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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-05-19 · Heft 20 (19.5.1893) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 20 (19.5.1893)
Date
1893-05-19
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 eines großen über ganz Bulgarien sich verzweigenden Bruderbundes zu erwähnen, dessen Centrale in der Hauptstadt sungiren und von Lokalkomitees iu der Provinz unterstützt werden soll. Der Name des Bruderbundes soll vorläufig „Achawah“ — spagn. hermanriad fern — nun aber hielt man dem Präsidenten (prov.) die Thatsache entgegen, daß die schaurige „8ania Iiermandad" in Spanien den Juden die blutigsten Wunden beigebracht und mit den Autodafes nicht sehr sparsam umsiegangen ist — weshalb die Erwähnung dieses Namens den übelsten Eindruck Hervorrufen würde. Dieses scheint dem Herrn einzuleuchten und dürfte eine Aenderung des Namens vorgenommen werden, etwa in „Schomer Israel". Der Zweck dieser Bruderschaft soll es sein, die Interessen der Inden wahrznnehmen, wenn dieselben angegriffen, sie mit Nachdruckzu vertheidigen und dem Antisemitismus entgegenzutreten. Allein das Selbstbewußtseiu der Juden in Bulgarien zu wecken, ihnen wieder Licht zu machen in der leider so lange herrschenden Dunkelheit auf dern geistigen Terrain des Judenthums scheint mir keine geringe Aufgabe zu sein, würdig eines Vereins, der sich zusammenthut, um in Nöthen hilfreich einzugreifen. Zu den weiteren Bestimmungen des Vereins sei noch hinzugefiigt, daß alle in Bulgarien lebenden Juden Mitglieder werden können um den so minimalen Betrag von 2 Frcs. jährlich — Gründer aber nur dann, wenn Jemand MO — 400 Frcs. als Gründungsbeitrag erlegt. Sofort wurde eine Kollekte unter den Mitgliedern der Repräsentanz vorgenouuuen, welche den Betrag von 9000 Frcs. ergab, worauf ein 7gliedriges prov. Komitee gewählt wurde. — Der Plan der Herausgabe einer Zeitschrift in spagnolischer und bulgarischer Sprache wurde im Prinzip angenommen, die Ausführung aber einer späteren Zeit überlassen. Ebenso wurde ein prov. Beirath aus 5 Mitgliedern der hiesigen Gemeinde gewühlt, welcher dem Großrabbiner zur Seite gestellt, die Aufgabe hat, alle Angelegenheiten, welche das Rabbinat angehen, mit zu berathen und auszuführen. Die hiesigen Chachamim werden das Bethdin bilden. Natürlich wird der Großrabbiner in diesen Körperschaften den Vorsitz führen. — Bor einigen Tagen wurde der älteste jüdische Friedhof, welcher leider seit der Anlegung von Neu-Sofia der Parzellirung verfiel, nbgegraben, um eine neue Straße hindurchzuleiten. Von den vielen Leicheusteinen, die beit fast 1/2 Quadratkilometer weiten Platz bedeckten, finden wir heute nur noch Ueberreste, welche theils in den Boden vertheilt als Marmorstücke daliegen, auf denen keine Inschriften sich befinden. Ein Grabmonument erregt unsere Aufmerksamkeit. Es ist dies eine etwa meterhohe cylindrische Säule mit griechischer Inschrift und > etwas weiter von derselben ein Kapital, welches eine künstlerische Bearbeitung erhielt. Wir vermuthen, daß diese Säule gewiß auch ein jüdischer Grabstein ist, welcher das Grab einer sehr hervorragenden Persönlichkeit schmückte. — Unsere andere Bermuthung lenkt uns auf den Gedanken, daß die Dahingeschiedene den intelligentesten Kreisen der damaligen Judenheit angehören mußte, welche auf die hebräische Inschrift kein Gewicht zu legen schien. Leider hat der Zahn der Zeit sehr arg mit diesem stummen Zeugen eines untergegangenen Menschendaseins gewüthet, so daß man kaum einige Worte mit schwerer Mühe zu entziffern in der Lage ist. — Der Friedhof soll über fünfhundert Jahre alt sein — sein jüngster Nachfolger 300 Jahre. Manche versteigern sich zur Behauptung, daß in Sofia, dem altrömischen Serbien, eine uralte jüdische Kolonie bestand, welche noch vor der Zerstörung des zweiten Tempels hier lebte und zur letzten Ruhe bestattet wurde. 'Allein an Aufzeichnungen fehlt es hier ganz und gar. Nur die weite Ausdehnung dieser zwei Grabstätten, die Verwitterung des Marmors deuten auf das hohe Alter der Gemeinde hin. Der Volksmund berichtet, wie heilig diese Grabesstätte bei den Juden gehalten wurde, da die Gemeinde keine Kosten scheute und nach jahrhundertelanger Ueberfüllung und Außerbrauchsetzung noch eine Steinmauer um dieselben aufführen ließ, welche heute nur noch an den Fundamenten kenntlich ist. Non Nah und Fern. Tie Antisemiten haben in Berlin bereits mehr als zehn Kandidaten aufgestellt, obgleich nur sechs Abgeordnete zu wählen sind. Im vierten Wahlkreise sind bereits ein antisemitischer Arbeiter (vom „Deutschsozialeu Verein"), Jnnungsobermeister Schumann (von den „Vereinigten Antisemiten") und Liebermann von Sonnenberg aufgestellt. Die Aufstellung eines Böckelianers steht noch in Aussicht. Im zweiten Wahlkreise hat Schwennhagen als Vorsitzender des „Deutschsozialen