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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-06-09 · Heft 23 (9.6.1893) · p. Seite 274

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 23 (9.6.1893)
Date
1893-06-09
Page
Seite 274 (sequence 10)
Language
German
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274 „Der Christophle kann auch haußen bleiben." „Freilich!" nickt Dörtle, und Christophle lacht und sinnt nach und sagt ebenso: „Freilich!" Und dann geht der alte Nanz, und nach einer ganzen Weile hat der junge Christoph es fertig gebracht, sich neben die Dirne zu setzen, und nun bläst er ihr brav Rauch ins Gesicht. Endlich holt der Christoph tief Athem lind sagt: „Du, arg hübsch war's!" „Was denn auch?" fragt Dörtle. Er macht mit deni Arme eine schwenkende Bewegung. „Wie wir getanzt haben." „Ach!" sagt die Dirne, „daran thust noch denken!" Ter Bursch raucht noch gewaltiger, blickt wieder hin und her und murmelt: „Und einen argen Spaß hat's geben!" „Was denn?" fragt das Mädchen wie vorhin. Da hilft Christophle mit seinem Ellbogen nach und giebt Dörtle einen kleinen Stoß. „Na. weißt» doch — mit dem Tanzelesjnd!" Und diesmal traut er sich, dem Dörtle rechtschaffen ins Gesicht zu schauen. D je! Das wird aber roth, und wild blitzen seine Augen und cs zieht den Mund und spricht: „Schäm' Di anch, Christoph!" Er hält die Pfeife eine Strecke vom Mund entfernt, ihm ist, als hätt' er nicht recht gehört, zweimal schnauft er und dann sagt er: „Ja, freilich!" aber es ist ihm, als sei das Rohr, aus den, er vorhin so trefflich hat ziehen können, plötzlich verstopft. Eine ganze Zeit geht hin, nun reden sie drinnen wieder. „Aufspeichern kann man ans viele Jahr," meint der alte Nanz. „Ist gut für den Hausvater und die Kinder," sagt Gabriel. „Und die Kiudeskinder!" ruft der Gast und lacht dabei, denn es soll gepaßt sein. „Je wohl!" spricht die Bäuerin dazwischen, und das klingt wie ein herber Seufzer. „Aber Einer »ruß daran denken!" fällt Nanz wieder ein. „Unsre Haare werden grau und unsre Füße »it jünger zum Laufen." „Sekt ist gewiß!" antwortete Gabriel. Ter alte Christoph räuspert sich zweimal recht hörbar, eh er hervorbringt: „Da sind die Kinder — und wir sollten einmal drüber reden." „Das kann schon geschehn," giebt der Schwaderer als Gegenrede, „nit, Rösle?" Die mag genickt haben, und nun ist's wieder still, vielleicht, daß sich alle Drei recht tüchtig besinnen. Das Dörtle hat ein Strickzeug neben sich liegen, aber das ist allemal nur so zum Anschein, eS hat nicht die rechte Ruhe dazu. Jetzt schlügt es immer die Daumen umeinander und blickt vor sich hi». In Christophle» Pfeife ist wieder Zug gekommen; er dampft tapfer darauf los und sagt auf einmal, weil die im Haus jetzt schweigen und er nichts zuzuhören hat: „Tn, Dörtle, warum anch sollt' i mi vorhin schämen?" Gar gutmiithig klingt das, die Dirne nimmt es aber nicht so. „Warum?" fahrt sie auf und ihr Gesicht ist wieder so gar roth dabei. „Das fragst halt noch. Solch ein' Schimpfname magst brauchen? Und sind nit alle Menschen gleich vor unserm Herrgott? Und hätt' der auch wohl Juden erschaffen, wenn sie nit da sein sollten? Und hast nimmer bedacht, daß er grad linsern Herrn Christus mitten unter sie