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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-05-26 · Heft 21 (26.5.1893) · p. Seite 242

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 21 (26.5.1893)
Date
1893-05-26
Page
Seite 242 (sequence 2)
Language
German
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242 dieses Mannes empfinde», durch ihre Angriffe und Spötteleien herabzumindern. Seiner organisatorischen Arbeit verdanken wir es, daß an allen Orten Deutschlands Männer zusammengetreten sind, die gegen die Antastung unserer verfassungsmäßigen Rechte in den Kampf treten. Seiner Unermüdlichkeit in der Aufdeckung der verleuinderischen Thätigkeit eines unwürdigen Gegners ist es geglückt, dem deutschen Volke vor die Augen zu rücken, welcher Troß sich als die Hüter der nationalen Gesinnung, als die Träger des wahren Christenthums aufspielt. Daß er in dieser weit verzweigten, die Kräfte eines Mannes zu hoch besteuernden Thätigkeit — wie seine Gegner mit Hohn hervorheben — auch manchmal Fehler begangen hat, kann sein Verdienst nicht herabmindern. Jedem Führer, er sei der größte, begegnen strategische Jrrthümer. Ob es ein Glück für die freisinnige Partei, ob es ein Glück für die Juden war, daß sich im ganzen Reichstage nur ein Mann gefunden hat, der, fest auf dem Boden der Verfaffung stehend, jeden leisesten Versuch der Kränkung von Mitbürgern abwehrte, das freilich ist eine andere Frage. Nnr wenige Menschen bilden sich nach genauer Prüfung ein selbstständiges Urtheil; die meisten sehen nur, was an der Oberfläche liegt; die meisten glauben, was der Zufall vereinigt hat, sei auch innerlich verwandt und verbunden. Und so konnten auch die Kurzsichtigen das tückisch ersonnene und mit verschmitzter Berechnung wiederholte Märchen vom jüdischen Centrum glauben und weiter erzählen. Was hundertmal unwidersprochen gesagt und gedruckt wird, bekommt allmählich den Schein einer anerkannten Wahrheit. Es ist Pflicht der Juden, selbst diesen Jrrthum aufzuklären und in der Oeffentlichkeit so zu handeln, daß nur noch Lügner und ihre Helfershelfer das alte Märchen zu wiederholen wagen. Es ist Pflicht der jüdischen Bürger, die Vertretung ihrer Rechte selbst in die Hand zu nehmen und die Partei, die für ihre verdienstvolle Thätigkeit 311 allen anderen Vorwürfen auch noch der blödsinnigste der Judengenossenschaft, der Abhängigkeit von jüdischem Gelde ». s. w. gemacht wird, zu entlasten. Nicht um eine Frage der Partei handelt es sich in dem jedxr Ehre baaren Kampfe, den der Antisemitismus heraufbeschworen hat, sondern um eine große Verfassungsfrage, und es wird für beide Theile: für die Juden, wie für die freisinnigen Parteien, nützlich sehn, die sogenannte Judenfrage von allem Parteiischen, das ihr anhafte-t, zu befreie». I Wir fordern, daß alle Parteien, die auf dem Boden iher Verfassung stehen und die Verkürzung verbürgter Rechte verurtheilejn, den Kampf gegen den Antisemitismus mit gleicher Kraft führe;». Denn der Antisemitismus heuchelt nur einen Kampf gegen Fehler einer bestimmten Gruppe, in Wirklichkeit führt er einen aus Neid geborenen Konkurrenzkampf gegen Tausende und Abertausende, die sich redlich mühen und die nie auch nur um Haaresbreite sich entfernt haben von dem, was die Sittlichkeit der höchststehenden Kretse des deutschen Volkes ausmacht. Er heuchelt einen Kampf gegen dem Maminonismus und bedient sich bewußt der Lüge, als sei jeder Jü.oe ein geldsüchtiger Streber. Gegen Geldsucht und Protzenthum aber kämpft Niemand müt größerem Eifer, als der bessere Theil der Gesammtheit, der man h'ie zum Vorwurf macht; und in diesem Kampfe herrscht volle Einigbhit zwischen Männern, die in ihren religiösen Anschauungen weit, wM auseinandergehen. - Weni es vor Kurzem noch nicht klar war, der muß aus dßm betrübenden Ereignissen der letzten Monate gelernt haben, daß djer Kampf gegen das Judenthum