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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-05-26 · Heft 21 (26.5.1893) · p. Seite 246

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 21 (26.5.1893)
Date
1893-05-26
Page
Seite 246 (sequence 6)
Language
German
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246 jenen „gemäßigten Antisemitismus", der zwar nicht die Juden tttit Stumpf und Stiel ausrotten will, ihnen aber wieder jene recht- und ehrlose Stellung anweisen möchte, die sie vor der Emanzipation einnahmen. Damit haben diese Herren ihrer Sache nicht genützt und nur den Pfad für den „demagogischen Antisemitismus" geebnet, dessen rohe Schlagworte den Massen verständlicher sind. An die schlimmen Instinkte Haß, Neid und Argwohn appellirt man ja leider nur selten vergebens! Die entschiedenen Antisemiten brechen mit Vorliebe in die bisher von antisemitischen Konservativen vertretenen sächsischen Wahlkreise ein und meiden die von anderen Parteien beeinflußten Gebiete, wo ihnen der Boden zu heiß ist. Vielleicht beweist schon der Ansfall der nächsten Reichstagswahl, daß es den sächsischen Konservativen mehr Vortheil gebracht haben würde, wenn sie ihrer früheren Haltung treu geblieben wären. Die rasche Zunahme des Antisemitismus in Sachsen ist auch auf Gründe sozialer Natur zurückzuführen. So lange das jüdische Element in diesem Staat ganz schwach und kraftlos war, konnte es keinen Anstoß erregen. Das schüchterne, demüthige Wesen der wenigen in Dresden und Leipzig geduldeten Juden schaffte ihnen sogar nianchen großmüthigen Gönner. Von dieser Handvoll Menschen war auch nach der rechtlichen Gleichstellung keine fühlbare Konkurrenz auf geistigem oder gewerblichem Gebiete zu befürchten. Das änderte sich, als Gewerbefreiheit und Freizügigkeit in Sachsen Geltung erhielten. Die Zahl der in Dresden lebenden Juden, welche noch im Jahre 1868 nur 868 betrug, wuchs bis Ende 1890 auf 2595 an; die der gesam inten in Sachsen befindlichen Juden bezifferte sich bei dieser Volkszählung auf 9368. Diese Zunahme, durch welche die jüdische Bevölkerung Sachsens noch immer nicht ganz auf V360 der Gesammtbevölkerung gestiegen ist, würde weniger beachtet worden sein, wenn dieser Zuzug aus Preußen nicht die seit 1866 kaum vernarbten Wunden der sächsischen Partikularisten berührt hätte. Die meisten von den Juden, welche sich außerhalb Dresdens und Leipzig ansiedelten, galten als „Preußen". Einzelne derselben waren wohl auch geschäftliche Schiffbrüchige, welche, in eine für sie wenig gastfreundliche Gegend verschlagen, die Eigenthümlichkeiten ihrer neuen Heimath zu wenig berücksichtigten. Das Vorurtheil machte sich aber auch gegen die geistig höher stehenden und die wohlhabenden Juden geltend, welche später aus den Nachbarländern nach Sachsen zogen und diesem Lande, besonders in industrieller Beziehung, nur Vortheil brachten. Einzelne dieser Einwanderer haben durch ihre Kapitalkraft, ihren Unternehmungsgeist, ihre kluge Befolgung des Grundsatzes „Leben und leben lassen" die Arbeitsgelegenheit in Sachsen gemehrt, die Baulust gefördert, den Grundwerth und die Steuerkraft erhöht. Daß ihnen kein Zug jenes stillen, demüthigen Wesens der früheren sächsischen Juden anhaftete, empfand besonders ein Theil der Beamtenwelt als Beleidigung. Daß einzelne jüdische Industrielle sich von den durch Fleiß und Intelligenz erworbene» Glücksgütern Lebensgenüsse verschafften, welche sich selbst gutgestellte Beamte mit Rücksicht auf allerhand durch Standesrücksichten gebotene große Ausgaben versagen müssen, erregte selbst in den sogenannten „besseren" Kreisen Mißbehagen. Dieses Gefühl gab sich nicht immer in zarter Weise kund und zeigte, daß man nicht gesonnen sei, der rechtlichen Gleichstellung auch die gesellschaftliche folgen zu lassen. Reiche wie arme, gebildete wie ungebildete Juden empfinden es heute, daß man ihnen die Errungenschaften einer menschenfreundlich gesinnten Zeit mißgönnt und daß man dieselben sehr gern rückgängig machen möchte. Daß sie sich für diejenigen Parteien, welche offen solche rückschrittliche Gelüste kund geben, nicht