Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1893)
- Date
- 1893-06-09
- Page
- Seite 272 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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272 Aas Massa -er Propheten. Eine exegetische Studie von Rabbiner Dr. Stier. IV. Wir sehen uns also veranlaßt, auf ein anderes Moment hinzuweisen, das uns die Ursache einleuchtend machen wird, warum für die genannte Art von Prophetie die Ueberschrift Massa gewählt wurde. Wir meinen nämlich, daß eine Seite des Prophetismus bisher zu wenig ins Auge gefaßt wurde, und die ist: die Beschäftigung der Propheten mit der Musik, oder besser der Gebrauch, den sie von ihr machten. Hierüber wird uns direkt freilich nur wenig berichtet; dennoch genügt das Wenige und mancherlei Andeutungen, die wir verschiedenen Stellen entnehmen, um es uns zur Wahrscheinlichkeit, wenn nicht zur Gewißheit werden zu lassen, daß viele der hervorragendsten Propheten sich entweder selbst mit Musik beschäftigten, oder sich ihrer als Mittel bedienten, um sich in die rechte, weihevolle Stimmung zu versehen. Das uns direkt Berichtete darf als bekannt vorausgesetzt werden, i Da erzählt uns I. Sam. Kap. 10, 5 von der Salbrmg des ersten jüdischen Königs, Sauls. Der Prophet Samuel salbt ihn zum Könige und entläßt ihn mit der Mittheilung, daß ihm (Saul) auf der Heimreise eine Schaar von Propheten begegnen werde „und vor ihnen her das Nabla, die Pauke, die Flöte, die Harfe." Es ist hier wohl nicht ganz deutlich, ob die Propheten, resp. Prophetenjünger selber jene Instrumente handhabten oder sich von geübten Musikern Vorspielen ließen — (das D.TJöb läßt das Letztere vermuthen) - jedenfalls ist daraus zu ersehen, daß die Musik im Kreise der Propheten heimisch war, von ihnen geübt und als Mittel für ihren Beruf verwerthet wurde. Letzteres tritt deutlich bei dem Propheten Elisa hervor. Drei Könige: Jehoram von Israel, Jossafat von Juda und ein König Edonzs fordern Elisa auf, den Ausgang des Kampfes zu prophezeien, den sie gegen Mesa, den König Moabs, unternehmen. Der Prophet geräth in Zorn, als er den abtrünnigen Jehoram vor sich sah. In der erregten Stimmung kann er nicht weiffagen. Im babl. Talmud (Pessachim 661») macht Rabbi Simon den Lakisch die psychologisch richtige Bemerkung, daß im Zorne den Weisen die Weisheit verlasie, dein Propheten die Kraft der Prophetie versage. Um sich in die richtige Stimmung zu versetzen, läßt sich Elisa den kommen. Es ist der Musiker, der Künstler auf dem Jnstruinente, dessen Töne einerseits den Geist beruhigen und ihn andererseits zur prophetischen Schau erheben. Elisa weissagt. Sonstige direkte Mittheilungen über Anwendung und Benutzung der Musik von Seiten der Propheten besitzen wir nicht. Wir dürfen aber voraussetzen, daß das Mittel, das der Eine angewendet, der Andere wohl nicht außer Acht gelassen haben wird. Diese Voraussetzung dürfte um so richtiger sein, als, wie die oben erwähnte Stelle, 1. Sam. 10,5 zeigt, auf den Gebrauch der Musik schon in der Schule Samuels hingewiesen wurde, dieselbe also Lehrgegenstand der Prophetenjünger gewesen ist. Von dieser Voraussetzung abgesehen, finden wir bei fast allen Propheten eine innige Vertrautheit mit der Musik. Allen voran steht hierin Jesaia. Seine Bilder und Gleichnisse, seine Schilderungen von Größe und Macht rc. zeugen von seiner Bekanntschaft mit der Musik und ihrer Anwendung. So schildert er (Kap. 5,12) die Gelage der Großen. Bei diesen, berichtet er, fehlt es nicht an Harfe, dem Nabla, der Pauke und Flöte. Israel, so sagt der Prophet, wird einst frohe Tage sehen. Es wird wallen zu dem Gottesberge und da wird es den Gesang anstimmen, wie in der Nacht der Festesfeier, es wird „freudigen Herzens sein wie der Flötenbläser" (30,29). Der König Hiskia erhebt sich von der Krankheit, Jesaia läßt ihn (Kap. 38, 20) lobsingen und „spielen" im Hause Gottes. Wie zur Schilderung von Zuständen, zur Freude und Erhebung, so bedient sich Jesaia des Bildes der Musik, um Trauer lind inner.