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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-05-19 · Heft 20 (19.5.1893) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 20 (19.5.1893)
Date
1893-05-19
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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Klasse. — Gestern wurde auf den: Friedhofe der israelitischen Gemeinde Rödelheim ein neuer Grabdenkstein für den verstorbenen Gelehrten Wolf Heidenheim, messen Grab seither ganz verfallen war, enthüllt, wobei der Rabbiner Dr. Horwitz von hier die Gedächtnißrede hielt. X Sulzbürg, in der Oberpfalz (Bayern), 14. Mai. Eine seltene und erhebende Feier wurde am 4. Mai in dem sonst so stillen Marktlecken Sulzbürg begangen. Herr Distriktsrabbiner Dr. M. Loewen- -nay er daselbst wurde an seinem 80. Geburtstage nach einer 55-jährigen rühmlichen Amtsthätigkeit in diesem seinen Geburtsorte von Sr. Kgl. Hoheit dem Prinzregenten Luitpold mit dem Verdienstkreuze des Michaelsurdens ausgezeichnet. Die ganze Bevölkerung, Israeliten, Protestanten und Katholiken, die Geistlichkeit und Lehrer aller Kulten, der Bürgermeister und die Verwaltung der politischen Gemeinde, sämmtliche Vereine in orpore, die Vorstandschaft der zum Rabbinatsbezirke gehörigen israel. Gemeinden Sulzbürg, Neumarkt und Thalmässing (die israel. Gemeinde gehörte früher über 20 Jahre lang ebenfalls diesem Rabbinate an) und >iele auswärtige Freunde wohnten der Feier an, zu deren Verherrlichung ^er Ort in Flaggenschmuck prangte und jede Berufsarbeit ruhte. Nachdem -.»er ehrwürdige, geistig und körperlich noch rüstige Jubilar in feierlichem Zuge unter Vorantritt einer Musikkapelle in das reich dekorirte Festlokal gleitet wurde, überreichte ihm Herr Regierungsrath und Kgl. Bezirksamtuiann Roder aus Neumarkt nach einer marinen Ansprache unter Betonung, aß er nicht nur als Kgl. Kommissär funktionire, sondern auch als Freund lntfühle, die allerhöchst verliehene Ordensauszeichnung. Hierauf erwiederte 'er ehrwürdige Jubilar in beredten Worten und tief gerührt, ehrfurchtsvollen Dank aussprechend. Hieran reihte sich eine herzliche Ansprache des Herrn Pfarrer Felsenstein von Sulzbürg, sowie eine solche der Vorstände der israel. Gemeinden Sulzbürg, Neumarkt und Thalmässing und der israel. Lehrer )es Bezirkes, die werthvolle Ehrengeschenke überreichten. Zahllose telegraphische und briefliche Gratulationen liefen von nah und fern ein. Eine Glückwunschadresse des Konferenzverbandes der bayer. Rabbiner, unterzeichnet von dessen Vorsitzenden Herrn Rabbiner Dr. Perles, wurde von dem Schwiegersöhne des Gefeierten, Herrn Religionslehrer w. Friedmann ms München, überreicht und verlesen, der auch in tiefempfundenen Worten Den Jubilar als mustergültigen Familienvater feierte. Möge dem Jubilar 'in schöner Lebensabend noch beschieden sein. X Mülhausen i. Elf., 14. Mai. Der Verwaltungsrath des israelitischen Krankenhauses Hierselbst veröffentlichte soeben seinen Bericht über das verflossene Rechnungsjahr 1892. Die Anstalt, an deren Dpitze Herr Lazare Lantz steht, beherbergt heute 26 gebrechliche Zöglinge, md zwar 9 Männer und 17 Frauen, deren Durchschnittsalter mit 75 Jahren angegeben ist. Im Berichtjahre sind 11 Kranke (5 Männer and 6 Frauen) besorgt worden, welche Dank trefflicher Pflege sämmtlich wieder als geheilt entlassen werden konnten. Es starben 7 Pfleglinge (3 Männer und 4 Frauen). Die Gesammtzahl der Verpflegungstage für kranke. Gebrechliche und Bedienungspersonal der Anstalt beträgt 3920 mr Männer, 8411 für Frauen, zusammen also 12,331 Tage. Die gewöhnlichen Ausgaben (Zöglinge und Bedienungspersonal der Anstalt) waren 19,101.22 M., was pro Tag 1,55 M. ausmacht. Die außergewöhnlichen Ausgaben für Unterhalt der Gebäude und Garten beliefen sich auf 2132.44 M. Die gewöhnlichen Einnahmen des Jahres betragen 19,723.96 M., worunter 6417 M. Beiträge, 3562.20 M. Gaben und 2000 M. Beitrag der Stadtverwaltung Mülhausen Tie außerordentlichen Einnahmen, bestehend in unangreifbaren Gaben, beliefen sich auf 7000 M. Demnach verblieb der Kasse ein Saldo im Betrage von 622.74 M., als Zeichen eines wirklich humanen Wirkens. — Herr Dr. Picard,Kreisarzt des Kreises Gebweiler, ist zum geheimen Sanitätsrath ernannt worden. Derselbe erfreut sich auch in der isr. Kultusgemeinde Gebweilers großen Ansehens, da er an der Spitze aller Wohllhätigkeitsanstaltensteht.