Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1893)
- Date
- 1893-06-02
- Page
- Seite 258 (sequence 6)
- Language
- German
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258 Moderne jüdische Erziehung. Von Hermann Becker, Lehrer. Moderne jüdische Erziehung! „Giebt es denn wirklich gegenwärtig eine besondere jüdische Erziehung?" So höre ich allenthalben fragen. „Erziehen wir, die Bekenner der jüdischen Religion, etwa unsere Kinder nach anderen Grundsätzen, als unsere andersgläubigen deutschen Landsleute ihre Kinder erziehen? Lehrt unsere Religion nicht auch: „Fürchte Gott und ehre den König, gehorche der Obrigkeit" und „Liebe deinen Nächsten?" Wir haben keine anderen Erziehungsgrundsätze als unsere christlichen Mitbürger. Nein, nnd tausendmal nein! Das ist unzählige Male gesagt und bewiesen worden, darum wollen wir an dieser Stelle den Beweis auch nicht zum so und sovielten Male wiederholen. Aber daß innerhalb dieser Hauptgrundsätze unserer Religion, also auch unserer Erziehung, unsere Glaubensgenossen, besonders die besser gestellten, gegenwärtig ihre Kinder nach besonderen Grundsätzen erziehen, das ist zu augenfällig und sollte darum in diesem weitverbreiteten Blatte zur Sprache gebracht werden. Unsere moderne jüdische Erziehung, besonders in den wohlhabenden, ja schon oft in den nur mäßig begüterten Klassen, vollzieht sich ziemlich allgeniein nach folgendem Schema. Zunächst muß natürlich ein Kindermädchen, eine Bonne oder Kindergärtnerin das erste Erwachen des kindlichen Geistes leiten und die körperliche Ausbildung behüten. Das gehört zum „feinen Ton"; dann wird das Kind schulpflichtig. Ist eine simultane oder rein christliche Bolksschule am Orte, dann ist man bisweilen so skrupellos, sein Kind einige, höchstens drei Jahre in diese Volksschule zu schicken, beileibe aber nicht in eine jüdische Volksschule. Wie käme denn auch der Herr Vorsteher, der Herr Doktor oder Justizrath, der Herr Amtsrichter oder Kommerzienrath dazu, sein Kind mit den Kindern des Synagogendieners, des Kantors oder des jiidischen Volksschullehrers, mit den Kindern des „armen Mannes" auf einer Bank sitzen zu lassen? Der hebräische Unterricht wird selbstverständlich — wenn überhaupt erst so spät als möglich — den Kindern dieser „oberen Zehntausend" auf den Wunsch ihrer Eltern ertheilt und er hört auch unmittelbar nach der Konfirmation bezw. Barmizwah sofort wieder auf. Der Religionsunterricht ist glücklicherweise jetzt fast überall in höheren Anstalten obligatorisch oder fakultativ, sonst würde auch nicht einmal dieser Unterricht unseren „modernen Kindern" zu Theil werden. Sind höhere Lehranstalten am Orte, dann kann der Knabe nicht früh genug in das Gymnasium, die Realschule u. a. m. gebracht, das Mädchen nicht früh genug in die höhere Töchterschule geschickt werden; selbst die Vorschulen zu diesen höheren Lehranstalten werden dann von unseren Kindern am meisten bevölkert. Ist aber keine höhere Lehranstalt am Orte, dann schickt man unter schweren Opfern die Kinder in auswärtige Pensionen, und es ist nichts Seltenes, daß Kinder schon im zarten Alter von 7, 8, spätestens 0 Jahren, „wo der Mutterliebe zarte Sorgen ihren goldnen Morgen bewachen" sollen, das Elternhaus verlassen, um recht frühzeitig den „Einjährigen" oder das Abiturienten-Examen machen zu können. — Man nennt das verblümt „Bildungsdrang", weiß aber sehr wohl, daß es gar oft nichts anderes, als „Bildungshochmnth" ist. Neben dem Unterricht in den höheren Lehranstalten haben die Mädchen, oft auch die Knaben, noch Musik-, Gesang-, Zeichen-, Mal-, Tanzunterricht, sie haben endlich auch englische oder französische Konversationsstunden, um „recht gebildet" zu werden, wie die Eltern glauben, um sich und Andere recht gebildet unterhalten zu können. Ist unter so vielen geistigen und körperlichen Qualen die Schulzeit glücklich vorüber, dann erst — leider zu spät — machen sich die Folgen dieser Erziehung