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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-05-26 · Heft 21 (26.5.1893) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 21 (26.5.1893)
Date
1893-05-26
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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Deutschlands >ie Ausnahure von Zöglingen mußten abgewiesen werden, und obwohl wir gern zugestehen, daß die Mildthätigkeit unserer Berliner Glaubensgenossen stark in Anspruch genommen wird, so hätten wir doch gewünscht, daß entweder die Berliner Gemeinde einige Freistellen begründete oder durch Sammlung die geringfügigen Beiträge zur Erziehung einiger armer Knaben aufbrächte. Abgesehen von den Wohlthaten, welche dadurch den hindern erwiesen werden, daß sie eine solche rationelle Erziehung erhalten, wie sie in der neuen Erziehungsanstalt zu Ahlem geplant ist, sollte auch die erste Gemeinde Deutschlands vor allen anderen sich berufen suhlen, ein so gemeinnütziges und segensreiches Werk, welches einen allgemeinen deutschen und keinen lokalen Charakter hat, von Anfang an lbatkräftigst zu unterstützen. L. Hechingen, 23. Mai. Die „Hohenzoll. Blätter" schreiben: „Im Rasthof zum Adler in Stetten bei Hechingen fanden sich gestern die Lehrer des Bezirks Hechingen zu einer Gesangskonferenz zusammen. Nach derserben haben die Lehrer ihrem Kollegen Herrn L. Levi, Lehrer und ^abbinatsverweser in Hechingen, der sein 25jähriges Dienstjubiläum letzten Sonntag in aller Stille feierte, eine kleine Ovation dargebrachtiHobeit und Gesangsvorträge wechselten ab. Der Gefeierte dankte seinen Kollegen in eindringlicher, herzlicher Ansprache für die ihm gezollte Aufii! rksamkeit. Vom Vorstande des hohenzolleruschen Lehrervereins war ein li rzliches Gratulationstelegramm eingetroffen. Einen recht angenehmen Eindruck machte das aus dem Kabinet Sr. Kgl. H. des Fürsten Leopold von Sohenzollern dem Jubilar zugegangene schmeichelhafte Gratulationss hreiben, das der Herr Jubilar in seiner Bescheidenheit nicht blos für s ine Person, sondern auch für den ganzen hohenzolleruschen Lehrerstand als a ltend bezeichnete." Zu bemerken ist, daß unter 190 Lehrern Hohenllerns nur drei israelitische sich befinden und Herr Levi der einzige is aelitische Lehrer des Bezirks Hechingen ist. Es gereicht beiden Theilen -.ui- Ehre, daß bei dem oben beschriebenen Feste eine Einmüthigkeit und Kollegialität zu Tage getreten ist, die alle Anerkennung verdient Beu orkenswerth — namentlich in gegenwärtiger Zeit — ist auch das j ''ratulationsschreiben Sr. Königl. Hoheit des Fürsten von Hohen- --llern. — Herr Levi ist nämlich der Verfasser und Herausgeber einer .Geschichte und Geographie von Hohenzollern" — eines sehr hübschen Werkchens, das die Königl. Regierung zur Einführung in die Schulen I empfohlen und das allgemeine Anerkennung gefunden hat. Auch weiland Kaiser Friedrich hat sich über das Merkchen dem Verfasser gegenüber 0!^gesprochen. Von: gleichen Verfasser existirt auch ein Leitfaden für >vu israelitischen Religionsunterricht, der in vielen Schulen eingeführt ist. Möge dem Gefeierten noch eine lange Reihe von Jahren rüstiger AMigkeit beschieden sein. Oesterreich - Ungarn. * Prag, 19. Mai. Das Abendblatt der amtlichen Prager Zeitung l richtet über eine Reihe antisemitischer Gewaltthätigkeiten, die alle in Orten, welche in der Nähe von Kolin gelegen sind, vorigen. In der Nacht zum 9. ds. drangen unbekannte Thäter durch ' indrückung eines Fensters in den israelitischen Tempel in Dobrowitz Bezirk Czaslau), zerschnitten daselbst drei Vorhänge, zerschlugen einen großen Lustre und entwendeten drei Gesetzesrollen und andere rituelle Gegenstände. Die Gesetzesrollen wurden Morgens in einem nahen Walde ganz Zerschnitten aufgefunden. Der Schaden beläuft sich auf 300 bis fl. Am 11. ds., Abends, wurden in Goltsch-Jenikau (Bezirk Czaslau) d einem Israeliten die Fenster des Wohnzimmers durch Steinwürfe zerschlagen. Die Thäter wurden noch an demselben Abende ausgeforscht und dem Bezirksgerichte eingeliefert. In der Nacht vom 11. auf den!2. d. M. schlugen sechs Personen, Dienstknechte und Handwerker, in Strak (Bezirk Podiebrad) der dort wohnenden Israelitin Anna Günsberg mit Steinen die Fenster ein, erbrachen die versperrte Hausthür und drangen dann ins Wohnzimmer ein, wo sie die Fensterrahmen, einen Spiegel und einen Nähmaschinentisch zertrümmerten, andere Möbelstücke beschädigten und sich hierbei so gewaltthätig benahmen, daß jeder Widerstand seitens der Hausleute fruchtlos war. Nachdem die Eindringlinge die Wohnung verlassen hatten, warfen sie abermals Steine ins Wohnzimmer, in Folge dessen sich die