Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1893)
- Date
- 1893-06-02
- Page
- Seite 262 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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262 -se*- FEUILLETON Hagar. Eine schwäbische Dorfgeschichte von E. Vely. (Fortsetzung.) Röste hat die Hände übcreinandergelegt, die fast zu schlank und lang für eine Bäuerin sind, wie ein gnädiges Fräulein von drüben einmal gesagt hat, und meint: „Meine beste Milchgebere ist's freilich gewesen!" „Wenn auch nur mein Kräutle hergedurft hält," klagt das Hirtenköchle. „Hin ist einmal hin," wiederholt der Bauer und zuckt die breiten Achseln, „einen Schwadercr bringt nix von seinem Sinn!" Langsam wenden sie sich Eins nach dem Andern und gehen. Ta kommt Binele aus einem Winkel heraus und schleicht sich nach dem Thier und faßt die stattlichen Hörner und schluchzt: „Ta liegst nun, Bräunele! Und wir sind so gut miteinander gewest. Eine Gleiche kommt nimmer daher. Gelt, hast mi ordentlich kennt, Dil hast verstanden, was i geschwätzt Hab!" Tie Hansleute und Christoph Nanz gehen in die große Stube, der Hirt bleibt draußen am Herd bei den Knechten. Binele sitzt zusammengehockt bei dem Thier und achtet nicht darauf, daß die anderen Kühe leise brüllen und ihr Futter begehren. „Die Schönst bist gewesen und die Klügst," erzählt sie vor sich hin, „i Hab Ti aufgezogen und gekannt hast mi, wie ein Kindle sein Mutter. Und gerad Du mußt nun hin sein. Schau, unter den Leuten Hab i nix von Gutherzigkeit und Freundschaft gehabt, aber Tu, Bräunele, Du hast's gewußt, wie i's mein!" Und zum crsteir Male fühlt Dörtle ein Mitleid mit der armen, häßlichen Magd, die unter den Menschen keine Freunde hat. VIL Die alte Sarah und Lea haben ein großes Uinkramen in ihrem Lüdle vor, ein Grußscheln nennen sic es. Sarah behauptet, da kommt der „alte Gruß", der Unrath fort. Aber jedesmal am Ende findet es sich, daß Alles noch brauchbar ist für Sarah und die Ditzinger. „Was eben ein Fehl hat, läßt man billiger," sagt die Handelsfrau, „und so thut's denn ein Gnies und mir auch." Es ist die erste Heuernte gewesen. Von den hochbepackten Wagen, die inif dem Schwadererhof angefahren sind, zieht ein kräftiger Duft herüber in die offenen Fenster des Judenhäusles, vor denen Bartel sitzt, noch gar matt in seinen Stuhl zurückgelehnt; sein Gesicht ist bleich und ein Bart ist ihm gewachsen. An der schnörkeligen Kommode, auf der allerlei zerbrochene Porzellanfigureii zum Zierath hingestellt sind, steht Dörtle und plaudert mit dem Krauten. Sie hat sich hergestohlen, während sie drüben vespern. „Weißt auch," sagt sic cbeii iind zeigt die weißen Zähne dabei. „Nur nach Dir zu schauen, weil sie unten das Geschäft Vorhaben - und auch, weil i denken muß, immer da zwischen den Büchern, das muß Einem auch nimmer recht sein!" Bartel legt die Hand auf die Bände neben sich. „Bücher, Dörtle, sind schon eine gute Gesellschaft, aber eine frische Mcnschenstünine hört man auch gern!" „Tu kannst arg fürnehm schwätzen," meint sie, „das hast driinicii in Stuckkcrt gelernt." „Ei, was Tu sagst, Dörtle — Hab ich früher anders geschwätzt?" fragt er. „Freilich!" nickt sie, „wie wir Kinder miteinander gewesen sind." „Dem denkst noch nach?" sagt Bartel und beugt sich ein wenig im. Sie wird roth und senkt die Blicke. „I