, überwunden ist, daß Sie den Ihrigen und der Wissenschaft wieder geschenkt sind zu neuem Leben und frischer Thätigkeit. Möge Ihnen das schönste Glück, das das Leben des Menschen krönt, zu Theil werden: Ein heiteres beschauliches Alter; möge sich der eng vertraute Kreis Ihrer Lieben, der Sie umgiebt, lange seines Hauptes freuen, und möge das jüngere Geschlecht zu Ihnen als zu einem geistigen Führer in Verehrung aufschauen." Unterschrieben ist diese Adresse u. A. von: A. Bastian. Professor von der Gabelentz. Eberh. Schräder. Karl Weinhold. Adolf Tobler O. Olshausen. A. Dittmann. Johannes Schmidt. Friedrich Paulseu. Dr. K. Bruchmann. Albr. Weber. Julius Zupitza. Prof. H. Ebbinghaus.