Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1893)
- Date
- 1893-05-26
- Page
- Seite 244 (sequence 4)
- Language
- German
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244 kann man Eigenheiten in ihrer geistigen und gemüthliche» Regsamkeit erkennen. In Scharfsinn, Witz, den Formen, in denen ihre gestaltende Kraft sich äußert, welche wir geneigt sind, als jüdische zu bezeichnen, vollends in ihrer Erwerbsthätigkeit sind die Nachwehen alter, arger Zeit nicht völlig überwunden. Noch giebt es deutsche Landschaften, wo die Gewohnheiten des Geldwuchers der Landbevölkerung zum Unheil gereichen und wo zu wenig für Herbeiführung besserer Kreditverhältnisse geschehen ist. Aber Alles, was von Besonderheit, von Schwächen und Schäden ans alter, arger Zeit an vielen Einzelnen hängt, das darf die beglückende Ueberzengung nicht beirren, wie unermeßlich viel von den alten Leiden überwunden wurde, und wir durften hoffen, daß in wenigen Generationen sich ohne große Störungen die völlige Einverleibung in unser Volksthum vollziehen würde, nicht nur in Amt und Beruf, auch in den Herzen und Familien. Jetzt erscheint Vielen diese Hoffnung unsicher. Fast Plötzlich ist der Gegensatz zwischen jüdischer und deutscher Art zum Kampfgeschrci rmd zum Stichworte politischer Aufregung geworden. Zuerst war es die patriotische Beschwerde eines eifrigen hochsinnigen Mannes j von reinem Wollen, dann wurde es Gegenstand gelehrter Auseins andersetzung, darauf bemächtigten sich eifrige Priester des Themas, endlich sank es herab in den Dunstkreis zorniger und unzufriedener Agitatoren. Das Getöse ist so heftig, daß auch verständige Männer sorgenvoll fragen, was daraus werden solle. Es giebt darauf nur! eine runde Antwort: Nichts wird daraus. Für den Eifer und Haß der Feindseligen durchaus nichts. Auch dein tüchtigsten Volke bleiben Erkrankungen des Gemüthes nicht erspart, welche, Fiebern rmd Phantasien vergleichbar, das Urtheil verstören, leidenschaftlichen Haß aufregen. Solche Krankheiten haben in der Regel einen akuten Verlauf, aber die Nachwirkungen werden nur wenig überwunden. Die antisemitischen Schreier und Ankläger dieser Tage gleichen in vielen Einzelheiten den unholden Gesellen, welche in England zur Zeit Karls II. die Menge bis nahe an den Wahnsinn brachten, Richter und Geschworene in Angst um das eigene Leben versetzten. Damals wurden nicht die Juden, sondern die Katholiken als Feinde der Nation verklagt und durch falsche Zeugen auf das Schasfot gebracht. Die beschränkten und die argen Gesellen, welche jetzt die Wege der englischen Angeber, der Titus Oates und Dangerfield, wandeln, werden in Verachtung vergehe» wie diese. Niemand aber fühlt das Leidige dieses Streites mit so heißem Schmerze als der redliche Jude selbst. Er hat seither friedlich mit dem christlichem Nachbar verkehrt, als Genosse in der Politik, als Freund im geschäftlichen Verkehr rmd im Hause, als Vertreter, vielleicht als Lehrer in wissenschaftlicher Forschung. Er hat in Gesellschaft mit ihm getrunken und gelacht, tvar geehrter Brautzeuge, wenn sein christlicher Freund die Tochter vermählte, und hat trauernd seine» Kranz auf den Sarg des Christen gelegt, hat seine Söhne für das Vaterland in den Kampf geschickt und hat «ich als guter Deutscher gefühlt in Liebe und Abneigung. Jetzt sieht er entsetzt, daß ein Abgrund geöffnet ist zwischen ihm und seinen christlichen Freunden, und daß immer noch das alte grausige Schicksal der Vorfahren über seinem Leben und der Zukunft seiner Kinder hangt. Immer hat er in der Stille, ach wie tief, die Schwächen rmd das geschäftliche Gebahren zurückgebliebener Glaubensgenossen empfunden und das Lächerliche ihrer Anmaßung verurtheilt, wenn sie! ein unsicheres Selbstgefühl