Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-05-26 · Heft 21 (26.5.1893) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 21 (26.5.1893)
Date
1893-05-26
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227986-3228008--49831-3271415
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

2 ztz Berlin, 19. Mai. Privat-Dozent Dr. Steindorff von der Berliner Universität ist als Professor nach Leipzig berufen worden, wo er den Lehrstuhl für Aegyptologie, den früher Georg Ebers inne hatte, übernimmt. Georg Steindorff, 1801 in Dessau geboren, bildete sich vornehmlich unter der Leitung von Adolf Erman in Berlin in der Aegyptologie aus und wurde, nachdem er 1884 zum Doktor promovirt hatte, der Gehilfe seines Lehrers Erman, als dieser nach dem Tode von Lepflus mit der Verwaltung der ägyptischen Abtheilung des Berliner Museums betraut wurde. In dieser Eigenschaft als Direktorial-Affistent habilitirte sich Steindorff im Winterhalbjahr 1889/90 als Privatdozent an der Universität. Er liest hauptsächlich über das Koptische. Die meisten der Forschungen Steindorffs erschienen in der „Zeitschrift für ägyptische Sprache"; einzelne auch in den Schriften der deutschen morgenländischen Gesellschaft; selbständig gab er bisher heraus „Prolegomena zu einer koptischen Nominalklasse" (Doktorschrift Berlin 1884) und „Sassanidische Siegelsteine" (mit P. Horn 1892). Von den anderen Arbeiten Steindorffs seien hervorgehoben: „Die keilschriftliche Wiedergabe ägyptischer Eigennamen", „Mouillirung der Liquidae im Aegyptisch-Koptischen", „Zwei altkoptische Mumien-Etiketten", „Neukoptische Urkunden aus Theben". Sehr beifällig ausgenommen wurde die deutsche Bearbeitung von Masperos „Archäologie ögyptienne", die Steindorff 1889 unter dem Titel „Aegyptische Kunstgeschichte" erscheinen ließ. Steindorff ist ein Schwiegersohn des Predigers Dr. I. Oppenheimer hier. * Berlin, 16. Mai. Der Prozeß Paasch ist am Mittwoch nach mehrfachen Verschleppungsversuchen zur gerichtlichen Entscheidung vor dem Landgericht I. gekommen. Es handelte sich in demselben um die ungeheuerlichen Beschuldigungen Paaschs gegen den preußischen Justizminister und das auswärtige Amt, die er in seinen Schmähschriften der ehrenrührigsten Dinge bezichtigt hatte. In den antisemitischen Versammlungen hatte Paasch sich noch bis jetzt damit gebrüstet. Alles beweisen zu können. Die gerichtliche Beweisaufnahme ergab aber, daß Alles eitel Lug und Trug gewesen ist, und bezüglich seiner Hauptbeschuldigungen gegen den Justizminister mußte Paasch jetzt gestehen, daß er dieselben nach der Beweisaufnahme nicht mehr aufrecht erhalten könnte. Der Gerichtshof erkannte auf 1 Jahr 3 Monate Gefängniß. Alle politischen Blätter machen die Verurtheilung Paaschs zum Gegenstände einer Besprechung und erörtern die traurige, immer wilder werdende antisemitische Verleumdung ganzer Bevölkerungsklassen und einzelner Personen. Die National-Zeitung findet es gerechtfertigt, daß der Gerichtshof bis nahe an das Maximum des Strafmaßes ging, und sagt: „Das Individuum, welches diese verleumderischen Leistungen aufzuweisen hat, gehörte bisher gerade so wie Ahlwardt zu den Helden eines leider nicht engen Kreises, konnte im Vertrauen auf den Rückhalt an diesem sich als Zeuge im letzten