nur ein Vorwand ist für eine wahnwitzige Ausbeutung der gemeinsten Herdentriebe gegen die besten Männer unseres Volkes, für ein Wühlertreiben, bei dem nur Einer sein Geschäftchen macht: der verlogenste und idealloseste aller Wühler. Ist es schon nicht das Rechtsgefühl, das die Parteien alle dahinführen sollte, den Antisemitismus zu bekämpfen, so müßte es wenigstens die Sorge um den Bürgerfrieden sein, denn was heute de» Juden gilt, gilt morgen dem Besitz, und was heute dem Börseumann und Gründer vorgeworfen wird, wird morgen dem Finanzininister ins Gesicht geschleudert. Da giebt es keinen Unterschied. Wo Gassenbuben Koth spritzen, wird jeder Vorübergehende getroffen. Aber auch die Juden selbst sollen endlich die Pflicht empfinden, sich selbst Anwalt und Schützer zu sein. Wir sollten zu stolz sein, Anderen allein die Wahrung unserer Rechte zu ttberlasien, und de» Muth besitzen, aus eigener Kraft den Kampf aufzunehmen. Wo man im politischen Leben auch stehen möge, welches auch die religiösen Ueberzeugungen des Einzelnen seien: es giebt einen Boden, der uns Alle einigt, und auf diesem müssen wir uns zusammenfinden. Wir müssen die Fragen, die die Gesammtheit der Juden als Staatsbürger betreffen, als eine geeinigte Gemeinschaft zu lösen trachten. Nicht um das Judenthrim handelt es sich, sondern um die Gesammtheit derer, die Freunden und Feinden gegenüber „die Juden" sind, gleichviel, ob man ihre Zusammengehörigkeit aus Rassen- oder Glaubeusgleichheit herleiten will. Die akademische» Betrachtungen darüber sind auch nur der Ausfluß der Heuchelei oder der Einfältigkeit. Was kümmert es mich, ob mich Jemand als Raffejuden oder Glaübensjuden schlägt — ich weiß nur, daß er mich schlägt. Kann ich dem Räuber, der mir mein Recht nehmen will, mit theoretischen Erörterungen antworten? Kann ich ihm entgegenhalten, daß Fragen der Abstammung, der Raffe nicht so einfach zu lösen sind? Oder kann ich ihm gar entgegenhalten, daß ich nich! glaube, was er mir als meinen Glauben vorhält? Unnützes Gerede; Ich kann nur Eines thun, und das Eine muß ich thun, ich muß mich vertheidigen. Und ich kann alle Diejenigen aufrufeu, die aus gleichen Scheingründen gekränkt werden, und kann zu ihnen sagen; Stehet zusammen, daniit Ihr dem Gegner Euere Kraft fühlen lasset. Nie war ein Arigenblick günstiger als der gegenwärtige für einsolche Zusammenfassung aller geistigen und materiellen Kräfte. Die politischen Parteien treten in den Kampf, und wir werden, Jede; nach seiner Anschauung, an der Wahlschlacht theilnehmen, wie wir es stets gethan: Der Eine für, der Andere gegen die Militärvorlage, der Eine für Richter und seine freisinnige Volkspartei, der Andere für Rickert, Bennigsen oder Helldorf, und wir werden dann: allein schon das Märchen vom jüdischen Centrum zerstören. Aber zusammenstehen sollten wir, wie ein Mann, gegen dir finsteren Mächte, die den festen Bau der Verfaffung erschüttern und uns Juden aus unseren staatsbürgerlichen Pflichten und Rechte» verdrängen wollen. Ueberall sollten wir den Kampf gegen den Antisemitismus aus nehmen; überall, wo ein Vertreter dieser Gruppe in die Wall kommt mit einem Gegner mit allen Mitteln, über die wir gebiete,;, eintreten für seinen Gegner. Offener Kampf! Für Jeden und an der Seite jedes Kandidaten, der uns die bestimmte Erklärung giebt: gegen jede Verkürzung unserer Rechte Einspruch zu erheben. Ein Mittelpunkt ist von hervorragenden Männern bereitgeschaffen in dem „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" in Berlin?) Männer der verschiedensten politischen Uebei - >) Selbstverständlich tritt derselbe — wie es am Schluffe des Aufrufheißt — „nicht in Gegensatz zu bestehenden Organisationen, die ähnliche» Zielen nachstreben; er will neben und mit ihnen wirken — aus dem Wege der Selbsthilfe, im Lichte der Oeffentlichkeit." . I

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