Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1893)
- Date
- 1893-06-02
- Page
- Seite 256 (sequence 4)
- Language
- German
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256 sozialdemokratischer Redner behauptete, die Juden in Amerika gehörten dem Proletariat an. Häufig kommt es auch vor, daß ich Anfragen über hiesige Erwerbsverhältnisse, besonders von solchen Leuten erhalte, die im Dienste des jüdischen Kultus stehen. Darum glaube ich vielen Lesern dieses Blattes und besonders manchen Leitern von Wohlthätigkeits - Anstalten, ivelche ihren Schützlingen zu einer besseren Zukunft verhelfen wollen, einen Dienst zu erweisen, wenn ich vor allem Anderen darüber spreche: Amerika ist heute nicht mehr das Land, wo Jedermann sich zu ernähren im Stande ist. Weibliche Dienstboten, Handwerker und junge Personen, die zu jeder Art des Erwerbes sich bequeme» können, dürsten hier bessere Chancen für ihre Zukunft finden als irgendwo tu Europa, besonders jüdische Dienstboten sind ein gesuchter Artikel; aber auf dem Gebiete der gelehrten Berufsartcn, des Kaufmannsstandes und für ältere Personen ist hier wenig Aussicht vorhanden. Was jüdische Gemeinden betrifft, so ist ein Kantor, der sich die Fähigkeit nicht zutrauen kann, Prediger zu werden, ein verlorener Posten. Ein Prediger, welcher der englischen Sprache nicht mächtig ist, wird schwere Mühe habe», irgendwo für so lange unterznkommen, bis er sich die englische Sprache angeeignet hat; bei größeren Stellen wird man den geborenen Amerikaner vorziehcn und bei der Zunahme der in englischen Schulen gebildeten Prediger ist seine Zukunft immer noch in Frage gestellt. Er hat immer zu gewärtigen, daß man ihn in späteren Jahren zur Seite schieben wird, selbst dann, wenn er des Englischen vollkommen mächtig geworden ist, was Leuten, die in reifere» Jahren herübcrkonnnen, nur in den seltensten Fällen gelingt. Unser „College" hat nach dieser Richtung einen Wendepunkt in der Geschichte des amerikanischen Judeuthums bezeichnet. Als es vor 18 Jahren gegründet wurde, mußten alle Rabbiner aus Europa bezogen werden. Vereinzelt kam es vor, daß amerikanische Studenten nach Breslau oder Berlin zu ihrer theologischen Ausbildung gesendet wurden. Von solchen sind nicht zehn in amtlicher Stellung, und auf alle Fälle war ihre Zahl im Verhältniß zu dem Bedarfe der stets anwachsenden Gemeinden durchaus ungenügend. Die Nothwendigkeit einer Rabbiner-Bildungsanstalt im Lande war allgemein anerkannt, auch Versuche waren mehrfach unternommen worden, eine solche zu gründen, doch hatte keiner einen dauernden Erfolg, bis es dein unermüdlichen Eifer unseres Präsidenten Dr. Wise gelang, eine Schöpfung hervorzurufen, deren Bestandfähigkeit keinem Zweifel unterliegt. Es gelang ihm vor Allem, die wichtigsten Gemeinden des Ostens, besonders die von New-Iork, welches, wenn auch nicht politisch, doch de facto die Metropole des Landes ist, zuin Beitritte in den Gemeindebund (l'nion ot' American Hebrew congregations) zu bewegen. Tie hervorragendsten Rabbiner des Landes traten in den Aufsichtsrath ein, kamen als Vertrauensmänner zu den Jahresprüsnngen und hielten die Schlußreden bei der Entlassung der Zöglinge, und schließlich war der Name Jsaac M. Wise so populär unter den amerikanischen Juden, daß er allein schon als Empfehlung für die Kandidaten wirkte. Diese Popularität des „College" ist jedenfalls den ausländischen Rabbinern hinderlich und wird es allem Anscheine »ach iminer mehr werden, je mehr Rabbiner von ihm graduiren. Dazu kommt seit Kurzem eine ziveite Anstalt in New-Aork, die eine konservative Tendenz vertritt, deren Zöglinge, wenn auch heute nicht so populär wie die unserer Anstalt, jedenfalls ausländischen Rabbinern vorgezogen werden dürften. Hier bedarf es keiner Ministerialerlasse, um eine patriotische Anschauung hervorzurufen. Das Bediirfniß der Sprache und der Vertrautheit mit den eigenthümlichen Verhältnissen des Landes