Ahlwardt-Prozeffe aufspielen und ist bei einer Ersatzwahl als Reichstags-Kandidat aufgetreten. Inzwischen hat der bekannte SchwennHagen das Verschwinden eines Kindes in einer Versamurlung mit Redensarten über den „Ritualmord" erörtert und die Polizei beschuldigt, daß sie nicht an den richtigen Stellen suche; natürlich glaubt der Mensch kein Wort von dem, was er sagt, er giebt für 20 Pfennige Eintrittsgeld Vorstellungen nach Ahlwardt'schem Muster. Aber daß dieser Gesellschaft bisher von Organen der Staatsautorität, durch deren Unterwühlung sie ihr Publikum unterhalten, noch keine Scheu eingeflößt worden, das ist bezeichnend für den Stand der Dinge." Hierzu sei bemerkt, daß die erwähnte Versammlung von etwa 200 Personen besucht war, daß der genannte Hetzer Caprivi und Miquel als „Judenagenten" bezeichnete und von dem Verschwinden des Mädchens Hedwig Weber erklärte, es erinnere an den „Ritualmord"; er wagte jedoch nicht, einen solchen zu behaupten, sondern erklärte nur ohne jeden Anhalt, das Kind werde in irgend einem Judenhause gefangen gehalten und zu einem Verbrechen aufbewahrt!! J.E. Kiel, 19. Mai. Am 15. d. hielt Dr. Danneil aus Bielefeld hier einen Vortrag über den Talmud, zu dem sich denn auch etwa 1000 Zuhörer einfanden, die, durch die Notiz „mit nachfolgender Diskussion" verlockt, sich einen amüsanten Abend versprachen. Von seiten zweier hiesiger Zeitungen war schon auf den „makellosen" Lebenswandel des antisemitischen Hetzapostels hingewiesen, von seiten des Herrn Dr. Stern war der vertheilte Talmud-Auszug als erdichtet und gefälscht öffentlich bezeichnet worden. Da erklärte Dr. Danneil im Brustton der Ueberzeugung, man dürfe das Judenthum als solches nicht verantwortlich machen für die Verbrechen Einzelner, man dürfe auch den Talinud nicht ganz und gar verwerfen, den wirklich nur wenig Inden kennen, man müsse sogar den orthodoxen Juden weit über einen atheistischen Chrin setzen. Aber der Reformjude, der verschmähe, der verhöhne das Christen thum in der haarsträubendsten Weise. Und die große Mehrzahl erkenne ben Schulchan Aruch als bindend an. Und nun folgten die schönen Märchen von dem großen Sanhedrin in Krakau, von dem Versuch der Rabbinen, eine Talmud-Uebersetzung zu Hintertreiben, und schließlich verlad der Redner einige Stellen aus dem berüchtigten Talmud-Auszug, wolei er allerdings grade bei den schlimmsten Stellen selbst zugab, daß sie nicht im Talmud stehen. Aber dieser edle, uneigennützige Kämpfer für Wahrheit und Gerechtigkeit hatte sich extra nach Leipzig begeben, um dort den Talinud nachzusehen, und er hat wirklich gefunden, daß das Judenthum die Christen materiell ausbeute und geistig demoralisire. Was ihn sellsl beträfe, so führte Dr. Danneil weiter aus, so seien die gegen ihn gefallenen Verleumdungen alle erdichtet. Er habe als junger Pfarrer eben nur etwas viel getrunken und habe dann freiwillig seinen Abschied genommen, auf Veranlassung allerdings. Dann habe er in der Anstalt Bethel „abZ Angestellter" gewirkt, er habe erlaubt bekommen, wieder in den sächsische Kirchendienst einzutreten und Jeder dürfe ihn einen Lump nennen, der i?m seit dem Jahre 1884 jemals betrunken oder angetrunken gesehen habe. Schließlich stellte Redner, um seine politische Verständnißlosigkeit