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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-05-26 · Heft 21 (26.5.1893) · p. Seite 248

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 21 (26.5.1893)
Date
1893-05-26
Page
Seite 248 (sequence 8)
Language
German
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248 diese Tugenden in gleich hohem Maße wie die Juden in Ungarn zieren. Und doch schaffen diese hier bei uns nicht dasselbe, waS jene dort. Dort beseelt noch alle Schichten des ungarischen Israel jener hohe Optimismus, den das jüdisch-religiöse Bewußtsein den Angehörigen des jüdischen Stammes non jeher cingeflößt. Dieser Optimismus ist es, der Jene auf der Bahn des konfessionellen und bürgerlichen Fortschritts unaufhaltsam vorwärts treibt; er ist jenes Ingredienz der jüdischen Psyche, das alle Pulse in lebendigster Regsamkeit erhält, vor jeder Verzagtheit und Stockung bewahrt. Wir brauchen auch aus falscher Scheu vor den böswilligen, unwissenden Schmähern des Talmuds nicht mit der Meinung zurückzuhalten, daß gerade dem Talmud mit seiner gewissensreinen, edlen Moral, mit seinem gesunden Lebcnstakt, mit seinen menschlich-gesellschaftlichen Idealen, »nt seinein aus der Bibel geschöpften und praktisch auf den Lauf der Menschheitsgeschichte angewandten Vertrauen auf die derciirstige ausgcbrcitete Herrschaft des Guten und Rechten, daß gerade dem Talmud, der, toährend er hier bei uns hinter die Mauern der Rabbinerscminare zurückgedrängt ist, dort noch in breiten Schichten warme Pflege findet, ein bedeutender Antheil an jmenr jüdisch-religiösen Optimismus zuzuschreiben ist. Wegen der großen Mannigfaltigkeit seines Inhalts ist ja der Talmud schwer zu definiren, aber er ist das geistige Kaleidoskop des Judenthums, durch welches diesem das Leben mit seinen Leiden und Freuden, die Welt mit ihren unlösbaren Räthseln, die Wege rmd Züge der Geschichte der Menschheit mit ihren schneidenden Gegensätzen im Lichte der religiösen Verklärung zu höherer Einheit zusammengefaßt erscheint. Bei uns hier ist das jüdisch-religiöse Bewußtsein herabgestimmt. Nur in seltenen Fällen gewährt das Haus der jünger» Generation Gelegenheit zu religiöser Erziehung und Unterweisung, die Schule bietet dem jüdischen Religionsunterricht einen zu geringen Raum, in Folge dessen nimmt die Unwissenheit in der Religion und Geschichte des Jndcnthums überhand. Während dort noch der Erwerb gründlicher religiöser Kenntnisse in sehr weiten Kreisen als eine allgemeine jüdische Pflicht angesehen wird, der sich jeder Jude unterziehen soll, hält man hier die „Religionsbeflissenheit" als Studium für ein Privilegium der Berufstheologen, denen die Leute, wenn sie einmal darauf zu reden kommen, es von Herzen gönnen, mit dem Nebengedanken der geringen Werthschätzung für einen Stand, der so „Unfruchtbares" und „wenig Einträgliches" hegt, das doch „weiter keine Chancen bietet". Ein solcher Pessimismus kann freilich dem Andringen der Feindseligkeit von Außen nicht Stand halten. Dieser Pessimismus entwickelt sich mit der Zeit zur religiösen Apathie, und diese vermag wahrlich nicht mit jener „hellen Begeisterung", mit jenem hoch gemuthetcn jüdisch-religiösen Bewußtsein auf dein Kampfplatz zu erscheinen, um sich selbst von dem Gegner Achtung und Anerkennung zu erzwingen. Aus diesem Pessimismus heraus ist es zu erklären, daß dem Gemeindebund, der seinen Sitz in Berlin hat und vielfach die Initiative zu gedeihlichen Schöpfungen ergriffen hat, sowie auch alle Zeit bereit ist, jüdisch-religiöse Interessen zu fördern, von den vielen Hunderten Gemeinden nur ein Bruchtheil augehört. Dem Pessimismus ist es ferner zuzuschreiben, daß Hunderte kleinerer Gemeinden ohne Religionsunterricht rnid mehrfach ohne gemeinsamen