- Erschütterung zu kennzeichnen. „Mein Inneres", spricht er (Kap. 16,11i, „klagt um Moab gleich einer Zither". In ergreifenden Worten schildert Jesaia den Untergang eines Staatswesens (Kap. 24). Er heißt daselbst: „Es trauert, es welkt die Erde, es verschmachtet, verdorrt das Erdenrund, das Land ist entsittlicht unter seinen Bewohnern, man verachtet die Lehre, Übertritt das Gesetz, löst den ewigen Bund. Darum verzehret Fluch das Land." .... „es trauert der Most, er welkt die Rebe, es seufzen die sonst Herzensfrohen, es schweig! der Pauke froher Klang, es hört auf der Jubel der Fröhlichen, es feiert der Harfe freudige Stimme" (24,8). Aehnliche Hinweiic auf Vertrautheit mit der Musik finden wir bei anderen Propheten. Amos hält eine Strafrede Jenen, die spotten und den Tag des Herrn herbeiwünschen, des Gottesbewußtseins bar sind, aber alles Aeußerlich, üben, die Feste unter Gesang und Musikbegleitung feiern. Denen ruft er zu: Ich hasse, verachte eure Feste .... Halte mir fern di. Menge deiner Lieder, das Spiel deines Nabla will ich nicht hören (Amos 5, 23). Er geißelt ein anderes Mal die übermüthigen Vor nehmen, die da liegen auf Betten von Elfenbein, hingestreckt aut ihren Lagern und..klimpern auf dem Nabla, meinen, sic verständen das Spiel wie David" (Das. 6, 5). Es würde uns z» weit führen, wollten wir sämmtliche Stellen anführen, wo die Pro pheten die Bekanntschaft mit Musik und ihren Instrumenten bekunden. Wir führen, außer den Genannten, noch an: Hosea, Joel, Zefanja Zacharia. Verhältnißmäßig gering ist der Gebrauch der Bilder aridem Gebiete der Tonkunst bei Jeremia und Ezechiel. Die Unglücks zeit, in welcher der Erstere, die Zeit des Exils, in welcher der Letzter, lebte, waren der Kunst wenig günstig. Um nun zu unserem Massa zurückzukehren, so ist es zweifellos, daß dieses, wie dessen Stammwort unter Anderem „spielen am Instrumenten", musiziren bedeutet. Wir erinnern an den kürzet, Satz des Psalmisten 81, 3: spjn um möl 18V „Erhebet da Saitenspiel und reichet die Pauke, anmuthige Zither mit dem Nabla. Hiob (21, 12) klagt, daß es den Frevlern so gut auf Erden ergehe. TIJ31 PjirO 1812?’ „Sie spielen Pauke und Harfe und erfreuen sic am Tone der Flöte." Ebenso deutlich entnehmen wir dies beu, 1. B. Chronik 15, 22. David, so wird dort erzählt, richtet den Gottesdienst ein. E weist Jedem sein Amt an. Chananjah, der Fürst der Leviten, in gesetzt 8Ü2223 TD1 8VV2 über das Massa, zu unterweisen i> Massa, denn er war verständig, d. h. sachkundig.') Die Uebersetzu» '. des Massa bereitet hier jedenfalls Schwierigkeiten. Es mit „Last zu übersetzen, geht nicht an. Ein Fürst im Lasttragen ist etwas Un gereimtes. Vielmehr belehren uns die vorangehenden Verse, da wir es hier mit einem Musikdirigenten zu thun haben. In den Versen 19, 20, 21 werden diejenigen Musiker namentlich aufgezähli die das kupferne Klangbecken zu schlagen, mit dem Nabla und de' achtsaitigen Zither zu spielen hatten. Ihnen wird als Dirigent Chananjah vorgesetzt, er unterwies, denn er war „verständig" Massa wird also hier ganz einfach als Musik gesetzt?) ') Bezeichnend ist die Uebersetzung dieser Worte in der Vnlgata. die in demselben Satze das Nassa einmal als Prophezeiung, das ander, Mal als „Melodien vortragend" nimmt. Sie scheint mit David Kimcht —■ singen statt “pc1 — unterweisen zu lesen. Dieselbe Lesart Hai übrigens auch Chiskia ini babl Talmud Erachin 11a. 2) Zur Erhärtung des Gesagten sei noch die Ansicht des Abraham de Porte Leone, Verfassers des '’tsStp verzeichnet, der das