Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1893)
- Date
- 1893-05-26
- Page
- Seite 243 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Diesen Centralverein m o r a l i sch und materiell zu unterstützen, wird die Pflicht eines Jeden sein, der sich durch seine Zugehörigkeit zu der Gemeinschaft der Inden bedrängt und gekränkt fühlt von jener schmachvollen Bewegung, die seit „nahezu zwei Jahrzehnten unser Vaterland beunruhigt". Es kann nimmermehr die Aufgabe dieses Zusammenschlusses sein, politische Wahlparolen anszugeben, eine in ihren Anschauungen so vielfach gespaltene Gemeinschaft zur Wahl von Männern einer Partei aufzufordcrn. Nicht Positiv ist, was uns einigt, nicht das Eintreten für diese oder jene politische Anschauung, sondern Negativ: es ist die Bekämpfung einer ganz bestimmt gekennzeichneten Richtung. Wenn heute Jemand für alle Juden das Losungswort ausgiebt: Stimmet für Vertreter der Militärvorlage, damit man Euch nicht für Feinde der Regierung halte, so ist das ebenso unberechtigt, lvie wenn Jemand grundsätzlich das Gegentheil predigen wollte. Nicht für oder gegen die Militärvorlage können wir als eine Gesammtheit stimmen. Jeder von uns wird den Mann in die Vertretung des Reiches schicken, der seinen ernsten politischen Ueberzengungen entspricht. Wir werden uns nur von reinen Erwägungen leiten lassen, nicht von Nützlichkeitsfragen. Wir werden uns nicht tragen, was nützt uns, was schadet uns: der ist kein treuer Bürger, der nicht nach reiflicher Prüfung dem seine Stimme giebt, der seiner politischen Anschauung am nächsten steht, der das im Reichstage verlritt, was nach seiner Meinung das Heilsamste für das Reich ist. Aber das Wohl der Gesammtheit, wie die Selbsterhaltung gebietet uns Juden, geschlossen aufzutreten gegen Jeden, der sich den Unehrennamen eines Antisemiten giebt. Man spricht von unserem Einfluß und unserer Macht; wir wissen am besten, wie eitel diese Phrasen sind: noch nicht einmal versucht haben wir es, unsere Macht zu erproben. Der Augenblick aber ist gekommen. Unsere Gegner werden nach wie vor die Phrasen von unserer Macht im Munde führen. Ist es da besser, daß wir zerklüftet und uneinig sind? Wäre es nicht heilsamer für uns. die Phrase wäre eine Wahrheit? Damit wir wirklich die Summe an Kräften, die uns eigen sind, sie sei groß oder klein, nützen, ist es nöthig, daß sich eine immer größere Zahl von Mitgliedern um den Eentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens schaare, daß man ihn mit Geldmitteln stärkt, und daß einflußreiche Männer in ganz Deutschland ihm ihre persönliche Mitwirkung leihen. Der bescheidene Mann, der im schweren Lebenskampf um seinen geringen Erwerb ringt, weiß nicht, wo er in dieser erregten Zeit Stellung zu nehmen hat. Wir müssen ihn leiten. Wir müssen ihm täglich und stündlich klar machen, daß er selbst unter Opfern seine Pflicht als Staatsbürger zu erfüllen hat. Seine Pflicht aber ist eine zwiefache: Erstens hat er unbeeinflußt, ganz nach seiner politischen Ueberzeugung dem Manne seine Stimme zu geben, der seiner Auffassung von den Mitteln zur Wohlfahrt des Reiches am nächsten steht, denn er ist vor allem Andern ein deutscher Bürger; zweitens aber hat er, wo es sich nur um die Wahl zwischen zwei Männern handelt, von denen der eine sich zum Antisemitismus bekennt, der andere zur Aufrechterhaltung der Verfassung, diesem unbedingt seine Stimme zu gebe»; denn die Selbsterhaltung ist ein heiliges Gebot, und Selbsterhaltung deckt sich in diesem Falle mit Treue gegen die Verfassung des deutschen Reiches. 