Gottesdienst vegetiren. Das religiöse Stndirim müßte bei uns wieder belebt werden, und das würde jene Energie, jene Helle Begeisterung und Einmüthigkeit Hervorrufen, welche eine Folge der jüdischen Selbstachtung und des jüdischen Selbstbewußtseius ist. * Das Massa der Propheten. Eine exegetische Studie von Rabbiner Dr. Stier. II. Bekanntlich haben nicht nur die Psalnien, sondern auch die meisten der prophetischen Reden ihre Ueberschriftcn. Auch hier begegnen wir demselben Vorgang, wenn auch nicht so häufig, wie in den Psalmen. Manche Prophetieen haben Ueberschriftcn, die dem Propheten, dessen Namen sie tragen, abgesprochen werden. Freilich geht die Kritik hier nicht selten zn weit. Da, wo mehrere zusammenhängende Reden eines Propheten vorliegen, wird der Name desselben in der Ueberschrift nur wenig genannt. Diese sind zumeist kurz. So: „Es erging das Wort des Ewigen an" . . . „So spricht der Ewige" . . . „So ließ mich Gott, der Ewige sehen" u. s. w. Bei Weissagungen an fremde Völker gerichtet, ebenfalls sehr kurz in Jercmia. So: Au Aegypten . . . An Moab. Bei Ezechiel steht das bei ihm oft wiederkehrende „Menschcnjohn": Wende dich gegen die Söhne Ammons, gegen Sidon, gegen de» Pharao, König von Aegypten; zwei Mal: Erhebe das Klagelied gegen Tyrus. Nur wenige prophetische Reden haben die cigeuthüinliche llcberschrift „Massa“. Es sind deren im Ganzen fünfzehn. Hiervon werden die meisten (elf) Jesaia zugeschrieben. Die anderen vier den vier Propheten Nahum, Habakuk, Zacharja, Malcachi. Wir wollen es nicht weiter untersuchen, wie diese Ueberschristen entstanden; ob sie von dem Verfasser selbst oder von fremder Hand herrühren. Es würde uns auch zn weit führen, zu prüfen, ob jene Prophezeiungen den Propheten gehöre», denen sie zugeschrieben werden. Unsere Aufgabe soll es blos sein, zu erklären, was das Massa bedeutet, und zwar weniger nach seiner ethymologischen, als nach der begrifflichen Seite. Dieses dürfte uns nur besten gelingen, wenn tvir die prophetischen Reden, die diesen Titel führen, ihrem Inhalte wie ihrer Tendenz nach ins Auge fassen. Es wird sich da zeigen, daß diese eigenartige Ucberschrift mit Vorbedacht gewählt ist, wie sie Zeugniß ablcgen wird von der hohen Gesinnung und edlen Denkungsart unserer Propheten. Was bedeutet nun „Massa“? Die Ethymologie des Wortes ist leicht zu finden, hilft uns aber wenig. Wir wissen, daß es von xtw stammt, xtM heißt: heben, tragen, bringen; in weiterer Ableitung: sich im Geiste erheben, groß, stolz und übermüthig sein. So: Zu dir, Gott, erhebe ich die Seele. (Psalm 25.) Das Herz erheben (Exodus 55, 50). Folgerichtig bedeutet es dann, sich zur Klage, zum Gebete, zur Gleichnißrede erheben. Ueber euch erhebe ich die Klage (Amos 5, 1); zum Gebet erhebe» (II. Könige 19); das Gleichniß erheben (Jesaia 14). Die Grundbedeutung auf das Sprachorgan übertragen, würde sein: die Stimme hoch heben, laut sprechen. Aus diesem Verbum ist das Nomen: Massa gebildet. Es würde heißen: das Gehobene oder Getragene, also „Last". Dieses auf das mcnschliche Sprachorgan angewendet, würde demgemäß zu übersetzen sein: Hochspruch oder getragene Redeweise. Man sollte mm meinen, daß dieses Wort im Munde eines Propheten kaum etwas Anderes bedeuten könne und daß es kaum einen Uebcrsetzer geben wird, der es anders deuten oder übersetzen tvürdc. Aber weit gefehlt! Das Einfachste und Naheliegendste gefüllt nicht immer, oder die Uebcrsetzer sehen sich aus inneren Gründen veranlaßt, das Wort anders zu deuten und zu übersetzen. Unsere hervorragendsten Uebcrsetzer haben das Wort auch verschieden aufgefaßt und übersetzt. Das Targum zu den Propheten hat eine zweifache Uebersetzung. *?t2!2 und Das erste ist das Nomen des Verbums

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