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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-06-02 · Heft 22 (2.6.1893) · p. Seite 257

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 22 (2.6.1893)
Date
1893-06-02
Page
Seite 257 (sequence 5)
Language
German
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257 wollte ich noch einen Abschiedstrunk für eine Woche nehmen. In dem Restaurant, das ich betrat, fragte mich der Kellner, nachdem ich kaum Platz genommen, wie good Friday (Charfreitag) auf Hebräisch heiße. Als ich ihm antwortete, daß es schwerlich dafür eine Be.eichnung geben dürfte, wollte er wissen, wie Grün-Donnerstag auf Hebräisch heiße. Als ich auch in Bezug darauf meine Unwissenheit bekennen mußte, wollte er erfahren, wie man auf jüdisch „vergnügte Ostern" wünsche. Ich antwortete ihm: „Gut Jonteff!" „'Well, erwiederte mein unermüdlicher Frager, „haben Sie denn keinen speziellen Wunsch für diesen Feiertag?" „Nein," sagte ich, „das giebt cs nur! für den Neujahrstag." „O," replizirte der Mann mit überlegener! Miene, „das weiß ich, das heißt 3FDFI roio Nun war die | Reihe des Fragens an mir. „Wo haben Sic alle die Kenntnisse her?" „Sehen Sie," meinte er, „wir haben eine zahlreiche jüdische Kundschaft, da fängt man manches auf. Man möchte doch gern; wissen, was die Leute gern hören." Das wäre wieder ein Beispiel i dafür, daß der Jude, wo er hinkommt, als solcher angesehen und behandelt wird, denn es ist kein Zweifel, daß der Kellner bei einem; nichtjüdischen Gaste nicht interessirt ist. ob derselbe ein Presbyterianer, ein Methodist, ein Baptist oder ein Katholik sei. Ich will diese Gelegenheit benutzen, uin die für europäische Leser erstaunliche That- 1 sache festzustellen, daß es für sehr unamerikanisch, besonders für j irreligiös int amerikanischen Sinne gilt, Bier zu trinken oder ein j Gasthaus — Speisehäuser, in welchen kein Bier verabreicht tvird,! ausgenommen — zu besuchen. Ein protestantischer Geistlicher oder j auch nur ein Kirchenmitglied darf kein berauschendes Getränk zu sich j nehme», selbst Rauchen und Tabakkauen, sowie Schnupfen sind für ihn standeswidrig. Wie weit verbreitet diese Anschautmg ist, mag aus der Thatsache hervorgehen, daß ein detttsch - protestantisches Waisenhaus im Staate Indiana keinen Prediger zur Einweihungsfeier finden konnte, weil die Verwalter aus Rücksicht auf ihr deutsches Publikum das Bier von der Festtafel nicht verbannen wollten. Ich citire diesen Vorfall als merkwürdig, weil die Deutschen im Allgemeinen der puritanischen Aankeesitte wenig gewogen sind. Uebrigens scheint es, daß die kirchliche Verpönung des Trinkens geistiger Getränke mehr prinzipielle als praktische Bedeutung hat, demr die Bierbrauer und Schnapsbrenner sind auch hier zu Lande sehr reich, die „Saloons" zählen nach Tausenden in den großen Städten, machen am Sonntag, obwohl sie von vorne gesperrt sein müssen, gute Geschäfte, und wo Orts- oder Staatsgesetz den Verkauf von Spirituosen verbietet, verkaufen die Apotheken den nöthigen Whiskey. Ob der Grund dieser mächtigen Temperenzbewegung in der puritanischen Tradition des Landes oder in der Thatsache liegt, daß Trunksucht hier zu Lande ein verbreiteteres Laster ist als in Europa, kann ich nicht entscheiden, doch gereicht es den Juden zur Ehre, daß ihre Prediger nicht nöthig haben, dagegen von der Kanzel zu donnern, und den Predigern, daß sie sich von dieser pietistischen Ueberspanntheit fern halten. Rabbiiter und katholische Pfarrer sind die einzigen Geistlichen, die man in Bierhäusern treffen kann, denn die letzteren! scheinen sich gerade so wenig an die kanonischen Gesetze über die! lavernae zu kehren, als ihre europäischen Kollegen. Es ist jedoch ■ eine bemerkenswerthe Thatsache, daß die jüngere Generation amerii konischer Rabbiner wenigstens, soweit der Besuch von Gasthäusern in Frage kommt, zum Temperenzlerthum hinneigt. Es ist aber nun an der Zeit, von dieser Abschweifung auf unser j eigentliches Gebiet, die gesellschaftliche Stellung der Juden, zurückzu-! kehren. Dem Juden wird, wie gesagt, seine religiöse Stellung