Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1893)
- Date
- 1893-06-02
- Page
- Seite 255 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Jedoch steht es dem Lehrerkollegium frei, für den Fall, als der Kandidat mit einem größeren Maß von Kenntnissen eintritt oder daß er die wissenschaftliche und sittliche (?!) Reife rascher erlangt, denselben früher oder nach mindestens dreijährigem Besuch der Anstalt zu den letzten Prüfungen zuzulassen. U Briefe aus Rußland. IV. In dieser Zeit, wo man die Rechte der Juden von Tag zu Tag beschränkt, wo so viele von unfern Glaubensgenossen buchstäblich verhungern und die übrigen sich nur mit großer Mühe und Anstrengung eine dürftige Existenz verschaffen, hätte man doch erwarten sollen, daß jetzt bei uns von geistiger Nahrung absolut keine Rede sein würde; sagten doch schon lange unsere Weisen und ist es schon von der Praxis acceptirt worden: min px n£p P8 DX; aber zu unfern Erstaunen sehen wir gerade das Gegentheil und können mit Recht behaupten, daß wir noch nie eine solche Bewegung in der neuhebräischen Litteratur wahrgenommen haben, wie in den letzten paar Jahren. Es scheint fast, als wollten unsere Schriftsteller den Hunger ihrer armen Brüder mit geistigen Speisen stillen, was ihnen auch wirklich zum Theil gelingt. Wenn der Familienvater den ganzen Tag herumlaufen muß und Brod für Weib und Kind vergebens sucht, endlich verzweifelnd nach Hause zurückkehrt, da nimmt er ein hebräisches Buch, liest und vertieft sich in demselben, schöpft daraus neue Kraft, um am nächsten Tage von Neuem den bittern Kampf ums Dasein aufzunehmen. Die Schriftsteller fühlen ihre Pflicht und spannen ihre Kraft an, das Beste zu bieten. Abgesehen von den vortrefflichen Monatsschriften und Lehrbüchern, wie: Hamizpah von Zederbaum, Ben-Ami von Dr. Kantor, Haasis von N. Sokelow, Kueset Israel von Rabinowitsch, Hakerem von Atlas, Hapardes von Rabnizki, welche in den letzten Jahren unsere hebräische Litteratur bereichert haben, sind viele Bücher auf allen Gebieten der Litteratur und Wissenschaft erschienen; es giebt jetzt kaum noch ein Gebiet, welches dem hebräischen Leser fremd ist. Ja, sogar die besten Lehrbücher stehen jetzt in der hebräischen Sprache zu Gebote; Mathematik, Geschichte, Geographie kann man aus hebräischen Büchern lernen. Was die Mathematik betrifft, so hat sich der scharfsinnige Slonimski, Redakteur der Hazefirah, um dieses Studium besonders verdient gemacht; für allgemeine Geschichte hat Schulmann aus Wilna gesorgt, indem er die Geschichte von Weber in reiner und leichter Sprache übertragen hat; ebenso hat Letzterer ein populäres Lehrbuch der Geographie verfaßt, das für Jeden verständlich ist. Die russische Geschichte in hebräischer Sprache hat mit großem Erfolg Dr. Mandelkern geschrieben, wofür er vom russischen Kaiser mit einem kostbaren Ring beschenkt wurde. Hebräische Lehrbücher der fremden Sprachen, wie z. B. der deutschen, englischen, französischen und spanischen, sind zahlreich vorhanden. Wir müssen hier leider auf eine Aufzählung der verschiedenen Werke, wie auch ans die Besprechung der Entwickelung der neuhebräischen Litteratur verzichten, weil dazu der Raum eines Artikels nicht ausreichte. Wohl aber wollen wir hier noch einige neue Unternehmungen zur Förderung der jüdischen Wissenschaft erwähnen, welche zugleich einem großen Hebel abgeholfen haben. Die Juden in Rußland, die sich doch am meisten als Jude» fühlen und fühlen mußten, habe» merkwürdigerweise bis jetzt sehr wenig Interesse für ihre eigene Geschichte gezeigt. Die geringen Kenntnisse in derselben haben sie nur ans der Bibel und aus dem schlechtübersetzten und noch schlechter gedruckten Josephns geschöpft, was doch noch lange nicht geirügend ist. Auch das von dem verstorbenen Finn verfaßte Lehrbuch der jüdischen Geschichte ist für ein so inhaltreiches Gebiet nicht ausreichend. Besonders aber fehlte jede Kemrtniß der Geschichte des Mittelalters und der neuern Zeit, wofür wir kein einziges Buch besaßen. Auch um die Geschichte der jüdischen Litteratur kümmerte sich Keiner. Aber lempora mntanliir. In der jetzigen Bewegung spielt die Geschichte der jüdischen Litteratur und des jüdischen Volkes die Hauptrolle. Die besten Werke, welche im Auslände aus diesen Gebieten erschienen sind, wurden hier treu übersetzt und den Lesern zur Verfügung gestellt. Das Lehrbuch der Geschichte von David Cassel hat bereits eine hebräische Nebersetzung erlebt; die Geschichte der jüdischen Litteratur von Gustav Karpeles ist ins Hebräische und ins Russische übertragen worden. Jetzt ist auch die Geschichte von Graetz übersetzt worden, und zwar die große und die populäre; die erstere wird von Fintel und die andere von Rabinowitsch übertragen. Die billigen Ausgaben versprechen einen sehr großen Erfolg zu haben. Als ein zweites segensreiches Unternehmen können wir den „Achiasaf" in Warschau, welches uiilängst ins Leben gerufen worden, begrüßen. Unter den Namen „Achiasaf" vereinigten sich einige Gönner der hebräischen Litteratur und unternahmen es, eine billige Ausgabe von nützlichen Werken, hauptsächlich aber der alten jüdischen Klassiker, zu veranstalten. Mit den Gedichten von Jehnda Halevi haben sie begonnen; dieselben erscheinen in Heften, ein jedes Heft kostet nur 12 Pfennige und dadurch ist es einem Jeden möglich, sich dieselben zu verschaffen. Dr. Harkavi aus Petersburg hat die Gedichte mit einer Biographie des Dichters, mit einer Einleitung und kritischen Bemerkungen versehen. Auch die Herren Halberstam, Dr. Kaminka, Dr. Bernfeld haben ihre Theilnahme versprochen. Nach den Gedichten von Jehuda Halevi werden die Gedichte von Gabirol und Immanuel erscheinen. Außerdem wird für dieses Unternehmen die Geschichte der Juden in Spanien nach Graetz und Kavserling durch Friedberg bearbeitet. Sogar für Belletristik ist vom „Achiasaf" gesorgt worden. Der erste Versuch ist mit der Uebersetzung der bekannten englischen Erzählung „Daniel Terando" von Georg Piot durch den bekannten Schriftsteller Frischmann gemacht worden. Für die Jugend werden die „Geheimnisse der Juden" von H. Reckendorf durch Friedberg frei bearbeitet. Kurz, dieses Unternehmen wird hoffentlich ein neues Leben in der hebräischen Litteratur Rußlands und Polens hervorbringen. Jz. Barsel. U Briefe aus Amerika. Interkonfessionelle Verhältnisse. Von Dr. G. Deutsch, Professor mn Hebrew ITnion College. I. Aus dem Briefe eines europäischen Freundes entnehme ich, daß meine Angaben über das isolirte gesellschaftliche Leben und über die Thatsache, daß die Juden auch hier in politischer Laufbahn Vorurtheilen begegnen, viele Leser der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" überrascht haben. Auf der anderen Seite las ich in den Berichten über Verhandlungen des deutschen Reichstags, daß ein