Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1893)
- Date
- 1893-05-26
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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57. Jahrgang. Nr. 21. Allgemeine Berlin, äh Mai 1893. eitung Des Audenlbums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Leitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Dnrch Luchhanvel, Voitooer direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Stedcrctcur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Dr. Euüniig Philippson-Äonn Vertags-Crpedition: töertin, Zerufatemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse Verlag d^r „Ällgem. Zeitung des Zudenthums". Berlin S\V\, Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Änlslllt. Leitartikel: Das Märchen vom jüdischen Centrum. — Gustav Drehtag über den Antisemitismus. — Warum blüht der Antisemitismus in Sachsen? — Die Situation in Oesterreich. — Ungarn und Deutschland. Von?r. L. Pick. — Das Massa des Propheten. II. Von Dr. Stier. — Feuilleton: vagar. Eine schwäbische Dorfgeschichte von E. Velv. (Fortsetzung). — Literarische Mittheilungen. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Kiel, vannover. Hechingeu, Prag. Petersburg. Odessa. Sofia. Hamadan. Chicago. — Bon Nah n. Fern. — Miseellen. - Bei der Redaktion eingegangene Bücher. Aas Märchen vom jüdischen Centrum. Berlin, 24. Mai. Lange schon, bevor die Wahlen wirklich ausgeschrieben waren, 4t die Wahlparole für die einzelnen Parteien aiisgegeben worden. Für die Antisemiten und die mit ihnen verbündeten Konservativen war diese Wahlparole — das jüdische Centrum. Bon allen Seiten ist das Thörichte dieser Erfindung klargelegt worden, gleichwohl uürd dieselbe unablässig weiter verbreitet. Wir halten es deshalb für nothwendig, sie ebenso unablässig zu bekämpfen, und veröffentlichen darum gern die nachstehenden Auseinandersetzungen, die uns non angesehener Seite zugehen und deren Nachdruck erwünscht ist: Die Parteien des deutschen Reichstags sind aus den Fugen. Bo der Bau noch nicht zusammengeflürzt ist, sieht man Spalten und Riss? und über kurz oder laug muß der Umbau begonnen werden. Die freisinnige Partei spaltet sich in ihre natürlichen Theile, >as Centrum steht nicht mehr unter der einheitlichen Führung eines überlegenen Willens, die Konservativen gehen auseinander, je nach lirer Stellung zum Antisemitismus, und unter den Antisemiten iitbrennt lichterloh der Streit um die Hegemonie, denn Keiner gönnt dem Anderen den Lorbeer der Führerschaft und die eintrügchen Versammlungen. Den Volksvertretern fehlt die Fähigkeit, aiter dem Gesichtspunkte einer allgemeinen Weltanschauung sich zu großen Parteien zusammenzuschließen, und kleinliche Alleinherrschafts- -elüste steigern diese Unfähigkeit und treiben bis zur Hervorkehrnng 'geringfügigster Meinungsverschiedenheiten. In so schwierigen Zeiten greift der Feind oft auch unwidersprochen zu Mitteln, die in ruhigeren Zeiten von der öffentlichen Meinung verdammt werden. Seit Monaten geht da und dort in der Besprechung öffentlicher Angelegenheiten ein Wort von Mund zu Munde, von dessen Unlvährhaftigteit und Jnhaltlvsigkeit auch der überzeugt sein muß, der es mit voller Absicht gebraucht: das jüdische Centrum. Bald soll damit gesagt sein, daß die gestimmte Judenheit Deutschlands zu einer Partei gehört, zur Partei des Freisinns unter Eugen Richters Führung, bald daß dieser Freisinn ganz und gar ans die Hilfe jüdischen Geldes und jüdischer Intelligenz angewiesen ist. Beides ist Lüge. Die Juden Deutschlands gehören nicht zu einer politischen Partei. Mit Ausnahme des Centrums, von dem sie die konfessionelle Beschränkung trennt, und des Antisemitismus, von dem sie die natürliche Selbsterhaltung ansschließt, zählen alle Parteien des deutschen Reichstags Juden zu ihren Anhängern, und die Gegensätze in tausend anderen Beziehungen, die nichts mit der Zugehörigkeit zu einer politischen Partei zu thun haben, sind noch viel schärfer und mannigfaltiger. So tief die Kluft ist, die uns Juden in Sachen des Glaubens von einander trennt, so weit stehen wir auch in unseren politischen Ansichten auseinander. Das war, ehe die antisemitische Verhetzung begann, für Jedermann selbstverständlich, wurde von Jedermann offen bekannt, von Jedermann geglaubt. Heut wähnen die Einen, man dürfe diese großen Unterschiede nicht in die hellste Beleuchtung rücken, Harmlose und Gleichgiltige sehen sie nicht, und Böswillige nützen dies Verhältnis;, um mit einer Lüge, die sie mit kräftigen Lungen in die Welt schreien, zugleich eine politische Partei herabzusetzen und eine Gruppe treuer Bürger zu kränken und zu ächten. Die einfachste Rechnung müßte diese Lüge mit einem Schlage zerstören. Unter den sechsmalhunderttausend Juden Deutschlands sind nicht mehr als hunderttausend wahlberechtigt. Nehmen wir den alleräußersten Fall, wie er in Wirklichkeit nie eiutritt, nehmen wir an, alle Juden wären, von politischem Eifer erfüllt, an die Wahlurne gegangen: konnten sie die Zahl der Stimmen aufbringen, die für die freisinnige Partei im letzten Wahlkampfe abgegeben wurden. Konnten 100,000 Juden 1,159,915 Stimmen abgeben? Noch nie aber ist es vorgekommen, daß die volle Zahl der Wahlberechtigten ihrer Verpflichtung zu wählen nachgekommcn ist. Dagegen wissen wir, daß eine große Zahl von Juden mit großer Opferfreudigteit für andere Parteien thätig ist. Erst vor Kurzem haben in Berlin in einer ohne Rücksicht auf Parteizugehörigkeit zusammenberufenen Versammlung, die einen Beschluß zu Gunsten der Militürvorlage gefaßt hat, hervorragende Juden mitunterzeichnet, in offenbarem Widerspruch zu der damals noch ganz einigen freisinnigen Partei, und in diesen Tagen ist ein Aufruf von hervorragenden Vertretern der Finanz erschienen, gleichfalls zu Gunsten der Militärvorlage, der zur Hälfte von Juden unterzeichnet war. Eines könnte vielleicht den Schein erwecken, als ob die Juden sich immer mehr und mehr unter den schützenden Fittig der freisinnigen Partei zusammendrängten: das ehrliche und mannhafte Eintreten dieser Partei für die verbürgte Gleichberechtigung gegenüber allen antisemitischen Verhetzungen und die opferfreudige Thätigkeit des Abgeordneten Rickert, der zu den Führern der Partei gehörte. Es wird den Feinden nicht gelingen, die Dankbarkeit, die alle Juden Deutschlands für die Gesinnung und die Wirksamkeit