Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1893)
- Date
- 1893-06-09
- Page
- Seite 270 (sequence 6)
- Language
- German
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270 Hingebung und Dankbarkeit, die in der ganzen Weltlitteratur nicht ihres Gleichen finden. Diese Urkunden geben zugleich in ebenso tiefsinniger als volksthümlicher Weise Antwort auf die letzten und wichtigsten Fragen des denkenden Menschen, die Fragen nach der Entstehung der Welt, dem Ursprung und Zweck des Uebels, unserer Endbestimmung. Diese Urkunden enthielten eine verhältnißmäßig reine Sittenlehre, die gerade die schlimmsten Laster der alte» Kulturvölker entschieden verdammte und ein edles, pietätvolles Familienleben begründete. Sie erzählten ferner die Geschichte des Volks von streng religiösem Gesichtspunkt aus und verknüpften dadurch die Gegenwart, wie klein sie sein mochte, mit einer großen, wunderbaren Vergangenheit. Zahlreiche ernste und heitere Feste machten die großen Tage der Vorzeit auch für die lebendig, welchen die heilige» Urkunden weniger zugänglich waren. Eine nationale Priesterschaft, die auch obrigkeitliche Rechte ausübte, hielt die Kultusgemeinden zusammen. Der Kultus aber umschloß das Leben vom ersten Augenblick bis zum letzten und suchte deni Einzelnen unter allen Umständen den Zusammenhang mit dem Volke zu erhalten, mit welchem der Ewige einen ewigen Bund geschlossen. Sv hatte der Jude in seiner Religion ein Heiligthum, zu dem er jederzeit ans der feindlichen Welt hinflüchten konnte, aus dem ihm Muth und Kraft zum Widerstand gegen die schwersten Leiden floß. Kaulbach, Lenau, A. W. v. Schlegel u. A. haben in ihren Ahasverusbildern nur die eine Seite des Judenthums, seine politische Heimathlosigkeit, vor Augen. Da blieb seine unverwüstliche Lebenskraft freilich ein Räthsel und man mußte Zeichen und Wunder annehmen, seine Fortexistenz zu erklären. Aber man darf nicht vergessen, daß das Unglück der politischen Heimathlosigkeit ausgewogen wird durch das Glück einer Religion, die es dem Einzelnen ermöglicht, sich überall auf der Erde zu Hause zu fühlen. Heinrich Heine ist in dieser Beziehung ein besser Kenner. In einem der frivolsten und zugleich genialsten Abschnitte der Reisebilder, den Bädern von Lncca, stellt der Hamburger Lotteriekollekteur, Hiihneraugenoperatenr und vereidigte Taxator Hirsch eine Vergleichung zwischen den verschiedenen Religionen an. Der Katholizismus ist dem Hamburger zu mystisch, zu melancholisch, zu sehr Todtenkultus, als wenn der liebe Gott — Gott bewahre! — gestorben sei. Der Protestantismus erscheint ihm zu nüchtern, zu aufgeklärt; er hat gedacht, eine kleine Schwärmerei stecke vielleicht in den Zahlen an den schwarzen Täfelchen und hat diese in seiner Lotterie besetzt, aber es ist nichts dabei herausgekommen. Mit dem Judenthum aber glaubt Hirsch noch wohl auskommeu zu können. „So ein alter Jude mit langem Bart lind zerrissenem Rock, der kein orthographisch Wort sprechen kann, fühlt sich vielleicht innerlich glücklicher als er mit all seiner Bildung. Da wohnt in Hamburg im Bäckerbreitengang ein Mann, Moses Lump, der läuft die ganze Woche herum in Wind und Wetter mit seinem Packen auf dem Rücken, ein paar Mark zu verdienen. Wenn er nun Freitagabends »ach Hause kommt, findet er die Lampe mit sieben Lichtern angezündet, den Tisch weiß gedeckt, und er legt seinen Packen und seine Sorgen von sich und setzt sich zu Tisch mit Frau und Tochter, ißt mit ihnen Fisch, singt dabei die prächtigsten Lieder vom König David, freut sich von ganzem Herzen über den Auszug der Kinder Israel aus Aegypten, freut sich auch, daß alle Bösewichter, die ihnen Böses gethan, am Ende gestorben sind, daß König Pharao, Nebukadnezar, Haman, Antiochus, Titus und all solche Leute todt sind, daß Lümpchen aber noch lebt und mit Frau und Kind Fisch ißt. Der Mann ist glücklich, er sitzt vergnügt in seiner Religion und seinem grünen Schlafrock wie Diogenes in seiner Tonne, er betrachtet vergnügt seine Lichter, die er nicht einmal selbst putzt. Und ich sage Ihnen, wenn die Lichter etwas matt brennen und die Schabbesfrau, die