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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-06-09 · Heft 23 (9.6.1893) · p. Seite 276

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 23 (9.6.1893)
Date
1893-06-09
Page
Seite 276 (sequence 12)
Language
German
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276 „Dies ist kein.Judenkind!" schrie sie. „Welch' frevler Hohn! Dein Sohn, er war ein Christ?" „Ja! Denn 's ist nicht mein Sohn! Der Zweifel und die Furcht, sie pein'gen ihre Seele „Jst's recht?" dachtsie, „daß ich die Wahrheit hier verhehle. D Gott! Darf ich Dir, was Dir gehört, entreißen? — Darf ich des Märt'rer's Sohn jetzt einen Christen heißen?" Die Lüge fiel ihr schwer. Beinahe war sie schon Bereit zu widerrufen — Nein! Sei tausendmal auch Wahrheit Pflicht! Ihr Kind den Flammen preiszugeben, das vermocht' die Mutter nicht! — Sie wiederholte langsam: „Es ist nicht mein Sohn!" In ihren Schooß. — Dem Knaben schien's tut Traum der Nacht, Er sah' die Mutter, wie sie weinend bei ihm wacht. Rasch fuhr er auf und „Mutter! Mutter!" rief Er, doch umsonst, denn die Gefang'ne schlief. Sie schien es wenigstens zu thun; hört auf zu weinen Und gab sich alle Müh', ihm schlafend zu erscheinen. Dem heiligen Offiz berichteten die Spione, Daß wahr der Jüdin Worte sei'n. Und ihr zum Hohne, Kam andern Tag's der Richter Schaar, von ihr zu mahnen j Das Christenkind mit Kreuzen, Bannern, Kirchenfahnen — I „O lasset mich, Ihr Herr'n! nur einmal noch umarmen Und küssen dieses Kind! — Verweigert's nicht der Armen!" „O Mutter!" schrie der Knab' „Ich bin Dein Sohn!"— Da glitt Ein Thränlein unbemerkt aus ihrem Aug', doch schritt Sie rasch gefaßt zum Richter hin: „Sechs Jahre sind Es, Herr! seit ich zu Barcelona stahl dies Kind! Noch in der Wiege lag es, als ich es geraubt. Verzeihet d'rum, daß es mich seine Mutter glaubt!" „Und weshalb stahlst Du es?" herrscht sie der Richter an. Das arme Weib erbebt. „Ihr raubtet mir den Mann, Ter Tod mein eigen Kind! — Mein Herz es heischt' Ersah." — Sie schwieg und kehrt zurück zum Armesünderplatz. Es ward die schreckliche Enthüllung viel besprochen Im Schooß des Tribunals. Der Fall war wunderbar: Die Jüdin war nicht nur zu Kreuze nicht gekrochen. Ihr Eingeständniß mehrt' für sie noch die Gefahr. Man führet Beid' indeß ins Kerkerloch zurück. — Bald waren sie allein — Der unglücksel'ge Knab' Stürzt an der Jüdin Brust und ruft: „Ich bin Dein Sohn! Ich bin ein Judenkind, bin nicht aus bess'rem Thon!" — Umarmt sie und bedeckt mit Küssen ihr Gesicht — Von Angst und Schreck gequälet, wagt die Arme nicht. Die Küsse zu erwiedern. Alles zu gesteh'n Aus Furcht, verrathen sich, verloren ihn zu seh'n. „O ueiit!" - sagt sie — Turchrüttelt ihren Leib. „Du irrst!" Ein heft'ger Fieberschauer Das Kind es weint voll Trauer. „Nein, Kind!" ruft sie, indem der Thränen Strom sie hemmt. „Mein Sohn ist lange tobt! — Du Knabe bist mir fremd! — „Hör' zu, mein Herz! Ich bitt, daß Du nicht länger weinst. In Barcelona war's, wo Dich die Jüdin einst — Der Christenmutter stahl. — Die Arme, sie ist tobt! - Du hast nun Niemanden auf weiter Welt! O Gott! Du armer, armer Knab', unschuld'ger, engelreiner, Du wirst jetzt wieder Christ! — „Gedenk' zuweilen meiner. Der Pfleg'rin, der Beschütz'rin Deiner jungen Tage! —" Das Kind hört nicht auf sie und seine laute Klage: „Ich bin Dein Sohn!" erfüllt das grause Kellernest, Zerreißt der armen Mutter Herz Doch sie bleibt fest. Vom Weinen ganz erschöpft, durch ihre List gerettet. Schlief endlich ein das Kind, das müde Haupt gebettet — „Zurück! Du Ketzerin!" erzürnt der Richter schrie, „Damit nicht Deine Hand den Christen hier entweihe, Deß Leib und Seel' Du stahlst! Stürz' hin auf Deine Knie' j Und bitt ihn, daß er Dir die Missethat verzeihe!" | Die Jüdin that, wie man sie hieß. Sie lispelt lind: „Verzeih' der Sünderin! Vergieb, o Christenkind!" Im Schnarrbaß sangen die Mönche. — In stolzer Prozession, So führt' man hin zu der Kirche der armen Jüdin Sohn. Gewaltsam muß man ihn schleppen. Er jammert, schreit und stöhnt. Der Glocken frommes Geläute die Klage übertönt. — Und als zum Scheiterhaufen Alles war bereit, Führt man herbei das Kind, in einem weißen Kleid,! Und giebt ihm einen Ehrenplatz — so will es die Justiz. — j Der Clerus und der Städter Schaar, die Richter vom Offiz, Sie Alle sind zugegen. Angsterfüllt, beklommen,! So harrt der arme Knab' der Dinge, die da kommen.! j Jst's grause Wirklichkeit? Ist es ein böser Wahn? — Schon sieht die Mutter er mit schwanken Schritten nah'n,! Die Fackel in der Hand. — So führt man sie vorbei. ' Des Kindes Brust entquillt ein jäher Schmerzensschrei. —! Der geht wie'n Stich durch's Herz dem armen, schönen Weib, j „Genügt's nicht, daß sie pein'gen, foltern seinen Leib? > Entmenschte Mordgesellen, Wütheriche sind's, : Die eine Mutter tödten angesichts des Kind's!" i Der Knab' schlägt wild um sich und will zu Hilf' ihr eilen.! Sie fürchtet für sein Leben. Mag nicht länger weilen Vor ihrem Kind. Fort zieht's die Arme mit Gewalt. Sie geht an ihm vorbei stumm, theilnahmslos und kalt. — „Wie ist der Mutter Liebe doch so rasch verflogen! j Wär's möglich?" dacht' das Kind, „Wie, wenn sie nicht gelogen!" Man liest das Urtheil vor — „Sie hört es schweigend an. Zum Marterpfahl geleitet sie der Henker dann — Der Holzstoß brennt — Bald stehet ihre Seel' vor Gottes Thron Noch einmal schauet sie empor — ihr Blick, er trifft den Sohn. — Der schreckliche Moment bringt seinem Herzen Klarheit. Der Mutter brechend Aug' es kündet ihm die Wahrheit — Sie starb den Opfertod - Doch er, durch ihre List Gerettet, blieb dem Glauben treu und — ward kein Christ. — Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.

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