Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1893)
- Date
- 1893-05-26
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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Berlin, 26. Mai 1898. rn.Mmn. «r.21. Der Gemerndelrote. WeiLage zur: „Allgemeinen Zeitung öes Iuöentbunrs"- Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. <D Berlin, 23. Mai. Der eben erschienene 60. Jahresbericht der unter dem Protektorat der Kaiserin Friedrich stehenden Baruch- 7. rr erbach'schen W aisen-Erziehungs-Anstalten läßt den gedeih- I chen Fortgang dieses aus winzigen Anfängen emporgewachsenen segensi Achen Instituts erkennen. In dem Knaben-Waisenhanse befinden sich 50,!•’ dem Mädchen-Waisenhause 26 Zöglinge, welche den Unterricht größtenteils in höheren Schulen genießen. Besonders fähige Knaben bleiben i -s zum Abiturienten - Examen, die Rtädchen alle bis zur erlangten i rwerbsfähigkeit in der Anstalt. Jedem Zögling wird die Möglichkeit >mer seiner Beanlagung entsprechenden Entwickelung und dereinstigen r.'bensstellung geboten. Beihilfen zur Selbständigmachung bezw. Ber-! irathung früherer Zöglinge — von denjenigen des Mädchen-Waisenhauses l aben sich bereits etwas mehr als die Hälfte verheirathet — und sonstige Unterstützungen gewähren Stiftungskapitalien in Höhe von 286,625.42Mk. Unantastbares Vermögen besitzen die Anstalten 753,413.47 beziehungweise 70,850.44 Mk. Ein jetzt erst 35,741.50 Mk. betragender Baufonds, -elchem Herr Kommerzienrath I. Israel 3000 Mk. zugewendet hat, ist rzu bestilttmt, für den voraussichtlichen Fall einer Verlegung und Ereiterung der Anstalten als Grundstock zu den alsdann erforderlicher! . :oubcutteu zu dienen. Die Ausgaben betrugen einschließlich Gottesdienst, nreau, Renten, Stipendien u. a. Zuschüssen 48,264.53 beziehungsweise -->66.62 Wk, d. h. für den §kopf und Tag 55^ Pf. Seit 1885 wird ^jährlich für die meisten Zöglinge eine Ferienkolonie eingerichtet, ebenso 7 der Handfertigkeitsunterricht zu einer stehenden Einrichtung geworden Den Vorstand bilden neben dem Direktor Dr. Strelitz die Herren euis Liebermann, Kommerzienrath I. Israel, Berthold Marckwald, »nlis Gradenwitz, Kommerzienrath E. Lohnstein und Generalkonsul 'uigen Landau. * Berlin, 24. Mai. Der königl. Musikdirektor Isidor Rosenld ist im 59. Lebensjahre in der Nacht zum Sonntag an einem Schlagstatt gestorben. Der Verstorbene war lange Jahre Ehordirigent der len Synagoge in der Heydereutergasse und hat als solcher große 7 üichttreue, musikalisches Verständniß und aufrichtige Hingebung für men Beruf entwickelt. Das Leichenbegängniß fand heute unter zahlucher Betheiligung auf dem Friedhof in Weißensee statt. SS Berlin, 23. Mai. Es geht uns der nachfolgende Aufruf an - e deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens mit der Bitte um Vernentlichung zu: „Seit nahezu zwei Jahrzehnten wird unser Vaterland von einer Bewegung beunruhigt, deren letztes Ziel unsere gesellschaftliche Aechtung "Id die Einschränkung unserer verfassungsmäßigen Rechte ist. Wir Oien gehofft, der Rechtssinn, der den größeren Theil unserer Mitbürger »füllt, und die Gemeinsamkeit der Kulturarbeit würden eine genügende 7ohutzwehr sein gegen die Umtriebe einer Minderheit, die für jedes Uebel der Zeit ihre jüdischen Mitbürger verantwortlich macht und sie -1 vaterlandslosen Fremdlingen erniedrigen will. Das Wesen einer Aation beruht auf der Gleichheit des Denkens undFühlens; ihr äußeres, über entscheidendes Merkmal ist die gemeinsame Muttersprache. Menschen erschiedenster Abstammung und verschiedenster religiöser Bekenntnisse 'erden durch gemeinsame Geschicke zu einer einheitlichen Station. Auch Ae Einheit des deutschen Volkes hat sich über der Verschiedenheit der Abstammung und des Glaubens aufgebaut Wir Juden haben, seitdem uits der Antheil an dem Gesannntleben des deutschen Volkes vergönnt nt, mit Herzenssreudigkeit und Begeisterung unsere ganze Kraft an unser Vaterland hingegeben. Wir haben an allen Kriegsthaten und geistigen Kämpfen theilgenommen, die das zersplitterte Reich geeinigt und ihm unter der Oberhoheit eines Kaisers neuen Glanz verliehen haben. Stets in die staatsbürgerliche Befreiung der Juden Hand in Hand gegangen > mit den bedeutungsvollen Fortschritten unseres Vaterlands. Wie bei! der Aufrichtung Preußens aus tiefster Schmach der Grundstein zur j Emanzipation der Juden durch die Stein-Hardenbergstche Gesetzgebung j gelegt wurde, so haben auch die Begründer des deutschen Reiches in ' dem Augenblicke des höchsten Aufschwungs des deutschen Volksgeistes das I Werk unserer Befreiung gekrönt durch die Aufhebung der letzten Reste » konfessioneller Rechtsungleichheil. Was uns bis dahin von der Gesammtheit getrennt hatte, war hinweggeräumt. 