Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1893)
- Date
- 1893-06-02
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227986-3228009--49854-3271439- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
4 Jahrzehnten beschäftigt habe, daß aber keine weiblichen Personen hätten ausfindig gemacht werden können, welche den schweren Beruf hätten auf sich nehmen wollen. — Da die Versammlung nicht beschlußfähig war, wurde zum 18. Mai eine zweite Generalversammlung einberufen, :u welcher von derselben Seite die Frage nochmals zur Erörterung gebracht worden ist. Dieses Mal zeigte auch der Vorstand des Wohlthätigkeits- Vereins bereits mehr Entgegenkommen, zu neuen Versuchen die Hand zu bieten, und sollen sich nunmehr die Vorstände des genannten, des Frauen- und des Krankenhaus-Vereins mit einander in Verbindung setzen und — wie wir hoffen und nach Lage der Sache eigentlich für selbstverständlich halten — auch hier zu fördern. ft. (< ob lenz, 28. Mai. Die von circa 30 Lehrern besuchte Versammlung des süd-westdeutschen Verbandes israelitischer Lehrer tagte hier am 23. und 24. Mai. Mit Recht erachtete es die Versammlung für nothwendig, zunächst über Anschluß an andere gleichartige Vereinigungen zu berathen, und gelangte man nach längerer lebhafter Diskussion zu folgendem Ergebniß: „Der Vorstand ist zu ermächtigen, den Zusammenschluß mit anderen gleichartigen Vereinigungen zu bewirken." Es ist dieses Bestreben um so freudiger zu begrüßen, als dadurch endlich einmal dem einen großen Ziele: „Verband sämmtlicher deutsch-israelitischer Lehrervereine", näher gerückt wird. Der anwesende Delegirte des D. I. G. B. sicherte mit herzlichen Worten die Unterstützung des Bundes in diesem Bestreben zu. Es folgten alsdann zwei Vorträge: 1. Israelitische Schul- und Gemeindebibliotheken (gehalten von Herrn Lehrer Baum-Södern). 2. Der nachbiblische Geschichtsunterricht in der israelitischen Volksschule (gehalten von Herrn Lehrer Rausenberg- Neuwied). In schwungvollen und zündenden Worten lieferte Herr Rausenberg ein wohldurchdachtes und mit Fleiß ausgearbeitetes Referat. Schließlich sei noch der vortrefflichen Leitung durch den Vorsitzenden Herrn Lehrer Eppstein-Hoppstädten gedacht, dem zum größten Theil das Verdienst gebührt, daß die Debatten glänzend und nutzbringend verlaufen sind Als nächstjähriger Versammlungsort wurde Bingen a. Rh. gewählt. Oesterreich - Ungarn. * Wien, 25. Mai. Auf Ansuchen des Leipziger Gerichtes wurde der bekannte Konvertit Paulus Meyer wegen Verleumdung verhaftet. Meyer machte gegenwärtig hier viel von sich reden, weil er einem katholischen Pfarrer, Namens Deckert, Material zur Veröffentlichung einer Flugschrift lieferte, worin die Juden eines Ritualmordes beschuldigt werden. Deckert veröffentlichte kürzlich sogar einen Brief Meyers, worin dieser ausführlich einen Ritualmord schilderte, der angeblich in Ostrom im Gouvernement Lublin begangen worden sei und dem Meyer als Jüngling beigewohnt haben will. Darauf hat der Vorstand der jüdischen Gemeinde zu Warschau einen Delegirten nach Ostrom geschickt, um die Sache zu untersuchen. Es stellre sich dabei heraus, daß an der ganzen Geschichte kein wahres Wort und daß der von Paulus Meyer bezichtigte Rabbi Josua 212 Jahre vor jener Zeitangabe bereits gestorben war. Und das sind die Kronzeugen des Antisemitismus, Paulus Meyer und Konsorten! Holland. * Amsterdam, 25. Mai. Am ersten Peßach-Festtage hat der Tod eine würdige jüdische Frau plötzlich hinweggerafft, Rebecka Hey mann, die Gattin des rühmlich bekannten Herrn Jsaac Heymann, Oberkantors der israelitischen Gemeinde in Amsterdam, die Mutter der bekannten Opernsängerin Louise Heymann. Ins Festgewand gekleidet, mit den: Machsor in der Hand, zur Synagoge gehend, wurde sie ins Jenseits, einberufen. Wer die Verblichene genau gekannt hat — und deren sind viele —, der muß bezeugen, daß sie ein Biederweib im edelsten Sinne des Wortes gewesen. Eine treue Gattin, eine aufopfernde Mutter ihren Kindern, war sie zugleich eine Mutter der Armen und Hilflosen, die bei ihr Jahr aus Jahr ein Schutz und Hilfe suchten und fanden, sie waren „ihre Hausgenossen". Wie viele Tausende von gebeugten Herzen hat sie in ihrem Leben aufgerichtet! Daß sie eine wahrhaft fromme Frau gewesen, braucht wohl nicht erst erwähnt zu werden. Der unvergeßliche Akiba Lehren bezeichnete sie einmal in einer öffentlicher: Versammlung als „eine Zierde des Judenthums". An dem