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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-05-26 · Heft 21 (26.5.1893) · p. Seite 251

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 21 (26.5.1893)
Date
1893-05-26
Page
Seite 251 (sequence 11)
Language
German
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Das ist einmal ein eigener Blick — sogar weich und wehmüthig Kimmen dem Mädel die schwarzen Augen in dem Dämmerlicht vor, die zu ihm emporgeschlagen sind, und da ist's ihm aufeinmal, als schüttle; ein Frost, und dann beugt es sich vor. „Bartel, Bartel, sag auch nur eins — gesund wirst wieder, thu (- nit nachtragen" — sie bricht in lautes Schluchzen aus, so das; aber Die alte Sarah, welche die Worte gar nicht verstanden hat, auch fie Rührung kommt. Der Bartel lächelt eigen, Dörtle meint, es schneidet ihr wie ein 'Resser ins Herz, und dann reicht er ihr die Hand hin, kein Wort wird i abei gesprochen, aber das Mädchen weiß nun doch, wie es daran ist. Und dann rückt es sich still einen Stuhl heran und sitzt da, wie die alte Sarah, kerzengrade, die Blicke auf den Liegenden gerichtet, und ven, die im Nebenzimmer auf und ab geht und auf den Laden unten!>orcht, sie denkt, daß das zwei seltsame Wärterinnen sind, welche der Bruder hat, die weißhaarige Mutter und das frische blonde Mädchen. Ab und zu schlägt Bartel die Augen ans, und wenn er Dörtle noch immer gewahrt, so huscht wieder das Lächeln um seine Lippen. Als Dörtle meint, nun darf man es nicht länger drüben vermissen, schleicht es auf den Zehen hinaus, legt die Hand auf Lea's Schulter und sagt: „Täglich komm' i daher, die Mutter thut's schon leide», und s'ist um des Lädeles willen, daß Ihr ein Acht geben Hiimt." „Du auch," sagt Lea, „abzubitten Hab i was! Hätt nimmer »glaubt, das; Du noch so wie eh wärest — und so gutherzig. Nun ' will's schon einmal sühnen." Das ist ein Wort, sühne», das geht wie ein Schlag durch Dörtle's "»lieber, was braucht Lea gerade das zu sagen? , Sie reißt ihre Hand los und läuft hastig hinab, das; sie unten »den einen Burschen stößt, der über die Landstraße kommt. „Oho auch, springen Einem die Mädel so in den Arm," lacht »■er, „sell laß i gelten." Ein neuer Schreck befällt Dörtle, das ist der Peter. Sie hält ficit Athem an und will sich loswinden, aber der Bursch ist Einer von denen, die nicht so leicht auf einen Scherz verzichten. „Was denkst auch, Liebchen, erst will i wissen, wen i da Hab!" Da lodert der Zorn in ihr auf. „Los läßt mich, Peter Aigle — i bin's, das Dörtle!" Er giebt sie frei, aber tritt dabei gerade in ihren Weg. „Ei, wenn Du's bist, Jungferle vom Schwaderer Hof, da brauchst h nit so zu thun. I bin der Peter, daß Du's auch weißt, und i mein, wir Zwei müffen halt nit so vor einander verschrecken." Sie stößt seine Hand zurück, sie meint, sie sieht in dem Halblicht wieder die Blutspureu, und mit zitternden Lippen sstgt sie: „Müßt nit, was wir Zwei mit einander gemein hätten!" aber ein Schauder geht ihr dabei über, sie hat alle Zeit mit dem Burschen da etwas gemein — eine Schuld. Der Peter bricht in ein lautes Lachen aus. „Dirn, aber Du gefällst mir — bist Du eine Trutzige! Arg gern mag i's, lieber ist's mir schon, wie so eine Heulere! Aber schau, so lang wie Dein' Zöpf' ist wohl nit Dein Gedächtniß, sonst thätst so nit fragen." »I muß heim," sagt Dörtle kleinlaut, „mein Mutter lauert —" „Ei, so