den Eltern bemerkbar. Es beginnt die Quo! der Berufswahl! Welchen Beruf soll ein Mädchen ergreifen, die so erzogen ist, wie oben geschildert wurde? — Selten wird sie in kleineren, oft auch nicht in mittleren Städten ihre geselligen, theuer erworbenen Talente verwcrthen können. Denn diese sind trotz der hohen Kosten nicht genügend, um damit eine Erwerbsthätigkeit begründen zu können, oder es ist kein Bedürfuiß dafür vorhanden. Soll das Mädchen Lehrerin, Buchhalterin, Erzieherin, Stütze der Hausfrau, Kinde gürtnerin werden? Zunächst kostet die Ausbildung für diese Berufarten noch einmal Geld, ferner fehlen den Mädchen oft auch die nöthigen geistigen und körperlichen Eigenschaften für diese anstrengende Tätigkeit, und endlich sind gerade diese weiblichen Berufsarten 'd überfüllt, daß es fast unmöglich ist, eine lohnende Beschäftigung z» finden. — Und nun erst die Knaben. — Nehmen wir an, der Knaie hätte mit Noth, Sorgen und unendlichen Kosten, welche, neben den: Schul- und Pensionsgelde, durch Anstellung von Hauslehrern od r durch die theuren Nachhilfestunden entstehen, die bekannte „Bereutigung" erlangt— welchen Beruf soll dann ein so halb fertiger jungu Mensch ergreifen? Das gelehrte Studiuni ist völlig ausgeschlossen, desgleichen auch die höhere Subalternen-Laufbahn, weil auch für d:c letztere neuerdings das Abiturienten-Examen einer höheren Schul. also eine abgeschlossene Gymnasial- oder Realschulbildung crfo - derlich ist, in anderen Berufsarten mindestens ein Primanerzeugni!.. Die höhere militärische Laufbahn ist ebenfalls völlig ausgeschlossen, weil kein Offizierskorps für die Aufnahme von Juden — in Preußen — stimmen wird. Es bleibt also die vielbetretene kaufmnnniscl Laufbahn übrig. Allerdings ist diese Laufbahn im Allgemeinen eil,: sehr ehrenvolle nnd lohnende, aber sie ist leider auch fast die einzioe bei unserer modernen jüdischen Erziehung. Was Wunde:, daß bei dieser Ueberfüllung sich oft auch unlautere Elemente hinein drängen, welche den ganzen Stand und damit leider auch du Glaubensgemeinschaft schädigen, welche verhaltnißmäßig de:: größten Prozentsatz in dem kaufmännischen Berufe aufweist. — Freili: sind auch unlautere Elemente anderen Bekenntnisses im kaufmännische! Berufe zu finden; giebt aber diese Erscheinung irgend Jemanden: die Berechtigung, etwa gleichfalls ehrloszu sein? Gewiß nicht. Ein Besserung all' dieser Verhältnisse ist nur dann möglich, wenn wn schon bei der Wahl der Unterrichtsanstalt darauf Rücksicht nehme', also nur die begabtesten und fleißigsten Knaben in die höhere Schu schicken, dann aber ihnen eine vollständig abgeschlossene Bildung gebe: d. h. sie auch die Anstalt absolviren lassen. Doch nicht allein diesen Vortheil gewährt die sorgfältige ungewissenhafte Wahl der Untercichtsanstalt. Die ungeheuren Summen, welche bisher nutzlos vergeudet wurden, können die Eltern viel mit licher und fruchtbringender anwenden, die Eltern selbst können vi! gewissenhafter und lauterer in der Ausübung ihres meist kaufmün nischen, Berufes sein, weil sie die Ausgaben ersparen, also geringne Bedürfnisse haben. Das Hasten und Drängen des Erwerbslebens, d Jagd nach dem Gelde, die Nervosität unserer Zeit wird bald schwin den, die Ruhe des Gemüthes, die Lebensfrendigkeit wird in unsere: > Herzen eine sichere Stätte finden, und wir werden für religiöse Fragen für die Interessen des Judenthums bei unseren Glaubensgenossen ein geneigtes Ohr finden. — Man wende mir nicht ein: Der Jndiffercn tismus in unserer Mitte hat gerade in unserer Zeit durch die Angrin von außen sichtlich abgenommen und die Spendenlisten für alle mög lichen wohlthätigen Zwecke mit ihren stattlichen Zahlenreihen beweist:: das aufs Deutlichste. Freilich, wenn recht viele und reichliche Spenden, wenn eine offene Hand allein ein Beweis für die Theilnahme an religiösen Fragen sind, dann hätten meine Gegner Recht. Abc. brauchen wir in den erregten und Alles aufwühlenden