Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1893)
- Date
- 1893-06-02
- Page
- Seite 259 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Wo aber bleibt da noch Raum und Zeit für geistige und religiöse Interessen unserer Glaubensgemeinschaft, weiln die verfehlte Mld kostspielige Ausbildung der Jugend die Anspannung aller Kräfte für den materiellen Erwerb in Anspruch nimmt? Wer hat denn noch Lust, nach der aufreibenden Tagesarbeit, welche vom frühen Morgen bis zum späten Abend auch an Sabbathen und Festlagen währt, eine gute jüdische Zeitschrift, ein gutes Buch, welches oas jüdische Volksleben und die jüdische Geschichte behandelt, zu lesen? — Und so rächt sich der Jndifferentismus der Eltern an der fugend. Könnte der göttliche Prophet uns heute auch noch zurufen: ..Frage deinen Vater, und er wird dir künden, deine Greise, und sie vcrdeu dir sagen!" Und gäbe es wirklich noch einige Greise, welche - nach einer anderen Mahnung der heiligen Schrift — „der Tage der Vorzeit gedenken" wollten, sie würden kein Gehör finden oder dem Zweifel, wohl gar dem Spotte begegnen. Doch wenn die Alten nicht Zeit und Lust haben, jüdische Zeitschriften und jüdische Bücher zu lesen, warum schaffen sie nicht jüdische Jugendbibliotheken für das Heranwachsende Geschlecht? Warum sorgen sie nicht für einen zeitgemäßen Religionsunterricht? Warum führen sie nicht ihre Kinder von Zeit zu Zeit ins Gotteshaus? — Ja, warum? — Weil unsere modernen jüdischen Eltern sich fürchten, ihren Glauben frei und offen zu bekennen, weil sie ferner fürchten, die Herren Gymnasiasten und „höhere,: Töchter", ihre modern erzogenen Kinder, würden von den christlichen Lehrern und Mitschülern scheel angesehen werden, wenn sie an den jüdischen Festtagen in der Schule fehlen, oder wenn sie in den konfessionellen Religionsunterricht gehen: man will nicht, wie sich diese modernen jüdischen Eltern in begeisterter Glaubenstreue auszudrücken belieben, „Rischus" Hervorrufen! Wir fragen: Warum fürchten sich nicht die katholischen Lehrer und Schüler, an ihren Festtagen dem Unterrichte in den Simultanlehranstalten fern zu bleiben? Warum scheuen sich die Eltern der katholischen Schüler nicht, ihre Kinder pünktlich und regelmäßig in ven konfessionellen Religionsunterricht zu schicken, obwohl diese noch einen besonderen Beicht- oder Konfirmationsunterricht haben? Ja, unsere modernen Eltern glauben, das Schulleben, die Karriere und oas ganze spätere Berufsleben wird ihren Kindern erleichtert werden, nenn sie durch die religiösen Uebungen, die ihnen ihr Glaube auscrlegt, so wenig als möglich genöthigt sein werden, sich von ihren andersgläubigen Standes- und Berufsgenossen abzusondern. Aber zeigt nicht gerade die Geschichte unserer Tage, daß „selbst der Frönunste nicht in Frieden leben kann, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt?" Haben nicht selbst Diejenigen unter den Verfolgungen und dem Hasse unserer Feinde zu leiden, welche kein anderes Verbrechen begangen haben, als das „von Juden geboren zu sein", sonst aber nichts, gar nichts vom Judenthum wissen und glauben, üben und bekennen? Was nützt also die Verleugnung des Judenthums, die Fernhaltung der Kinder vom Religionsunterricht, welche unsere »wdernen jüdischen Eltern ihren nwdernen Kindern geben? Sagt nicht schon der Patriarch im Nathan: „Thut nichts, der Jude wird verbrannt!" Die moderne jüdische Erziehung muß also umkehren, wenn wir das Judenthum und seine Bekenner nicht allein als historische Kuriositäten einer längst entschwundenen Zeit gelten lasse», sondern sie mit den Anforderungen der modernen Zeit in Einklang bringen, aber auch die nie versiegte, nur zeitweilig schlummernde Lebenskraft