nicht! vergessen. Selbst da, wo er einen für seine deutschen Glaubensgenossen ungewöhnlich hohen Rang, z. B. int diplomatischen Dienste einnimmt, ist er nicht aus Vorurtheilslosigkeit oder aus Gleichgiltigkeit gegen seine Abstammung so hoch gestiegen, sondern weil er Jude ist. Die Beamtenstellen vom Staatssekretär des Auswärtigen — Minister giebt es hier offiziell nicht — bis zum Dorfpostmeister sind hierzulande ein Lohn, den die siegreiche Partei ihren Agitatoren als Siegespreis zuerkeunt. Da nun nicht jeder Wähler, nicht einmal jeder Agitator, einen „Job" erhalten kann, so werden Repräsentanten gewisser Gruppen dazu ausgewählt. Da nun die Juden auch als eine Gruppe betrachtet werden, so müssen einzelite ihrer Repräsentanten auch für ihre Anhänglichkeit an die Partei bei den Wahlen belohnt werden. Natürlich schließt das nicht aus, daß das Vorurtheil gegen die Juden in diesem demokratischen Lande ein viel schwächeres ist, als irgendwo in Europa, Rußland und das preußische Gardeoffizierkorps eingeschlossen, und kann auch nicht die Thatsache verdunkeln, daß die zu hohen Stellen berufenen Juden die Achtung ihrer Mitbürger erworben haben, aber sie sind doch rei>resentative Hebrews. Nur das Eine können >v!r uns sagen: Zu einer Agitation gegen die Juden dürfte es kaum kommen, denn erstens ist cs amerikanische Tradition, ungleichartige Elemente ztt assimiliren, statt durch Gehässigkeiten die Gegensätze zu verschärfen, und zweitens sind itoch viele andere Probleme zu lösen, ehe an das Aufwersen einer Jndenfrage gedacht werden könnte. Die Chinese», die Neger, die Italiener und die Katholiken, welche ich nach dem Grade der Gehässigkeit, tvelcher sie begegtten, zusammen gestellt habe, stellen ein schwieriges Problem dar, wenn es gelöst werden soll, ohne daß dem amerikanischen Prinzipe der politischen Weitherzigkeit Abbruch geschehe. Die bezopften Söhne des Reiches der Mitte sind augenblicklich die gehaßtesten Meuschenkutder im Bereiche des Sternenbanners. Der Hauptgrund dafür ist neben der Rassenfeindschaft in dem Umstande ztt suchen, daß der Chinese keine Neigung hat, amerikanischer Bürger zu werden. Er kommt hieher, um als Arbeiter, meistens als Wascher, sein Brod zu verdienen und später mit seinen gesammelten Ersparnissen heim zu kehren. Dann wird ihm vorgeworfen, daß er, durch seine kärgliche Lebensweise bedürsnißlos, für zu geriirgen Lohn arbeitet und dadurch den Arbeitslohn herabdrückt. Der Umstand, daß sie ohne Frauen herüber kommen, macht sittliche Ausschweifung unter ihnen häufiger, und schließlich fördern sie das furchtbare Laster des Opiumranchens. Die Frage ist nur: wie mit ihnen fertig werden? Die Einwanderung ist durch ein älteres Gesetz verboteit. Sie wissen eS aber zu umgehen, indem sie über Mexiko tmd Canada komnten oder außerhalb der Hafenplütze an unbewachten Küstenpunkten landen oder sonst sich eiuschmnggeln. Ein neueres Gesetz verfügt, daß alle gegeinvärtig in den Vereinigten Staalen lebenden Chinesen sich photographiren lassen und polizeilich melden müssen. Diejemigen, welche den Bestimuiungen dieses Gesetzes bis zum 5. Mai d. I. nicht genügt haben, sollen nach China geschickt werden. Da aber bis hettte kaum 000 registrirt sind, die Zahl der Chinesen, die hier ansässig sind, über 100,000 beträgt, jo Ivürde die Regierung in die Lage kommen, Tausende unschuldiger Menschen wie Hunde ohne Marke abzufangen, einzusperren und zu verschiffen, ein Akt, der für China barbarisch wäre, für eine zivilisirle Nation unausführbar ist. Unterläßt sie es aber, so bleibt der alte Zustand bestehen, das Einschmuggeln der Chinesen dauert fort, die Arbeitslöhne dürften weiter sinken mtd der zur Selbsthilfe geneigte Sinn des amerikanischen Volkes wird weiter gelegentlich das Völkerrecht verletzen, einzelne Chinesen atis ihren Wohnsitzen verjagen, mißhandeln und dadurch der Regierung Verlegenheiten bereiten. Die Behandlung der Chinesen bleibt also eilte sehr ernste Frage, hinter welcher die Möglichkeit einer Judenfrage in ein blasses Nebelbild zerfließt. U

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