im besten Lichte zu zeigen, noch die naive Forderung an die Rabbinen, die schlechten Elemente in ihrer Gemeinde zu brandmarken und auszustoßen Anderthalb Stunden währte der Vortrag des Herrn Dr. Danneil. Tic erste, kurze und sachliche, Erwiederung gab dem Vorredner der sozial' demokratische Führer Heinze. Nach diesem Herrn ergriff Rabbin a Dr. M. Stern das Wort, der auch bereits in Rendsburg Herrn Dr. Danneil entgegen getreten war. Zuerst erklärte Herr Dr. Stern den Auszug der Antisemiten als gefälscht und frug Herrn Dr. Dannei?, ob er diesen Auszug als wahr anerkenne. Der Gefragte verneinte die Die Punkte, die der Rabbiner sodann weiter vorführte, waren: Ein Pariser Talmud existire überhaupt nicht, obwohl ihn Dr. Danneil so eifrig studirt haben will. — Zwei Exemplare des Schulchan Aruch in hebräischer Sprache hatte Herr Dr. Stern mitgebracht und fordern' Herrn Dr. Danneil auf, nur eine Zeile zu lesen, wozu sich dieser aber merkwürdigerweise nicht verstehen konnte — Die Gewährsmänner der Antisemiten Dr. Rohling und Dr. Eckert seien als Lügner schon unendlich oft gebrandmarkt. Er, Dr. Stern, selbst habe Dr. Rohling mehr ai* zehn Stellen seines Talmud-Auszuges als falsch nachgewiesen, ohne aber die versprochenen 3000 Mark, oder auch nur eine Antwort erhalten zu haben. Sodann wies Herr Dr. Stern noch an den verschieden si n Behauptungen des Antisemiten-Häuptlings nach, daß dieser eben ein vollständiger Ignorant auf dem Gebiete nicht nur des Talmuds, sondern auch dessen neuerer Geschichte sei. Hierauf kennzeichnete Heer Dr. Stern auf Grund amtlichen Materials und antisemitischer Zeitungen, daß sich Herr Dr. Danneil die gröbsten Verdrehungen der Wahrheit habe zu Schulden kommen lassen. Theilweise herrschte während des 11/4 ftünbigen Vortrags des Herrn Dr. Stern lautloses Schweigen im Saal, theilweise ließ sich stürmische Heiterkeit und lauteste En!- rüstung vernehmen, bis Herr Dr. Danneil auf Grund seines angemaß n Vorsitzendenrechtes seinem Gegner das Wort entziehen wollte. Geam dieses gewaltsame Vorgehen aber empörte sich die Versammlung -n so lauter Weise, daß der überwachende Beamte um 12^ Uhr diese! c auflöste. X Hannover, 19. Mai. Wie aus der heutigen Annonce ersichtlub ist, wird die definitive Eröffnung der neuen Erziehungsanstalt ni Ahlem beim Limmerbrunnen, unweit Hannover, am 30. Mai stattsind!! Die Anstalt ist zur Aufnahme von 60 Zöglingen vollständig eingerichd?. auch ist bereits das hierfür erforderliche Inventar angeschafft. Die Anzabl der Anmeldungen und Gesuche um Aufnahme von Zöglingen war ein ' bedeutende, doch konnte nur ein Theil davon bisher Aufnahme finbou, da die junge Anstalt noch nicht in der Lage ist, Zöglinge vollständig kostenfrei zu erziehen und für die Mehrzahl der angemeldeten Knaben cv an Wohlthätern fehlte, welche geneigt waren, das so niedrig normale Kostgeld zu zahlen. Die in der Anstalt aufgenommenen Zöglinge rekrn Liren sich aus verschiedenen Plätzen Deutschlands, von Posen bis Strasi bürg. Leider ist die Haupt-Residenzstadt Berlin mit einer Gemeinde, deren Mitgliederzahl ca. dem 6. Theil sämmtlicher Juden Deutschland gleichkommt, nicht vertreten. Mehrfache Gesuche um kostenfreie Aufnahme

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.