wieder erwecken wollen. Die Beamtenlaufbahn und der militärische Beruf sind dm Juden fast ganz verschlossen, der kaufmännische Beruf ist überfüllt, sollen unsere Kinder etwa darum später das größte Kontingent zu dem sogenannten Gelehrten-Proletariat, zur Klasse der Halbgebildeten stellen, aus deren Reihen die destruktive!: Parteien die meisten Rekruten erhalten? Was sollen etwa alle Diejenigen, welche nach Ablegung der akademischen und Staatsprüfungen weder in der juristischen, noch in der medizinischen Laufbahn — es sind dies die einzigen, welche dem freien Wettbewerb aller Konfessionen zur Zeit offen stehen — wegen Ueberfülluug keine Verwendung finden, später beginnen? Doch die Gegenwart ist Gott sei Dank nicht so aussichtslos für die Berufswahl unserer Glaubensgenossen, wie es scheint. Man nennt unsere Zeit das Zeitalter des Dampfes und der Elektrizität. Hier ist ein Feld für die segensreiche Entfaltung vieler tausender Kräfte; dazu bieten die Chemie und die technischen Gewerbe, das Handwerk vor Allem und die Fabrikation, unseren Glaubensgenossen die allerbeste Gelegenheit, ihre Ausdauer, ihre» Fleiß, ihren Scharfsinn und endlich auch ihren Erwerbstrieb zu bethätige», so daß man es nicht begreift, weshalb diese Gebiete so wenig von ihnen betreten werden! Würden unsere modernen jüdischen Eltern diese Berufsarten für ihre Söhne wählen und ihre Töchter zu echt jüdischer Häuslichkeit erziehen, würden sie endlich das unheilvolle Streben nach der sogenannten „Berechtigung" für ihre Söhne aufgeben und denselben statt dessen eine abgeschlossene Vorbildung für ihren dereinstigen Lebensberuf zu Theil werden lassen, dann würden weder das Judenthum, noch seine Bekenner sittlichen und religiösen Schaden leiden! Ausgeschlossen von dieser hier empfohlenen weisen Beschränkung in der Wahl des Berufes sollen natürlich diejenigen Knaben und Mädchen sein, deren besondere Begabung sie zu einer künstlerischen oder wissenschaftlichen Thätigkeit berechtigt, doch sollten die Eltern erst dann diese Thätigkeit für ihre Kinder wählen, wenn tüchtige Fachmänner, bezw. Sachverständige dieselben eingehend geprüft und begabt genug gefunden haben. Wir haben versucht, nur in großen allgemeinen Umrissen ein Bild der modernen jüdischen Erziehung z» geben, wie sie ist und wie sie sein soll. Daß dieses Blatt in seinem Mitarbeiter- und Leserkreise Mäimer und Frauen genug haben wird, welche diese Umrisse zu einzelnen nusgeführten Gemälden weiter vervollständigeil können, ist gewiß. d Das Mama, der Propheten. ' Eine exegetische Studie von Rabbiner Dr. Stier. III. Die zweite Art des Massa, das dem Volke, gegen das es gerichtet ist, ein strenges Strafgericht verkündet, bei den: aber eine Rückkehr und ein Wiedererstehen des Volksthums zu erwartet: ist, liegt uns in dem Aussa über Mizrain: vor. (Jes. Kap. 19.) In Aegypten vollzieht sich das Strafgericht in zweierlei Weise. Es zerstört sich selbst durch inneren Zwist, der Bürgerkrieg richtet es zu Grunde. „Ich reize Aegyptei: gegen Aegyptei:. Es kämpft der Bruder gegen den Bruder, der Freund gegen den Freund, Stadt gegen Stadt, Provinz gegen Provinz." Nachdem es so seine Widerstandskraft verloren, bemächtigt sich irgend eii: Tyrann des Thrones. „Ein strenger Herr regiert es," so lautet der Ausdruck. Aber damit nicht genug, wird es auch von Naturereignissen schwer heimgesucht. r) Jir meinem Artikel von voriger Woche mögen folgende Druckfehler berichtigt werden' pag. 240, erste Spalte, siebente Zeile von oben muß es heißen |V7n statt jijpj. Ebendaselbst statt In derselben Spalte, erste Anmerkung, sind die hebräischen Worte in folgender Weise umzusetzen: n'in s*: kee xrtrrD sam amp Si? «mrsa See