wirkt mehr als der hochortliche Zwang. i Soviel zur Orientierung über die Aussichten für Einwanderer, j Was nun die Vermögensverhältnisse der Juden augeht, so sind sie! keineswegs Proletarier. Die Armuth nimmt zwar durch die starke j russische Einwanderung unter den Juden bedenklich zu, anderseits l sind die größten Vermögen, welche durch die Eisenbahnkönige repräsentirt sind, nicht in den Händen von Juden. Die Reichthümer welche im Besitze der amerikanischen Juden sind, können durchaus nicht mit der Bedeutung verglichen werden, welche die jüdischen! Bankhäuser Europas auf dem Geldinarkte haben, doch giebt es! jedenfalls eine nicht unbedeutende Anzahl reicher Juden im Lande,! und der Umstand, daß manche Gemeinden Hunderttausende zum j Baue von Synagogen verwenden, daß viele 4—12,000 Dollars! Gehalt an ihre Rabbiner bezahlen, daß Gemeinden von 80 Mitgliedern als ansehnlich gelten, beweist die Wahrheit des Wiener Sprichwortes: Hütten >vir's nicht, so thäten wir's nicht. Die Juden haben allerdings den Vortheil, das; der Haß, welchen in unserem sozialistischen Zeitalter ein großes Vermögen seinem Besitzer cinbringt, ihnen fern bleibt. Die Aufregung, welche sich der Massen anläßlich des großen Strikes auf den Eisenwerken Carnegies bemächtigte und welche vielleicht am meisten zur Entscheidung der Präsidentenwahl gegen die damals herrschende Partei beitrug, würde sich vielleicht gegen die Juden gekehrt haben, wenn Andrew Carnegie und andere Großindustrielle Juden wären. Iah Gould, der rücksichtsloseste aller Millionäre, ein Mann, der als Zwanzigjähriger sich ein Mittagessen erbetteln mußte und als er im Alter von 56 Jahren starb! 70 Millionen Dollars hinterließ, ohne auch nur einen Cent einem j gemeinnützigen Zwecke zu widmen, hätte dem Judenthum gefährlich werden können, wenn er ein Jude gewesen wäre, obwohl wir kühn behaupten können, ein Jude wäre zu einer solchen Handlungsweise nicht fähig gewesen, weil er die Pflicht des Reichthums besser begriffen hätte. Selbst die Freigebigkeit eines Carnegie, der kurz vor dem Ausbruche des Strikes in Homestead eine Million Dollars für Errichtung einer öffentliche» Bibliothek in Pittsburg gespendet hatte, die Rockefeller's, der mehrere Millionen für die neue Universität in Chicago hergegeben hat, die der Vanderbilts, welche ebenfalls hervorragende Stiftungen machten, können die öffentliche Meinung nicht beschwichtigen. Die Demokratie des amerikanischen Volkes kann das bedrohliche Anwachsen von Reichthümer» weniger ertragen als irgend eine europäische Nation, welche an die Standesunterschiede seit Jahrhunderten gewohnt ist. Von solchen Gehässigkeiten sind die Juden hierzulande verschont, denn selbst die Reichsten unter ihnen können sich diesen Nabobs nicht an die Seite stellen. Eine völlig gleichgeachtete Klasse der Bevölkerung sind sie aber trotzdem nicht. Sie bleiben für diejenigen, mit denen sie in Verkehr treten, doch Jews und sind keine Americans. Es mag mir gestattet sein, zum Schutze gegen den etwaigen Vorwurf der Einseitigkeit zwei charakteristische Geschichtchen zu erzählen. Als ich vor Kurzem ein anderes Haus bezog, fragte meine Frau eine Nachbarin, die gerade vor ihrer Thür stand, nach dem nächsten Bäckerladen. „Sie müssen nicht dahin gehen, „war die Antwort," der Bäcker schickt seinen Jungen hierher. Dort an der nächsten Straßenecke wohnt auch eine jüdische Familie, die zu seinen Kunden gehört." Die Dame hatte jedenfalls die Anschauung, daß es »ns wohlthun würde zu erfahren, daß wir in diesem von Juden nur spärlich bevölkerten Stadttheil nicht völlig isolirt seien. Am Erew Peffach Vormittags, — ich will zur Beruhigung der Leser hinzufügen, zu einer Zeit, wo ich hier nach den Tabellen meines seligen Lehrers Zuckermann es ohne Gefahr für mein Seelenheil thun konnte, während ich in Berlin dafür mit 39 Geißelhieben hätte bestraft werden müssen und in Bagdad der Ausrottung verfallen wäre — zu dieser Zeit