Leichenbegängnisse nahmen Tausende, Juden sowohl als Christen, Theil, die Geschäftslokale längs der Straßen, durch welche sich der Zug bewegte, waren geschlossen und die Rouleaux der Fenster herabgelasserr. Frau Heymarm rvar die Tochter des sel. Elieser Göttinger, eines Schülers Rabbi Akiba Eger's. Ersterer war ein eben so gelehrter als wohlthätiger Mann, seit der Emanzipation der Inden in Deutschland einer der ersten jüdischen Advokaten und stand im allgcrneinen Ansehen. Mit dem Gebete auf den Lippen, im Dienste Gottes hauchte sie ihre edle Seele aus Möge der Allgütige die trauernden Hinterbliebene:: stärken und aufrichten. Kon Nah und Fern. Die Zahl der antisemitischen Zählkandidaturen ist bereits auf 108 gestiegen. Trotzdeu: herrscht im antisemitischen Lager keine große Siegeszuversicht, vielmehr der alte Zwist und gegenseitiges Mißtrauen. — Ahlwardt ist auf Grund der Disziplinaruntersuchung, in welcher an: Freitag den 19. d. M. Termin angestanden hat, aus seinen: Amte als Rektor entlassen worden. — Der schlesische Pfarrer Much hinterließ der Stadt Jauer 700,000 Mk. zur Unterstützung von Schülern und Studirenden katholischer, evangelischer und jüdischer. Konfession. Die deutsch-sozialen Antisemiten haben am zweiten Pfingsttagc an: Fuße des Hermanns-Denkmals im Teutoburger Walde ein Hermanns fest gefeiert, zu welchem 500 Theilnehmer erschienen waren. Liebermann von Sonnenberg hielt eine Rede. — Der antisemitische deutsch-soziale Parteitag hat in Hannover am Dienstag mit allen gegen 7 Stimmen folgende Resolution beschlossen: „Der Parteitag hält an der früher seitens des Partei-Vorstandes abgegebenen Erklärung, daß Ahlward: nicht Mitglied der deutsch-sozialen Partei sei, fest und lehnt jede Verantwortung für die politische Wirksamkeit des Herrn Ahlwardt ab." Der Parteitag ist angeblich von 250 Delegirten besucht gewesen — Mil Bezug auf die Meldung aus Gießen über das Begräbniß des russischen Bankdirektors Sack wird uns berichtet, daß Herr Rabbiner Dr. Levi die Grabrede gehalten und Herr Dr Bärwald erst nachher gesprochen hat. — Durch die kürzlich verstorbene Wittwe Schie wurde der jüdischen Gemeinde Dresden das ganze beträchtliche Vermögen der Verstorbenen hinterlassen, und zwar 600,000 Mark zu wohlthätigen Zwecken und 240,000 Mark zum Neubau einer Synagoge. Die vor über 50 Jahren errichtete bisherige Synagoge, ein Werk Sempers, entspricht nicht! u:ehr den Zwecken der Dresdener jüdischen Gemeinde. — Bei den! jüngst stattgehabten Kommunalwahlen ist der Stadtverordnete Leopold j Ettlinger, Mitglied des Synagogen - Rathes, zum Mitglied des j Stadtverordneten - Vorstandes in Karlsruhe gewählt worden. -- | Herr Rabbiner Dr. M. Eisler in Klausenburg hat sich an der! dortigen Universität für semitische Linguistik habilitirt mit einen: j Probevortrag über „Die Bildung der Causativ-Stämme", der von den j anwesenden Professoren mit Beifall ausgenommen wurde. Derselbe gedenkt schon im nächsten Semester auch über jüdische Litteratur 5:1 lesen. — Generalmajor Fix, ein aus Luxemburg geborener Israeli!, ein Neffe des früheren Präsidenten der jüdischen Gemeinde Samson Goldchaux, ist zum Generallieutenant ernannt worden. — Die neue Synagoge in Antwerpen wird am 4. Juni eingeweiht. — Nachdem die Juden in Rumänien von allen Staatsschulen ausgeschlossen wurden, ist nunmehr die Regierung einen Schritt weiter gegangen und beantragte die Ausschließung derselben aus sämmtlichen öffentlichen Spitälern, welche ebenso, wie die Schulen, von den Beiträgen der Juden ebensogut wie der Christen erhalten werden. — Die Bewohner von Sosnowice haben die russische Negierung um Umwandlung des Ortes in eine Stadl gebeten. Würde der Bitte willfahrt werden, dann könnten die jüdische: Bewohner von Sosnowice weiter dort verbleiben; sonst müssen sie beit Ort verlassen und in eine Stadt oder einen Gutsbezirk (Sielce) über siedeln, da es, wie wir bereits meldeten, der jüdischen Bevölkerung durch einen kaiserlichen Ukas verboten worden ist, auf den: flachen Lande Grund eigenthum zu besitzen oder Gewerbe zu betreiben. — Der Sultan hat den Befehl ertheilt, daß die Juden künftig in der türkischen Armee dienen sollen. Diesen Befehl hat er dem Großrabbiner von Konstant nopel mitgetheilt, welcher Namens sämmtlicher Gemeinden die freudige Bereitschaft der Juden zum Heeresdienst und den innigen Dank für diese Gnade dem Sultan ausdrückte. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.