getha» hat?" Christoph hebt die Pfeife gar nicht mehr an den Mund, der Athem vergeht ihm, iveil Dörtle so reden kann. „O!" sagt er und nach einer Zeit kann er erst hinzusetzen: „Recht und wahr ist's!" „Wenn's nur einsiehst!" ruft Dörtle. Er schüttelt verwundert den Kopf. „Kannst Du aber reden1 sagt er und betrachtet die blonde Dirne scheu. Dörtle giebt nicht darauf Acht, sie ist noch ganz aufgeregt. „Die Menschen sind zu dumm!" spricht sie verächtlich. Christoph sagt mit einem neuen Kopfnicken, daß er völlig ihrer Meinung ist, dann kratzt er sich hinter den Ohren und stottert endlick: „Tanzelesjnd! Nix für ungut, Dörtle, aber i vermein, Tu habest's zuerst gesagt!" Mit dem Fuß stampft das Mädel auf. „Hab' i's? Freilich Hab' i's!" ruft sie zornig, „und warum? Schau, weil i auch so dumiu gewesen bin, als Ihr Alle." Er fürchtet sich ordentlich, wie er das Blitzen von ihren Auge» sieht, und sie fuchtelt mit den Armen in der Luft herum, so beängstigend nah, daß er seine Pfeife mit Sorgfalt festhalten zu inüsseu glaubt. Und dann wirft sie den Kopf stolz in den Nacken zurü 1 und fügt hinzu: „Jetzt bin i aber klüger, Christoph, jetzt weiß i - besser." „Freilich!" antwortet er. Damit scheint ihr aber noch nicht genügt, sie faßt den Arm dev Burschen und sieht ihm ernst ins Gesicht. „Und Du sollst» jetzt auch bester wissen, und Christoph, wenn Du noch Einen hörst, der das Schimpfwort wieder im Mund führt —" „Ja —," sagt der Bursch gedehnt. „Du iveißt doch, ivas Du zu thun hast?" forscht sie. Christophle zwinkert niit den Augen und zeigt seine Zähne und bringt doch keine Antwort heraus. Aber die Dirne läßt nicht nach. „Weißt nit?" „So recht nit," sagt der Bub treuherzig, „aber D» wirst's schon wissen, Dörtle, Du bist arg klug und —" „Und was?" stößt sie heraus. „Und drum können wir ja einmal über das Ding reden!" Ein spöttisches Lachen kommt über Dörtle's kirschrothe Lippen: und dem scheuen Burschen ist es gar nicht behaglich dabei. Dann wendet sie ihm das Gesicht ganz nah zu und zischelt: „I will Dir's sagen — was Du zu thun hast. Den, der nock einmal schimpft und dem Bartel etwas wissen will — den schlägn nieder!" ruft sie. „O!" antwortete er und stottert noch etwas dazu, in das er selber keinen Sinn bringen kann, und es ist gut, daß sie drinnen wieder beginnen und das Dörtle dahin aufhorchen thut. „Ja," knüpft der alte Nanz da an, wo er vor fünf Minute!, geendigt hat, „ja, da sind der Christoph und das Dörtle! Jim sind'», Batzen haben sie Beiv' — warum sollten sie nit zusamme, kommen, wenn wir Alten einig sind!" Er stöhnt nach den Worten denn das ist so ziemlich das Längste, was er in seinem Leben au einmal geredet hat — und Müh genug hat's gemacht — aber die i» ihm das Schwaderer-Gut für seinen Sohn auch Werth. „Ja, ja —hm, hm!" macht Gabriel, und dann ruft er: „Rösle. red auch Du!" „I? Ja, Gabriel," sagt die Bäuerin, „i bin noch kein Stund in meinem Leben einer andern Meinung gewesen als Du! Und D» bist der Schwaderer!" „Scll ist gewiß!" fällt der alte Nanz ein und räuspert sich und muß der Frau auch etwas Angenehmes sagen, weil sie ihm augenscheinlich nicht zuwider ist. „Und das ist einmal eine verständige Bäuerin!" (Fortsetzung folgt.i

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