laß lauern! Ist nit die Einzigst, die steht und aufs Mädel warten muß, derweil das Müdle etwas besseres schwätzt, gelt Schatz?" „I bin Dein Schatz nit!" ruft sie verächtlich. Freilich nit," lacht er, „aber werden kannst's! Und schau, wahr Dich auch, daß i mein' Kopf nit darauf verwett' — auf Di nit und Dein Schwaderergut." Dörtle zuckt hochmüthig die Achseln. „Spreiz Di nit so, Aigle's Peter, hast viel Platz um Di — zu sowas, was Du meinen thust, da gehören allemal zwei!" „Guck auch, Mädele," fällt er ein, Recht hast' und schaun will i danach, daß die Zwei übereiukommen," „Müh' Di nit zu arg, Peter Aigle!" sagt sie schnippisch. „Ei," meint er, „leicht wirst s'nit gerad machen, und Recht hast, denn eine Saubere bist und aufbegehren kannst auch! Und weißt, bin der Babett nachgaugen, wie i aber am Sonntag Di gesehen Hab' —" Sie drängt vorüber, aber er streckt den Arm aus, und will sie seine Berührung meiden, so muß sie ihn anhören. „Weißt Dörtle, 's war ein arger Spaß, der Tanzelesjud —" „Schweig," ruft sie hastig, „sag's nimmer laut und rühm' Di, was Du gethan hast, verstochen hast ihn —" Er wirst den Kopf zurück, „Ist das auch was? Ein Bisle 's Messer zwischen die Rippen, heut gilt's dem und morgen mag's mi treffen. Und solch' Einer erst!" Dörtle richtet sich auf, er sieht im Dämmerlicht, wie ihre Augen blitzen. „Machst etwa ein Unterschied zwischen den Menschen?" fragte sie. „Ei, freilich wohl! Ein Jud! Da bin i vorgestern erst in Leonberg gewesen, da Hab' i Einen getroffen, der ist ein Schneider aus Berlin gewesen. Da hättest Du hören sollen, was der gewußt hat! Ah, da sind sie drauf, daß es eine Lust ist. Und wie i mi mit dem Stich berühmt Hab', hat er meine Schulter gepackt und mi geschüttelt und gesagt, solche Leute thäten's just brauchen zu dem großen Krieg. Heuschrecken sein's, die müßten vertilgt werden." „Berühm Di nit, Peter!" sagt Dörtle traurig, „'s ist nit darnach — und wenn i's weiß, i red schon nit darüber, derhalben magst beruhigt sein." Daun ist sie au ihm vorbei und im Hofthor verschwunden, eh er nachgekonnt hat. Verdutzt hört er die Pforte zusallen. „Das ist ein sonderbare Dirn," murmelt er, „aber eben darum thut sie mir gefallen, und müßt ja mit dem Kuckuck zugehen, wen» i den Christophle nit ausstechen thät." Er beginnt ein Schelmenliedle zu pfeifen und geht langsam weiter. Drinnen im Hof steht Dörtle an die Mauer gelehnt; sie ist nicht herzhaft genug, jetzt gleich der Mutter unter die strenge» Augen zu kommen. Sie niöchte weinen, so weh ist's ihr um's Herz und so wüst im Kopf. Sie kennt sich selber gar nicht mehr — wer ihr das nur auf die Zunge gelegt hat, daß sie den Peter hat fragen müssen, ob er einen Unterschied zwischen den Menschen macht? Vom Doktor hat sie's nicht, auch nicht aus der Kirche — da in ihrer Brust klopft es so heftig — dann muß es doch wohl aus ihrem eigenen Herzen sein. Wie sie hernach endlich in das Haus tritt, ist viel Lichtschein auf der Viehbühne und Stimmen tönen durcheinander, und wie sie langsam näher kommt, sieht sie die Mutter, den Bauer, den alten Nanz und das Hirtenköchle neben einander stehen und auf Bräunte blicken, die am Boden liegt. „Hin ist hin!" jagt Gabriel, der bei der Gelegenheit doch zeigen muß, daß er einen Verlust verschmerzen kann, „'s kommt eine neue dafür!" (Fortsetzung folgt.) )

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