'Alles Leid der Vergangenheit war vergessen, in unserem Herzen lebte nur das Gefühl der Freudigkeit, die das Recht des Mitschaffens gewährt. Und nun erhebt sich jene Bewegung, die die eben geschaffene Eintracht zu zerstören sucht, die vermöge einer geschickten Organisation und einer rücksichtslosen Agitation ihre Irrlehren in immer wettere Kreise trägt und jetzt nicht mehr zurückscheut vor der Antastung unserer verfassungsmäßigen Rechte. Wenn wir demgegenüber die Nothwendigkeit vrganisirten Zusammeni schlusses empfinden, so liegt uns nichts ferner als der Geist der Absonderung. Wir folgen nur der Pflicht, unsere Stellung im Vaterlande durch eigene Kraft zu wahren, und sind überzeugt, daß einer solchen Haltung die Achtung unserer Mitbürger nicht fehlen wird. Unser Verhältniß zu unserem Vaterlande ist kein anderes als das der Protestanten und Katholiken. In allen Glaubensgemeinschaften giebt es die mannigfaltigsten religiösen Richtungen, giebt es Vertreter der verschiedensten politischen Parteibestrebungen. Alle aber sind einig in ihrem nationalen Denken und stehen zusammen wie ein Mann, gilt es die Wohlfahrt des Reiches. Wir wollen nicht in falschem Solidaritätsgesühl den Schleier , ziehen über die Fehler des Einzelnen, wir wollen aber auch nicht dulden, daß die Fehler Einzelner einer jüdischen Gesammtheit aufgebürdet werden. Um diesen Gedanken den lautesten und mächtigsten Ausdruck zu geben, haben wir uns zu dem Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zusannnengeschlossen. Ter Verein will alle Kräfte zur Selbstvertheidigung aufrufen, in dem Einzelnen das Bewußtsein unserer unbedingten Gleichberechtigung stärken und ihm das Gefühl unserer Zusammengehörigkeit mit dem deutschen Volke durch die Anfeindungen unserer Gegner nicht verkümmern lassen. Durch Wort und Schrift, durch öffentliche Versammlungen und Vorträge will der Verein den Einzelnen mit den Waffen ausrüsten, die ihn befähigen, den aufgedrungenen Kampf im Geiste der Wahrheit zu bestehen, damit an der Besserung nach Innen und Außen Alle Mitarbeiten, die aus der Noth der Zeit die Pflicht der Selbstvertheidigung erkannt haben. Wir treten nicht in Gegensatz zu bestehenden Organisationen, die ähnlichen Zielen nachstreben; wir wollen neben und mit ihnen wirken — auf dem Wege der Selbsthilfe, im Lichte der Oeffentlichkeit. So hat nun Jeder die Möglichkeit und damit anch die Pflicht, zu dem großen Werke der Selbstvertheidigung beizutragen. ■ Mitbürger und Glaubensgenossen! Wir fordern Euch zum Beitritt auf. » Säumet nicht, zu kommen. Der Vorstand des Eentralvereins deutscher; Staatsbürger jüdischen Glaubens." Der Aufruf ist von vielen hervorragenden Gemeindemitgliedern unter! schrieben. Wirsinden u.A. folgende Namen: Fabrikbesitzer Dr I.Ginsberg. Rechtsanwalt Dr. Grelling. Geheimer Sanitätsrath Dr. S. Kristeller. Prof. Dr. Mendel. Dr. Heinr. Meyer-Eohn. Privatdozent Dr. H. Preuß. Geh. Medizinalrath Prof. Dr. Senator. Rechtsanwalt Dr Herm. Stern. Professor Dr. Julius Wolff. Geh. Sanitätsrath Dr. A. Baer. Professor Dr. Adolf Baginsky. Sanitätsrath Dr. I. Blumenthal. Sanitätsrath Dr. Edel. Fabrikbesitzer W. Hagelberg. Gymnasial-Professor Dr. Daniel Jacoby. Dr. med. M. Jastrowitz. I. E. Jsaac. Dr. James Israel, dirig. Arzt am Krankenhaus der jüd. Gemeinde. Dr. med. I. Kastan, Arzt und Schriftsteller. Geheimer Sanitätsrath Tr. Kirstein. Rechtsanwalt Dr. Felix Landau Dr. M. Levin. Tr. phil. Felix Liebermann. Dr. Siegmnnd Maybaum, Rabbiner der jüdischen Gemeinde. Sanitätsrath und Stabsarzt a. D. Dr. Oscar Rothmann. Leonhard Sachs. Königlicher Medizinalrath Dr. W. Sander, Direktor der Berliner Irrenanstalt. Kommerzienrath S. Weigert. Sanitätsrath Dr. Wiesenthal.