Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1893)
- Date
- 1893-05-26
- Page
- Seite 250 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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250 unterwerfen, beweist der letzte Satz (V. 17). „Soll er (der Chaldäer) denn ewig sein Netz leeren, immer Böller schonungslos morden?" Auch das dritte Kapitel des Habakuk, das zur Ueberschrift hat: Gebet des Habakuk auf Schigjonot, gehört zum Nnssa. Es hat mit dein Gebete nichts gemein, als höchstens den zweiten Vers und die Schlußworte, in denen sich die volle Zuversicht des Propheten auf Gott ausdrückt. „Ich jauchze dem Ewigen, singe dem Gotte meines Heils." Aber auch diese Schlußworte sind nur verständlich nach einem erlebten Siege über die Feinde, die übermächtig waren und nur durch besondere Hilfe Gottes besiegt wurden. In der That legt uns der Inhalt dieses Gedichtes, so muß man es nennen, das mit wunderbarer Kraft und herrlichem Schwünge geschrieben ist, nichts Anderes als den Untergang eines Feindes dar, über den Gottes Zorn entbrannt ist. Der Feind bleibt ungenannt. Genannt werden nur die Zelte Kuschans, die Teppiche des Landes Midjan. Diese Bezeichnung ist zu unbestimmt, um mit Gewißheit auf dieses oder jenes Volk Hinweisen zu können. Soviel ist gewiß, es haben sich Fürsten und Völker zusammengethan, »in Israel zu vernichten; dieses aber wird durch die Hilfe Gottes gerettet. „Sie stürmen heran, mich zu vernichten, den Armen im Verborgenen zu verzehren" (V. 11). „Du aber warst ausgezogen zur Hilfe deinem Volke, zur Hilfe deinem Gesandten"; durch Pest u»d Seuche wird der Feind dahin gerafft. Um ihn zu zerschmettern erscheint Gott in seiner Herrlichkeit. Er tritt auf und die Erde erbebt, er blickt hin lind die Völker erzittern, die ewigen Berge zersplittern, es versinken die Hügel der Urwelt. (V. 6). Wir haben auch hier ein richtiges Massa: Untergang feindlicher Völkerschaften — Erhebung Israels. FEUILLETON Hagar. Eine schwäbische Dorfgeschichte von E. Be ly. (Fortsetzung.) VI. „Eh müßt auch all das Wasser in der Glems rückwärts laufen und die Speyrer und die Constanzer Kirch ihre Plätze miteinander wechseln thuu, eh Einer, der auf den Namen Schwaderer getauft worden ist, sein' Sinn ändern thät," hörtDörtle am folgenden Abend den Vater sagen. Alis dem Hofe ist's unter der großen Eiche, >vo Gabriel mit deur alten Nanz steht, und noch ein Dritter hat sich dazu gesellt, „das Hirtenköchle", dem man Geschlechts- und Berufsnamen gleich ineinander gefügt hat, des besseren Mundgerechtseins halber. „Und ein Brei, soll rechter Haferbrei, der thät Alles gut machen, der wärmt," behauptet Nanz. „Mein Kräutle, mir ist noch nix über mein Kräutle gegangen," rust der Hirt mit seiner kläglichen Stimine. „'s ist Alles unterschiedlich, die Menschen am meisten," füllt der Schwaderer wieder ein. „I laß mi nit von mein'm Hausmittel abbringen, bei Vollmond muß es gegeben werden, eh nit." „Bis dann ist Euch's Thierle hin!" klagt das Hirtenköchle. „Nun, so ist's eben hin!" ruft Gabriel; „sag's ja, was ein echter Schwaderer ist, der läßt nit von sein'm Sinn." Dörtle lauscht nicht weiter, sie schlüpft an der Mauer hin, um die Pforte zu gewinnen. Hinaus will sie — und hinauf über die Holzstiege drüben und nach dem Kranken schaun. Und da ist ihr des Vaters Wort gerade recht ins Ohr geklungen — so will sie's auch halten: auf