Hab gerad nit l'ui anders zu denken," staminelt sie. „Hier in dem Dorf thut Ein: nix erleben" — sie wird noch immer unsicherer, denn indem sie da» ausspricht, fällt ihr ein, daß, was der Bartel da erlebt hat, ni^i zu seiner Freude gewesen ist. „Nun bist auch bald heil, gelt?" sim sie dann hinzu, um ihn und sich über den verlegenen Augenbliä hinweg zu bringen. „Der Doktor sagt's ja!" antwortet Bartel und spielt mit d>n Büchern und seufzt dabei. „Nun, was thust denn noch seufzen? Auf und davon gehst ni e vergißt's." Da schüttelt Bartel traurig den schwarzen Kopf. „Nit so, Dörtl ', vergessen läßt es sich halt iiit leicht. Der dumme Stich hat mich uni etwas gebracht, das vielleicht eine gute, glänzende Zukunft gewesen >vür'. 's ist zu spät mit dem Reisen." — Es muß ihm wov> hart aiikvmmen, das zu berede», das merkt das Mädel an dem Zitier, der Stimme. Und dann kommt ihr etwas Lerständniß in scii Worte, denn sie erinnert sich, wie ihr Lea von des Bruders Ansichten und Hoffnungen gesprochen hat. Und das soll nun auch zcr stört sein diirch den unglückseligen Streit? — Ein Beben übcrfü! sie, sie inuß sich mit den kalten Fingern fest an der glatten Kommod halten, und dann sagt sie athemlos: „Herr Du mein Gott, um das Hab' i Dich auch noch gebracht! Ter Bartel ist in ein trauriges Nachdenken versunken und hör ihre Worte gar nicht. Und dann stürzen die Hellen Thronen über Dörtle's Wange un sie beugt sich zu dem Sitzenden: „Schau, Bartel, daß Du's »immer vergeben kannst, das ist gewiß! Wie Dn's aber noch über's Herz bringst, so mild zu sein gegen Eine w? mich, guck, das kann i iiimmer begreifen! Und sagen muß i das eiinum sonst druckt's mir das Herz ab. Und wenn Du's nun selber bist, bei;: i's klagen kann — schau, i hab's der Mutter nit anvertrauen mögcr und bin all die Zeit her schon da herlnngegangen mit der Qual am der Seele!" Erst scheint der Bartel sie nicht völlig zu verstehen, dann lüchcl er ein wenig und endlich streicht er ihr ganz leise über den blonde! Scheitel. „Laß ab, Dörtle, was plagst Dich so! 's ist Alles ein Uebergan, — und wer weiß, wo's gut zu sein mag." Sie wirst den Kopf zurück; seine sanften Worte schneiden vir schlimmer ins Herz, als wenn er einmal zürnte. „Nit Tag und Nacht Hab i Ruh gehabt," flüstert sie. „Und de: grausige Fluch von Deiner Mutter — und so, so wie's kommen ist so Hab i's gewiß nit gewollt!" „Ja, Dörtle Tu, wenn Einer verstehn könnt, was Du danii: meinen thätst!" sagt Bartel endlich. Da reißt sie die blauen Augen weit auf. Er versteht sie nichl. Ja, hat er denn nicht damals, als sie ihn zuerst auf seinem elenden Lager gesehn hat, ihr zngeiiickt, daß er nichts nachtragen wolle? Weiß er denn nicht, daß sie viel, viel schuldiger ist wie der, welcher den Stich geführt hat? Daß der Christophle und der Peter nur durch sic anfgehetzt sind - daß an ihren Händen eben so gut sein Blni klebt wie an denen des Peter? Und nun, wo er's endlich weiß, was ihr ja recht ist, nun wird er ihr auch fluchen und verdient hat sie's gewiß, ganz gewiß, und erdulden will sie's auch, nur schnell soll er's machen — sie hat genug gelitten, weil er so mild war. Das kommt Alles hastig und unzusammenhängend über die rothen Lippen und schluchzen zum Erbarmen thut das Mädel dabei, und wie es nun am Ende ist, da steht es wie eine arnre Sünderin