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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-06-09 · Heft 23 (9.6.1893) · p. Seite 269

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 23 (9.6.1893)
Date
1893-06-09
Page
Seite 269 (sequence 5)
Language
German
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Hierauf wurde als Ort der nächstjährigen Konferenz Köln bestimmt und sollen folgende Vorträge die Tagesordnung bilden: 1. „Die rechtliche Stellung des jüdischen Lehrers innerhalb seiner Gemeinde". Referent Brisch-Mülheim a. Rhein. 2. „Das Gebetbuch als Religionsbuch. Referent Loeb-Köln". Gegen 6 Uhr wurden die Verhandlungen des ersten Tages geschlossen. Abends trat die Fidelitas in ihre Rechte. Ein Festessen, das durch die lrefflichen Vorträge des Gelsenkirchener Synagogenchors gewürzt 'wurde, vereinigt sämmtliche Konferenzbesucher und die Mitglieder der Gemeinde, Herren und Damen. Rühmenswerthe Erwähnung verdienen oie Ausführung des schwierigen 42. Psalms von Mendelssohn und die Soli des Fräulein Wolfs. Die Verhandlungen des zweiten Tages begannen Morgens 9 Uhr. Herr Goldschmidt-Köln referirte über „Handwerk und Ackerbau unter den Juden". Ter sehr interessante und beifällig aufgenommene Vortrag gipfelte in nachstehenden Thesen: 1. Die Juden, ursprünglich ein sich ausschließlich mit Ackerbau und Viehzucht beschäftigendes Volk, bildeten später wie die übrigen Völker bei sich die Handwerke aus. Der Arbeiter stand bei ihnen stets in hoher Achtung. 2. Auch seit ihrer Vertreibung stellten sie in den Ländern, in denen sie freie Berufswahl hatten und haben, einen mindestens ihrer Seelenzahl entsprechenden Antheil zu den Arbeitern aller Art. 3. In Deutschland dursten sie Jahrhunderte laug nur Handel treiben. Seitdem sie gesetzlich gleichberechtigt sind, macht sich auch eine starke Bewegung zu Gunsten des Handwerks geltend. 4. Es ist Pflicht aller einsichtsvollen und einflußreichen Israeliten, besonders auch der Lehrer, diese durch viele Vereine geförderte Bewegung l hatkräftig zu unterstützen. 5. Ein geeignetes Mittel, bei der Jugend Liebe zur Arbeit zu erwecken und auch bei Erwachsenen das Produkt der Arbeit zu größerem Ansehen zu bringen, ist der Knaben-Handarbeitsunterricht. Nun wurde in die freien Besprechungen eingetreten, an denen man sich allseitig betheiligte, und die viele interessante Anregungen zu Tage förderten. Einen breiten Raum in diesen Verhandlungen nahm die Erörterung über die Oeffentlichkeitserklärung der jüdischen Schulen ein. Die Versammlung wählte eine Kommission, welche die zu diesem Zwecke erforderlichen vorbereitenden Schritte unternehmen soll. In diese Kommission wurden folgende Herren Delegirte gewählt: Spier-Bocholt, Baum - Rheine, D u b l o n - Dülmen. Nun war die Tagesordnung erledigt. In seinem Schlußwort dankt oer Vorsitzende, Herr Blumenfeld, der Gemeinde Gelsenkirchen, die sich in jeder Beziehung so lehrerfreundlich bewiesen, dem D. I. G. B. für seine thatkrästige Unterstützung, der Verlagshandlung von W. Jakobsohn & Cie. in Breslau für ihre Aufmerksamkeit, und schloß mit einem kräftigen dreimaligen Hoch auf Kaiser und Reich. Auf fröhliches Wiedersehen zu Pfingsten nächsten Jahres in Köln. Die Schriftführer: Dublon - Dülmen. Steinweg-Dortmund. Präsenzliste: Abraham-Kettwig. Alexander -Crefeld. Andorn- Crefeld. Baum-Rheine. Berlinger-Dülken. Block-Bork. Blumenfeld- Essen. Braunschweiger - Ahaus. Brisch - Mülheim a. Rh. Buxbaum- Erefeld. Carsch-Emmerich. Cohen-Rees. Dublon-Dülmen. Eber-Neheim. Emanuel-Burgsteinfurt. Goldberg-Steelle. Goldstein-Grevenbroich. Goldschmidt-Cöln. Gossel-Camen. Gottschalk-kanten a. Rh. Graf-Essen. Gumpel-Dortmund. Hoffmann-Haltern. Kahn-Moers. Kann-Hohenlimburg. Katz - Hattingen. Katz-Herne. Kaufmann - Essen. Kaufmann- Gelsenkirchen. Klestadt - Gelsenkirchen. Laubheim-Bochum. Levi - Neuß. Levisohn-Kempen a. Rh. Löb-Cöln. Löbenstein-Düsseldorf. Dr. Löwenberg - Hamburg. Löwenberg - Marburg. Mendel - Unna. Meyer - Lünen. Moch-Viersen. Moses-Rheydt. Mündheim-Hamm. Nußbaum-Padberg. Ostermann-Bochum. Ostwald-Witken. Plaut-Wattenscheidt. Rosenbusch- M Gladbach. Rothschild - Duisburg. Salomorr - Iserlohn. Samuel- Oberhausen. Seelig-Grevenbroich. Spier-Bocholt. Spier-Wesel. Hteinweg-Dortmund. Steinweg-Rheda. Stern-Dinslaken. Stern-Hörde. Tannenbaum-Recklinghausen. Treu-Münster. Wallerstein-Crefeld. Weingarten-Elberfeld. Wertheim-Beverungen. Are Juden im Mittelalter. Ein Vortrag, gehalten im Verein junger Kaufleute von Berlin am 8. Januar 18!»:;. Von Prof. Dr. Ernst Hermann. , Die am meisten dramatische Gestalt in W. Kaulbachs hochdramatischem Gemälde, der Zerstörung Jerusalems, ist die Ahasvers im Vordergründe links. Der gewaltige Riese enieilt mit asten Anzeichen körperlichen und geistigen Entsetzens der Stätte der Verwüstung. Kaulbach hat den ewigen Juden so gemalt, wie ihn Lenau in den Haidebildern geschildert hat: Wer aber kommt die Haide hergezogen. Gejagt, so scheint's, von drängender Gewalt, Das Haupt von greisen Locken mild umflogen. Das tiefgefurchte Antlitz fahl und kalt8 Aus dunkler Höhle glüht des Auges Stern, Als säh's auf dieser Erde nichts mehr gern. Das Auge scheint mit seiner Gluth zu sagen: Müßt ich nicht leuchten dem unstäten Friß, Ich hätte längst mit eklem Ueberdruß Vor dieser Welt die Thüren zugeschlageu! Wer ist dieser abenteuerliche Riese, den uns Maler und Dichter in so eindrucksvoller Weise vor Angen stellen? Ehrenwerthc Zeugen aus dem sechzehnten Jahrhundert, wie Dr. von Eitzen, Bischof von Schleswig, versichern, ihn gesehen und aus seinem eigenen Munde die Geschichte seiner Begegnung mit Christo, seiner Flucht aus Jerusalem nud seiner rastlosen Wanderungen vernommen zu habe». Die nüchterne Geschichtsforschung aber verweist ihn in das Reich der Phantasie, wie die verwandte Gestalt des Dr. Faust, dessen Leben, Thaten und Höllenfahrt ja auch von höchst ehrenwerthen Männern, wie dem Reformator Melanchthon, bezeugt werden. Faust und Ahasver sind verkörperte Symbole, der schöpferischen Phantasie des Mittelalters entsprungen, in einem leichtgläubigen theologischen Zeitalter von Schwindlern benutzt, um Theiluahme, Bewunderung und Geld zu erwerben, i>n kritischen achtzehnten Jahrhundert aus den Büchern der Geschichte gestrichen und dein Reich der schöne» Künste zngewiesen, wo sie fortan ein unsterbliches Leben führen. Faust verkörpert das schrankenlose und immer unbefriedigte Trachten des Menschen nach Erkenntnis; und Genus;, Ahasver das ruhelos die Welt durchwandernde Judenthum. Denn die Geschichte der Juden ist mit der Zerstörung der heiligen Stadt durch Titus und der letzten Vernichtung der politischen Selbständigkeit durch Hadrian keineswegs zu Ende. Es verschwindet nicht aus der Weltgeschichte, wie Etrusker, Karthager u. s. w. nach ihrer Bezwingung durch die Römer verschwinden. Es lebt fort bis auf den heutigen Tag, wie Brahminen und Parsen >a auch allen Wandlungen der Politik, zuni Trotz fortleben, nur mit dem Unterschied, das; diese Stammverbünde ihre Ursitze nicht verlassen haben, während die Juden über die ganze Erde zerstreut sind. Der Grund der unverwüstlichen nationalen Lebenskraft ist hier und dort derselbe: Diese Völker bildeten von Anfang an mehr eine religiöse als eine politische Genossenschaft. Der Gesetzgeber und Schöpfer des Jndenthums, der gewaltige Moses, ging nicht so sehr darauf ans, seine Stammesgenosse» zu einem festen Staatsverband zu vereinigen, als vielmehr durch de» Glauben an den einigen, den ewigen und unsichtbaren Gott die einzelnen Menschen zu edel» und zu heiligen. Der erste und fundamentale Artikel seiner Verfassung war die Hingabe an diesen Gott, der als der Weltschöpfer l»id Welterhalter angebetet wurde. Heilige Urkunden, deren Aufbewahrung die vornehmste Pflicht der Priester war, sprachen von diesem Gott mit einer Würde und Erhabenheit, mit einer

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