begeistern können, ist ihnen wahrlich nicht zu verübeln. Das Judenthum an sich hat mit der Politik gar nichts zu schaffen; es lehrt nur Achtung vor Obrigkeit und Gesetz. Es würde Juden in allen politischen Parteien geben, wenn einzelne derselben ihnen die Zugehörigkeit nicht unmöglich machten. Jeder Versuch, die Juden rechtlos zu machen, wird nur dazu dienen, ihnen die Sympathien Derjenigen zu erwerben, die ihre eigene Stellung für eine gedrückt, halten. Alle diese Verhältnisse kamen der antisemitischen Bewegung in Sachsen zu statten; ihre jetzige Schärfe erhält sie aber doch erst durch die „Geschäftsantisemiten", welche ein persönliches Interest, daran haben, daß sich die alten Wunden nicht schließen. Eine lang- Friedenszeit und der Mangel großer weltgeschichtlicher Ereignisse flöß! jetzt vielen Deutschen eine Art von politischer Langeweile ein, welche den sensationslüsternen Kannegießern das Anhören der berufsmäßigen Wanderredner und das Lesen von groben Hetzschriften förmlich al Erquickung erscheinen läßt. Die Unzufriedenheit mit der wirthschaft licheu Lage lenkt sich ohnehin stets leicht gegen die Juden, deren durch Mäßigkeit und Familiensinn günstige geschäftliche Erfolge meistens überschätzt werden. Einen „Prügeljungen" will die öffentliche Meinung immer haben! Dazu die Juden zu machen, ist die Lieblingsbeschäftigung jener gesinnungslosen Presse, welche jeder Strömung folgt, von der sie eine Vermehrung ihrer Volksthümlich keit erwartet. Die Folgen dieses Unwesens sind unabsehbar. Dir Versuche der sächsischen Regierungspresse, diesem Treiben entgegen zutreten, blieben bisher wirkungslos, weil die Masten nicht recht au den Ernst der Mittheilungen glauben. Sie haben Angehörige der vornehmsten Kreise die ärgsten Hetzreden anhören sehen; sie nehmen wahr, daß die „unabhängige" Presse im Vertrauen auf ihren großen Leserkreis nicht nur jede antisemitische Verleumdung ungestraft ver breitet, nicht nur häufig spitze Pfeile nach sonst für unantastbar erachteten Höhen entsendet, sondern auch der eigenen Regierung gegen über Aeußerungen fallen läßt, welche von Urtheilslosen als Zeichen besonderen Muthes bejubelt oder eines mächtigen Einflußes ange staunt werden. Die Annahme, daß die maßgebenden Kreise in Sachsen den Einfluß dieser Zeitungsstimmen nicht besonders hock anschlagen, wird durch nichts begründet. In einer Zeit, in welcher ein frisches politisches Leben herrscht, in welcher man sich an selbst ständiges Denken auf allen Gebieten gewöhnt, wären Blätter ungefährlich, welche ihre Ansichten über Sachen und Personen wie Hand schuhe wechseln und sich ihrem Lesepublikum gegenüber bei solchen fast komischen Inkonsequenzen mit blendenden Phrasen hinweghelfen. Ob der Mehrheit des sächsischen Volkes auf die Dauer durch dies geistige Nahrung nicht ernste Nachtheile zugefügt werden, darüber dürften von wahren Volksfreunden ernste Bedenken gehegt werde» Wie hierbei Abhilfe zu schaffen ist, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Die in Sachsen lebenden 10,000 Juden vermögen wenig gegen eine Strömung, die man nicht rechtzeitig eingedämnn hat, welche außerdem nicht für die Juden allein, sondern allen Besitzenden verhängnißvoll zu werden droht. Ob der Antisemitismus in Sachsen bereits die Höhe erreicht hat, wo seine ganze Gefahr sick in ihrer vollen Tragweite kundgiebt, steht noch nicht fest; allein Anschein »ach wird diese Bewegung nicht still stehen, bis sie dies, Höhe erreicht hat. Die sächsischen Juden können nichts weiter thun, als sich i» Handel und Wandel der größten Rechtschaffenheit zu befleißigen und müssen Alles vermeiden, was dem Vorurtheil neue Nahrung zuführen könnte. In der Schächtfrage, in welcher das vereinzelte Vorgehen Sachsens von den Antisemiten als eine große Errungenschaft gepriesen wird, dürfte das letzte Wort noch nicht gesprochen sein. Wie weit hierbei und bei Krrltusfragen ein einmüthiges Verhalten der jüdischen Religionsgemeinden in Sachsen erwünscht gewesen wäre, mag dahin gestellt bleiben. Geschehenes läßt sich nicht ungeschehen

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