— InfolgeKonsistorialbeschlusses wurden Tugendpreise der Stiftung Michael Weill an Frau Heimerdinger aus Grusenheim und an die Herren Benj. Moch, Bischheim, und Bloch aus Erstem vertheilt. semirismus Fragen erweckt und wieder zur Erörterung bringt, die doch für jeden Gebildeten längst erledigt schienen. Söhne des gleichen Vaterlandes sollen sich nicht befehden, und in ihren Rechten wie in ihren Pflichten soll und darf kein Unterschied sein. Wir verlangen von den Juden die gleiche Liebe zur Monarchie, die gleiche Hingabe an das Wohl des Staates, die gleiche Tapferkeit und Opferfreudigkeit in den Tagen der Noth und Bedrängniß — so oürfen wir ihnen die gleichen Rechte nicht verkümmern. Darum werde ich jedem Versuche, die Juden gesetzlich zu beschränken, immer entgegentreten und die antisemitische Bewegung bekämpfen als eine hohe Gefahr für unsere ganze Kultur, da sie uns in das Zeitalter der Intoleranz zurückzuwerfen droht, welches durch die Bemühungen der Edelsten und Besten, durch Lessing und Goethe, durch Kaiser Friedrich II. und Friedrich den Großen überwunden schien. Sie verträgt sich nicht mit dem Begriffe des modernen Staates, der auf Toleranz und Duldung, auf gleiche Rechte und gleiche Pflichten Allerbegründet ist, und ich beklage es lebhaft, daß durch diese Bewegung auch wiederum die politische Intoleranz geschürt wird, an der wir leiden. Also ich bedauere und beklage die antisemitische Bewegung, und ich hoffe zuversichtlich, daß die jetzt so hoch gehenden Wogen sich mit der Zeit wieder legen und einer gerechteren, billigeren, humaneren Auffassung Platz machen werden. . . . Vollkommene Gleichberechtigung ist dagegen, wie gesagt, meines Erachtens die einzige wirksame Hilfe, während jede Ausnahmestellung im Staat wie in der Gesellschaft die Kluft erweitert. Dies thut der Antisemitismus, und deshalb halte ich denselben im Staatsinteresse wie vom humanistischen Standpunkt aus für verwerflich. Und nun noch eins: die wunderlichste Erscheinung des Antisemitismus ist es mir, daß so vielfach Allianzen wohlhabender Jüdinnen mit Personen aus angesehenen Familien stattfinden, die in ihren Reihen oder unter ihren Verwandten so manchen Antisemiten aufzuweisen haben, ja, die selbst oftmals Antisemiten sind! Das scheint mir doch ganz seltsam. Und ich meine, man sollte hier die Folgen seiner Handlungen ziehen — Jeder auf seine Weise." g. Budapest, 15 Mai. Die ungarische Akademie der Wissenschaften nahm in ihrer letzten Generalversammlung die Wahlen neuer Mitglieder vor, und konstatiren wir mit Vergnügen, daß auch mehrere unserer Glaubensgenossen gewählt wurden. Es sind dies: der Historiker Heinrich Marczali, der Sohn eines Rabbiners, und Dr. Ignatz Kunos, der an der hiesigen Universität türkisch lehrt. Professor Nathan iel P r i n g s h e i m wurde zum auswärtigen Mitglieds der Akademie gewählt. Dem Ministerialrath im Justizministerium, Michael SzüntO, wurde für ein die internationale Rechtshilfe behandelndes Werk ein Preis der Akademie von 100 Dukaten zugefprochen. — Professor Dr. David Kaufmann, der an das Rabbiner- Seminar in Wien berufen wurde, bleibt in seiner bisherigen Stellung. Dr. Spiro ein Zögling des hiesigen Rabbiner-Seminars, wurde als Rabbiner in Bisenz (Mähren) gewählt. * Kremsier, 7. Mai. Dem heute in seine Sommerresidenz einziehenden Fürstbischof Dr. Th. Kohn wurde ein festlicher Empfang zu Theil, bei welchem auch die Kultusgemeinde, mit dem Rabbiner Dr. Frankl an der Spitze, vertreten war. Bei der Audienz hielt der Rabbiner eine Ansprache, in der er den Kirchen fürsten in: Namen der Religion, deren letzter Prophet jenen menschenverbrüdernden, erhabenen Gedanken ausgesprochen: „Haben wir nicht Alle einen Vaters" (Mal. 2,10) begrüßte. Mit sichtbarer Ergriffenheit dankte der Fürstbischof für die Begrüßung und fügte die Versicherung seiner Gunst und Gnade für alle Glaubensbrüder hinzu; „Ich mißbillige diese Vorgänge und werde, soweit es in meiner Kraft liegt, sie bekämpfen. Auf einmal läßt sich das Nebel nicht bannen, es ist ein krankhafter Zustand, der mit der Zeit geheilt werden kann. Mich wird stets der Grundsatz leiten: suum oui^ue." Auf eine Ansprache des Vorstehers Liebmann erwiederte der Fürstbischof: „Ich werde den Traditionen meiner Vorgänger treu bleiben und der Gemeinde Gunst und Wohlwollen bewahren." Dem Vorsteher-Stellvertreter Pollak sprach er seine Freude darüber aus, daß die Gemeinde sich zu seinem Empfange eingefunden habe. Oesterreich - Ungarn. * Wien, 16. Mai. Herrmann Bahr hat nun auch den Prinzen Heinrich zu Schönaich-Carolath über seine Stellung zu der antisemitischen Bewegung interviewt. Das Urtheil des hervorragenden Mannes lautet folgendermaßen: „Ich bedauere es tief, daß der Anti- Kulgarien. r. Sofia, 3. Mai. Die Reprä se nta nt env ers ammluu g der Juden Bulgariens hat nun ftattgefunden und Herrn Rabb. Dr. Grünwald in Jungbunzlau von den 28 Kandidaten für den Posten des Großrabbiners auserwählt. Von den gefaßten Beschlüssen ist besonders die Gründung

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