Vereins" die Kandidatur dem Professor Wagner unter der Bedingung angeboten, datz derselbe seine „voreiligen Behauptungen" über die „Unwissenschaftlichkeit der Antisemiten" zurücknehme. Während die Konservativen in Arnswalde-Friedeberg dem bereits wiederaufgestellten Ahlwardt durch die Aufstellung des stark antisemitisch gefärbten Puttkamer-Plamh das Wasser abzugraben versuchen, will ein Theil der dortigen Antisemiten Dr. Paul Förster-Berlin statt Ahlwardt's hineinschieben. Förster ist außerdem in Berlin 111 und Teltow-Charlottenburg als Zählkandidat aufgestellt. Einig sind die Antisemiten in keinem einzigen Wahlkreise, ausgenommen vielleicht Berlin III. — Der Oberpräsident von Ostpreußen, Gras zu Stolberg, hat ausnahmsweise die Genehmigung ertheilt, daß die gegenwärtig in Königsberg befindlichen russischen Auswanderer noch weiter befördert werden; auch die in Memel angelangten Auswanderer dürfen, soweit sie mit überseeischen Schiffskarten versehen! sind, noch über Rotterdam ihrer neuen Heimath zugeführt werden. Von jetzt an ist jedoch der bei Memel befindliche Hauptgrenzübergang für Auswanderer fest gesperrt. — Prediger Cahn in Hagen i. W. tritt infolge eines Herzleidens nach einem 23 jährigen Wirken zu dem größten Bedauern seiner Gemeinde in den Ruhestand. Zu seinem Nachfolger in Herr Hartmann-Salzkotten gewählt. — Der Verein zur Förderung der Handwerke unter den Juden in Frankfurt a. M. hielt vor einigen Tagen seine Generalversammlung ab. Die Zahl der vom Verein unter stützten Lehrlinge hat sich von 93 auf 113 gehoben: von diesen sinn 17 Stipendiaten der mit dem Verein verbundenen H. S. Goldschmidt-Stis tung. Es befinden sich darunter Schneider, Schuster, Tapezierer, Bäcke>, Schriftsetzer, Sattler, Buchbinder, Barbiere, Konditoren, Bildhauer, Drechsler, Glaser, Goldarbeiter, Hutmacher, Lithographen, Mechaniker. Photographen, Portefeuillearbeiter, Schreiner,Uhrmacher,Posamentierer x Im Jahre 1893 sind bereits wieder 12 neu ausgenommen worden. - Der am 1. Mai verstorbene russische Finanzmann, Wirkl. Staatsrat!- A. Sack, wurde vorgestern auf dem städtischen Friedhof in Gießen bei gesetzt. Am Grabe sprach Direktor Dr. Baerwald aus Frankfurt a. M Liber die Verdienste des Verstorbenen, der stets der wärmste Fürsprecher unschuldig Verfolgter und der Anwalt seiner hartbedrängten Glaubens genossen gewesen sei. — Herr Kommissionsrath Emil Meyer, der Vor steher der jüdischen Gemeinde in C öt hen, ist zum Kommerzienrath ernannt worden. — Das Schöffengericht in Nürnberg verurtheilte den dortigen Antisemitenführer zu zweitägiger Haft, weil er seine Ankündigung über! eine von ihm verfaßte antisemitische Broschüre unerlaubter Weise auf der Straße vertheilen ließ. — Die jungczechische Wählerschaft der zumeist vor. Israeliten bewohnten Prager Josefstadt richtete an den Jung czechenklut die Aufforderung, angesichts der Koliner Ereignisse seine Stellung zum Antisemitismus zu präzisiren. — Das in Angelegenheit der Rezeptior der Juden entsendete Vorbereitungskomitee in Budapest hielt unter ben; Präsidium Moriz Mezeis eine Sitzung. In derselben wies Dr. Wilhelm Vazsonyi darauf hin, daß der dem Abgeordnetenhause unterbreitete Gesetz entwurf über die Rezeption der jüdischen Konfession mangelhaft sei indem derselbe die §8 18 -24 des 1808er Gesetzes, welche weder mit ben Mischehen, noch mit dem Uebertritt in Zusannnenhang stehen, und welche die rechtliche Stellung der rezipirten Konfessionen regeln, auf die jüdische Konfession nicht ausdehnt. Redner hofft, daß die Negierung geneigt sein werde, diese Mängel zu beseitigen. Der Antrag des Redners, dem M nistet diesbezüglich ein Memorandum zu unterbreiten, wurde einhellig ange nommen. Gleichzeitig werden die Abgeordneten jüdischer Konfession er sucht werden, die Beseitigung der Mängel schon im Ausschüsse anzustreben. — In Florenz ist Frau Sophia Modigliani, Mutter des jüdischen Orientreisenden Elias Modigliani gestorben. Letzterer befindet sich jetzt auf einer wissenschaftlichen Reise durch den indischen Archipel, um daselbst botanische und zoologische Studien zn machen. Herr Modigliani ist ein würdiger Gefährte seines Landsmannes und Glaubensgenossen, des Jngeniertrs Luzzatti, der gegenwärtig das hinterindische Reich Siam bereist und sich auch bei dem dortigen Herrscher, König Chrom Luang, in Vertrauen gesetzt hat. — Die Antisemiten riefen vor Kurzem in L y o n Unruhen vor der Synagoge hervor, wobei es zu Zusammenstößen kam. 34 Verhaftungen wurden vorgenommen. — Der Sultan hat Herrn Salom on Hirsch, dem gewesenen Gesandten der Vereinigten Staaten von Nordamerika bei der hohen Pforte, den Medschidje-Orden 1. Klaffe verliehen. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin Verantwortlich für dre Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.

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