Günsberg mit ihrer verwittweten Tochter und zwei kleinen Kindern eiligst in eine Kammer flüchten mußten. Wenige Stunden nach der That wurden drei der Uebelthäter verhaftet und dem Bezirksgerichte in Nimburg eingeliefert. Rußland. * Petersburg, 18. Mai. Verschiedene Maßregeln und Anordnungen der russischen Regierung werden gemeldet, aus denen hervorgeht, daß die zur Zeit in Rußland hinsichtlich der Ansiedelungsberechtigung der Juden bestehenden beschränkenden Gesetze, von denen während langer Jahre in zahllosen Fällen abgewichen worden war, gegenwärtig in allen Einzelheiten ihrem Wortlaute nach durchgeführt werden sollen. So ist .jetzt die Bestimmung getroffen, daß diejenigen Juden, die gesetzlich das Recht haben, mit ihrer Familie in jedem beliebigen Gouvernement des; Reiches zu wohnen (z. B. Kaufleute erster Gilde, Handwerker), dieses; Recht nicht mehr, wie dies bisher häufig geschehen, auf von ihnen adop- > tirte Persönlichkeiten übertragen können. — In Riga ferner hat man den ziemlich zahlreichen Juden, die, ohne nach dem Wortlaut der allgemeinen Reichsgesetze zum Wohnen in dieser Stadt berechtigt zu sein, die! Erlaubniß dazu durch Ministerialverfügungen aus den Jahren 1881 und 1884 erhalten hatten, jetzt mitgetheilt, daß sie die Stadt binnen vier Monaten zu verlassen haben. Denjenigen von dieser Maßregel betroffenen Juden in Riga, die Hausbesitzer sind, ist bis zum 13. November Frist gegeben worden. X Odessa, 19. Mai. Es ist bekanntlich ein alter jüdischer Usus, die Leiche am Todestage zu reinigen. Die hier seit einiger Zeit bestehende Sanitäts-Kommission zum Schutze gegen die Cholera hat jüngst den hiesigen Rabbiner interpellirt darüber, ob dieser Usus unbedingt erforderlich ist, und ob die Reinigung nicht auf später verschoben, resp. vollständig unterbleiben darf. Die Antwort des Herrn Rabbiner lautete, daß die Gesundheit des Körpers für die Normirung der Gesetze maßgebender sei, als ein althergebrachter „Usus". Bulgarien. r. Sofia, 15. Mai. Gestern am Sabbath Bchukotai hielt Herr Rabbiner Dr. Grünwald Probepredigt in spagnolischer Sprache von mindestens 20 Minuten und anschließend an dasselbe Thema in deutscher Sprache. Der Vortrag in spagnolischer Sprache hörte sich wie ein fein accentuirtes Italienisch an. Die Betonung zeigte nicht die leiseste Spur einer Fremdartigkeit, ja das Spagnolische verblüffte durch die Reinheit, welche auch durchwegs hervorschlug, so daß die Spagnolen selbst sich sagten: wir sprechen einen Jargon und der Rabbiner das echte Spagnolisch. Die Neuerung, welche bei der Probepredigt zu Tage trat, daß der Rabbiner auch deutsch predigte, fand einen lebhaften Widerhall in den Herzen der anwesenden Aschkenasim oder deutschen Juden, denn hiemit soll eine Aera von Konzessionen an uns deutsche Juden beginnen und die Solidarität unserer Stammesbrüder ihre Triumphe feiern. Der heilsame Umschwung vollzog sich in der relativ kurzen Frist von vier Jahren. Die geehrten Leser Ihres Blattes werden sich wohl erinnern, daß Ihr Korrespondent noch vor zwei Jahren darauf hingewiesen. Abends theilte eine Deputation dem Rabbiner den Beschluß mit, demgemäß derselbe zum Grandrabbiner der bulgarischen Juden gewählt wurde. Die bulgarische Regierung wird ihrerseits, ohne den Beschluß der Sobranje abzuwarten, ihm das bulgarische Bürgerrecht verleihen, welche Formalität erfüllt werden muß, um diesen so wichtigen Posten anzutreten. Persien. * Hamadan, im Mai. Die Ruhe, welche hier den Aufregungen der letzten Zeit folgte, war nicht von langer Dauer. Es haben neue Unruhen stattgefunden, und die Lage der Israeliten schien schwieriger und beängstigender als jemals. Dem Central-Komitee der „All. isr." wird hierüber aus Bagdad geschrieben: Wir erhalten schlimme Nachrichten aus Hamadan. Die Verfolgungswuth ist von Neuem gegen unsere armen Glaubensgenossen entbrannt. Auch diesmal ist die Sache von der hohen Geistlichkeit ausgegangen: man weiß, welche wichtige Stellung dieselbe im feudalen Reiche Persiens einnimmt. Nach langen Verhandlungen hat Molloh Abdullah, der durch seine Angriffe gegen die Juden eine so traurige Berühmtheit erworben, Hamadan verlassen und den Weg nach Teheran eingeschlagen. Aber seine Abreise, die sein Prestige nur erhöht, hatte nicht die gewünschte Ruhe zur Folge Ueberall auf seiner Durchreise kam die gesammte Bevölkerung zu seiner Begrüßung, brachte man ihm enthusiastische Ovationen und stritt um die Ehre, den Zipfel seines Gewandes küssen zu dürfen. In ihren Augen ist er ein Heiliger, ein Liebling Gottes. Sein Beispiel hat Schule gemacht. Mehr als ein Mollah brennt darauf, seine Spuren

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