9 Gustav Freytag über den Antisemitismus. Berlin, 24. Mai. Wie vor einigen Jahren, so hat auch diesmal zum Pfingstfeste Gustav Freytag eine Betrachtung über den Antisemitismus in der „Neuen Freien Presse" veröffentlicht, die bei der großen Gemeinde seiner Freunde und Verehrer sicher allgemeines Aufsehen erregen wird. Keiner kennt deutschen Geist und deutsches Wesen besser als Freytag; Keiner hat sie besser geschildert. Sein Wort ist darum besonders wichtig — hören wir, was er über die Bewegung gegen die Juden in Deutschland zu sagen hat: „Was jetzt mit aufgebauschtem Namen die „antisemitische Bewegung" genannt wird, ist in Wahrheit noch das alte Leiden, die Judenhetze, wie sie seit dem großen Mainzer Morde immer wieder aufgeregt wurde, nur in ihren Aeußerungen dnrch die Zeitbildung anders geformt. Jene früheren Verfolgungen hatten scharfen Verlauf, die Juden wurden beraubt und erschlagen oder zur Annahme des Christenthums gezwungen, die moderne Bewegung enthält sich, wie in unserer Zeit selbstverständlich ist, Raub und Mord zu empfehlen; dafür ist sie nach anderer Richtung weit grimmiger und unversöhnlicher, denn sie durchsucht bis in irgend welche Vorzeit hinein sogar die Stammbäunie der Christen und erklärt auch eine Bekehrung zum Christenthum und die Einordnung getaufter Juden in das christliche Familienleben als Unehre und als Makel für die Nachkommen aus solchen gemischten Ehen. Solche Auffassung hält sowohl den Mangel an deutscher Gesinnung als die Neigung zu wucherischen Geldgeschäften für eine untilgbare Eigenthümlichkeit jüdischer Herkunft, welche auch unter ganz veränderten Verhältnissen in den späteren, zum Christenthum bekehrten Generationen fortwirkt. Solch thörichte Annahme verdient keine Widerlegung. Der Germanen-Enkel, welcher dergleichen behauptet, erwägt nicht, daß er damit seinen eigenen Vorfahren die schwere Schuld zuschiebt, einen unauslöschlichen Charakterfehler in das jüdische Wesen hineingetragen zu haben. Es ist allbekannt, daß die Juden durch mehr als tausend Jahre zwar als Nachkommen der Feinde und Verfolger des Heilands gehaßt und geringgeschätzt, von Ehre und gemeinem Recht ausgeschlossen waren, auf der anderen Seite aber vor dem Untergang in der Maffe des Volkes durch eine merkwürdige geschäftliche Bevorzugung bewahrt blieben und in einer ganz ungeheuerlichen Stellrmg dahinlebten. Wie die Juden sich aber in ihrer unzerstörbaren Volkskraft seit 150 Jahren gehoben und Schritt um Schritt bei jeder Steigerung der Bildung und Humanität der deutschen Nation enger verbunden haben, das ist einer der schönsten Erfolge, welche unsere Geschichte zu verzeichnen hat. In dieser Zeit wurden sie allmählich Verbündete, Freunde, Mitarbeiter auf jedem Gebiete unseres realen und idealen Lebens. Nicht zu zählen sind die Namen der Juden, welche als Gelehrte und Künstler, als Denker und als große Geschäftsleute, als einfache Bürger durch patriotische Hingabe und inenschenfreundliche Thätigkeit zu rühmen sind. Und man darf behaupten, daß jeder Fortschritt, den unsere Gesetzgebung machte, bis ihnen der Vollbesitz bürgerlicher Rechte gesichert wurde, auch die Einverleibung ihres Geistes und Gemüthes in das deutsche Leben vervollständigte. Man vergleiche die Gegenwart mit der nächsten Vergangenheit, in welcher Heine und Börne lebten. Es ist seitdem ein Menschenalter vergangen, aber der Unterschied in politischer Sittlichkeit und mannhaftem Patriotismus zwischen jenen starken Talenten und vielen der jetzt lebenden Schriftsteller ist sehr groß. Es wäre unwahr zu behaupten, daß in unseren jüdischen Mitbürgern alle Spuren des tausendjährigen Druckes ansgetilgt sind. Auch an vielen der Besten