sie zu putzen hat, nicht bei der Hand ist, und Rothschild der Große käme jetzt herein mit all seinen Maklern, Diskonteuren, Spediteuren und Chefs de Comptoir, womit er die Welt erobert, und er spräche: „Moses Lump, bitte dir eine Gnade aus, was du haben willst, es soll geschehen", ich bin überzeug«, Moses Lump würde ruhig antworten: „Putz mir die Lichter!" Uns Rothschild würde mit Verwunderung sagen: „Wär' ich nicht Rotbschild, so inöchte ich so ein Lümpchen sein!" Da haben wir in einer drastischen Schilderung die Bestandtheilc zusammen, welche die Lebenskraft des Judenthums ausmache»: Häusliches Glück nach aller Plackerei da draußen, gehobenste Fcßstimmung nach der sauren Woche, unerschütterliches Vertrauen ani den Gott seines Volkes, der auch sein Gott ist, heilige Gesänge und große geschichtliche Erinnerungen, eine innere Zuversicht und Befriedigung, die das ärmlichste Loos auf Erden nicht mit dem reichste:: vertauschen möchte. Diese religiöse Lebenskraft hatte das Judenthum während de: assyrischen und babylonischen Gefangenschaft aufrecht gehalten, sie erhielt es auch im römischen Reiche und während des Mittelaltere-. Die Römer waren in religiöser Beziehung tolerant, wie alle wahr Haft großen Staatsmänner. Mochten ihre Historiker auch mit Verachtung auf das ihnen unverständliche Zerrbild nationaler Abgeschlossenheit und priesterlicher Beschränktheit blicken, mochten ihre Satiriker die scharfe Lange ihres Spottes über die orientalische:: Sonderlinge ausgießen, war die Staatsverwaltung auch weit ent fernt, ihnen die erwünschten Sonderrechte und Sondergerichte zu zuerkennen, als religiöse Genossenschaft blieben sie bis auf wenige Ausnahmefülle rmangefochten, ihr Kultus gehörte zu den anerkannten und sie waren auch von bürgerlichen und militärischen Ehrenstelleu nicht ausgeschlossen; die Advokatur z. B. stand ihnen offen. Dieses Verhültniß dauerte auch im Mittelalter fort, solange noch Staatsmänner an der Spitze der Verwaltung standen, die siel: nicht von Theologen beeinflussen ließen. Karl der Große, die erlauchte Kaisergestalt am Eingänge der mittelalterlichen Geschichte bewährt auch den Juden gegenüber den großen Herrscherblick. Sie standen wie die andern fremden Kaufleute im Reich unter kaiserlichen Schutz und waren in ihrem Handel unbeschränkt. Den länderkundigen Juden Isaak gebrauchte Karl gern zu diplomatischen Geschäften. Daß es diesem gelungen war, einen lebendigen Elephantei: als Geschenk Harun al Raschids von Bagdad an das Hoflager Karl-, zu bringen, wurde nrit Anerkennung in den Reichsannalen verzeichne! Der Mönch von St. Gallen erzählt mit köstlichem Behagen, wie Karl durch eben diesen Juden einst einen pflichtvergessenen Bischoi beschämt habe. Dieser Kirchenfürst war nämlich ein Kuriositäten sammler und hatte einen allezeit offenen Beutel für Seltsamkeiten jeder Art, während sein Ohr für die Bitten der Armen verschlossen blieb. Zu ihm nun begab sich Isaak in Karls Auftrag und boi ihm eine gewöhnliche Hausmaus, die er aber mit verschiedenen Spezereien einbalsamirt hatte, als kostbares und höchst seltenes Thier aus Judäa zum Kaufe an. Der Bischof bot ihm 3 Pfund Silber, der Jude aber rief: „Eher werfe ich mein Thier in das Meer, wo es am tiefsten ist, als daß ein Mensch es soll erwerben um so kleinem und schnödes Geld." Als der Bischof sein Angebot auf 10 Pfund erhöhte, betheuerte Isaak unwillig': „Der Gott Abrahams wolle nicht, daß ich so verliere meine Mühe und meine Reisekosten." Der Bischof entschloß sich, 20 Pfund zu geben, der Jude aber hüllte, ohne ihn einer Antwort zu würdigen, die Maus in ein kostbares seidenes Tuch und schickte sich an zu gehen. Doch rief ihn der leidenschaftliche Sammler zurück und war sehr zufrieden, als ihm Isaak auf sein inständiges Bitten die Maus um ein volles Maß Silber überließ. Das I in der gang üchen, Armei Mützen 5 runde legte ' auf ei w ha Agobc uerboi nicht» schied den (1 1 berech tandk Bewe oer n Staa wofer llnter eine Euro hielte Köpf« ne in Gelel iophi „des ivelch >var Litte, schul Prol Alle, nach Seh der glän vor >ugl und einic alte, zugö Gesc Aug voro