was sie den Sinn setzt, das soll sein. Vor der Thür hat der Hirt seinen Hund angebunden, damit er auf dem Schwadererzut nicht wüst zwischen den Hühnern und Gänse» thut, und so macht er denn draußen ein wildes Gekläff und führ!, so weit es die Kette zuläßt, auf einen barfüßigen Buben los, ihm den Eingang zu wehren. Der hält einen irdenen Topf hoch im Ar», und hat um den mehr Angst, als um seine Beine. Wie er aber jetzt das Dörtle sieht, schreit er lauter heraus, damit sie um so leichter geneigt ist, ihm zn helfen. „Um den Hund heulst und zur Schwaderin willst, gelt?" fragt das Mädel. „Ein' Suppen hat sie mir versprochen," sagt der Bub und hüll seinen Topf hoch, „ein' Suppen für mein' Großmutter." „Der Luisle bist, gelt?" spricht Dörtle — läßt den Buben nicht antworten; „weiß schon, dem Lumpenschueider seiner —" „Nit, nit," schüttelt er den Kopf, „derweil i mein' Vater int kenn', derweil heißt mau mi den Bankert!" „So, der bist," sagt Dörtle, und das kommt noch viel verächtlicher über die rothen Lippen, „da spring nur." — Sie zieht da, Hund mit fester Hand an sich, daß der Eingang frei ist. Aber da braune Luisle steht noch immer und schaut sie an. „Was läufst nit?" herrscht sie. Da lacht er über sein ganzes Gesicht. „Nein könnt i wohl, aber wenn's Jungferle fort ist, da kan» i nit naus!" „Schau, was Du gescheidt bist," spricht das Mädchen. „Sott wohl nit anders sein, daß i warten thu! Geh, laß Deinen Hafen füllen! Der Bub ist wie vom Wind fortgeweht und Dörtle hält de» Hund noch immer fest. Der zerrt an der Kette und zeigt ihr d» heiße rothe Zunge. „Hilft nix, Schnauzer," spricht sie, „ist ein armes Teufele, da Bub, den beißt einmal nit!" Und dann schaut sie Straß auf und ab, ob auch nicht gerade Jemand daher kommt und sic sieht, wie sie da um den Buben steht. Das verachtetste Kind im ganzen Dock ist der Bankert, Luisle, seinen Vater hat Keiner gekannt und {cii» Mutter ist elend dahergeseffeu, bis sie gestorben ist. Einmal hat nc die Schwaderin sagen hören, daß die gar sauber gewesen wür, eh m in Unehr gekommen ist. Und der Bub da! Sie wischt über ihre Haare und spricht halblaut: „'s kann auch nix dafür, daß es aut der Welt ist — eben so wenig, wie die Judenleut." Sie wirft den Kopf mit den schweren Zöpfen in den Nacken; >»- ist doch gar gut, daß der liebe Gott sie an einen so rechten Platz gcth»u hat. Sie möcht's wahrlich nicht anders haben auf der Welt, wie just io. Da springt der Luisle schon wieder heraus, sein Gesicht glmn!, er hält den gefüllten Topf und noch ein Laib Brod dazu — ja, wen» die Schwaderin giebt, so ist's reichlich. Seinen Dank an das Dörtle vergißt er, wer hätt's ihn auh lehren sollen, und sie huscht nun selber über die Straße. Oben aber steht sie wieder furchtsam still — was will sie denn? Wie sie in Lea's Gesicht schaut, stammelt sie: „Sag auch nur, daß es besser geht!" „Freilich wohl, ein bisle!" ist die Antwort. „Und nimmer »' grausig (ingeben thut die Mutter." Das ist dem Mädchen, als nimmt ihm Jemand den schwerste» Stein von all denen, die auf seinem Herzen liegen, und cs wagt jidi weiter durch das Zimmer und an das Krankenbett hin, wo die alle Sarah sitzt und unaufhörlich die Hand des Kranken streichelt und sagt und fragt: „Baruchleben, gelt, jetzt schmerzt's nimmer! Baruch, schau auf, Du sollst gesegnet sein und größer, wie Alle, die Deine Feinde sind, schau, so steht's im Buch."