ungeschickt geltend zrr machen suchte». Wenn jetzt die Glockeir das hohe Christenfest einläuten zrun Gedächtniß der Boten, welche einst die milde Lehre von der Nächstenliebe in eine Welt voll Selbstsucht und Haß getragen haben, so dringt ihm der eherne Ton als Mißklang in das Ohr. Er hat für die Christen anfgehört, der Nächste zu sein. Möge er gläubig der hohen Gewalt, welche über ihm wie übe, uns waltet, vertrauen. Nicht thatenlos, denn auch er soll helfen daß besser werde, was in seinen Kreisen von starrem Hvchmnth n» verknöcherter Selbstgefälligkeit zu finden ist. Aber er soll derselbe:: heiligen Lehre von der Liebe vertrauen, welche schon vor fast zwei tausend Jahren den Samariter und Juden als Briider verkündete, die seitdem das Menschengeschlecht ans Völkermord und geistige: Knechtschaft höher und höher heraufhob. um das Dasein aller Staats genossen sicherer, tüchtiger und schöner zu gestalten. Diese Botschaß aus Judäa wird auch den Haß zwischen Konfessionen und Stamm bäumen so überwinden, daß unsere Nachkommen desselben dereins: lächelnd wie einer alten geschichtlichen Sage gedenken." U Warum blüht der Antisemitismus in Sachsen? Es ist eine eigenthümliche Erscheinung, daß die Wortführer de: antisemitischen Partei am heftigsten und erfolgreichsten arbeiten, w, die Juden nur ein verschwindend kleines 'Brnchtheil der Gesamml bcvölkerung bilden und schon aus diesem Grunde selten Anlaß zu Klagen gaben. Diese Wahrnehmung spricht weder für den Mnth de: antisemitischen Führer, »och für die Urtheilsfähigkeit Derer, welch ihren Anklagen Glauben schenken. Am auffallendsten tritt dies Thatsache im Königreich Sachsen hervor, wo bei der Volkszählung im Jahre 1890 bei einer Gesammtbevölkerung von etwa 3V» Millionen im Ganzen nur 9368 Inden ermittelt wurden, was auf 1000 säch fische Staatsangehörige noch nicht 3 Juden ergiebt. Im Berglei. mit den evangelisch-lutherischen Sachsen, welche 96,3 Prozent de Gesammtbevölkerung ansmachen, erscheint der Prozentsatz der sächsischen. Inden (0,27) gewiß sehr unbedeutend. Im ganzen deutschen Reich bilden die Juden Ihn, Prozent, in Oesterreich 4,34, in Ungarn 4,0« i in Rußland 3,2, in Polen 11, in Rumänien 7,41 Prozent der Ge | sammtbevölkerung. Wie für die dichte Bevölkerung des Königreich! Sachsen eine so kleine Anzahl Juden, die keineswegs mit große: Glücksgütern gesegnet ist, eine soziale Gefahr bedeuten soll, ist schwer verständlich. Das in Sachsen sich neuerdings so gehässig knndgebende Vm urtheil gegen die winzige Minorität der sächsischen Inden wirkt um j befremdlicher, als letztere weder durch übertriebenen Luxus noch dun ihr sonstiges Gebahren Anlaß zu Aergernissen gegeben Haben. Einzeln räudige Schafe giebt es am Ende überall; jedenfalls steht aber di Mehrheit der Sachsen jüdischen Bekenntnisses in Bezug auf Geiste- und Herzensbildung hinter den Mitgliedern anderer jüdischen Religiongemeinden in Deutschland in keiner Weise zurück. Die Zahl der vor Juden begangenen Gesetzesverletzungen ist in Sachsen eine äußern geringe. Von antisemitischer Seite glaubte man die jüdische Krimi nalitätsziffer durch das Kimststück erhöhen zu müssen, daß man bn Feststellung des Antheils der Konfessionen die körperlichen Delikte und Eigenthumsvergehen ausschied und diejenigen Verbrechen, welche de sonders mit dem Geschüftsleben in Verbindung stehen, in Betracht zog Manches, was anderwärts den Jude» nicht ohne Grund zum Vorwurf gemacht wird, ist in Sachsen gar nicht, oder nur in gain geringem Maße vorhanden. Der Wucher auf dem Lande, welcher in Folge der vorhandenen zahlreichen segensreichen landwirthschaftlicheu Kreditinstitute in Sachsen überhaupt nur selten vorkommt, konnte sächsischen Juden (von denen 8043 in Dresden, Leipzig, Chemnitz,