Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1893)
- Date
- 1893-05-19
- Page
- Seite 240 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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240 schmähen, den Vater wild toben sehen, aber solche Verwünschungen hat sie noch von keines Lippen vernommen — und was das Furchtbarste ist, ans ihren eigenen Kopf fallen sie mit. Sie beugt das blonde Haupt so tief auf die Brust, als fühle sie die Schwere der Flüche leibhaftig. „Mutter!" sagt der Kranke leise und öffnet die Augen, aber sein suchender Blick irrt umher, er sieht alle drei Gestalten nicht. Da Sarah wieder beginnt, lässt Dörtle Lea's Hand los und eilt hinaus, athemlos die Stiege hinab. Erst wie sie die klagende Stimme der Alten nicht mehr hört, steht sie stisi. Gar bleich ist ihr Gesicht, als sie zurückschaut nach dem Häuschen. So bitteres Leid ist aus dem geworden, was sie angcstiftet hat. Kann sie je wieder froh werden? Je nur einmal wieder lachen? Werde» ihr die Leute nicht ansehen, daß sie etwas mit sich herumtrügt — den Fluch einer armen jüdischen Mutter? Und wenn er stirbt der Bartel? Vor dem Brunnen, der links auf dem Hof steht, schwatzen der Knecht und Hannele. Sie hört die Worte herüberklingen: „Just so gehängt haben sie ihn gefunden, wie damals der U»= schuldige sich im Gefängniß aufgchüngt hat. Und nun ist's am Tag und wahr ist's: Blut schreit um Blut, und der Tod will immer Zwei/' Wie ein Richterspruch klingt das dem Dörtle, sie geht langsam vorüber. Sonst hätte sie das nicht verniocht: wo Zwei am Brunnen schwatzen, da pflegt sie alle Mal die Dritte zu sein und mit ihrem lustigen Lachen dazwischen zu fahren. Auf der Schwelle tritt ihr die Bäurin entgegen: „Mädele, wie schaust auch cut§; zu arg mufft gestern getanzt haben, das; Du so hin bist." „Freilich wohl," sagt Dörtle matt. Und dann füllt ihr ein, warum sie die Mutter geschickt hat — und das; sie nun ohne Antwort kommt, aber uüt etwas Anderem auf dem Herzen, einem Geheimuitz — und einem Fluch. „Mütterle," meint sie, „i glaub, sie können drüben gerad von Allein brauchen — pack auch nur ein Körble und schick's hinüber." Und dann meint sie, sie selber müsse heute wohl das Tageslicht meiden, damit ihr Niemand ansieht, was ihr begegnet ist, und sucht heimlich ihr Kämmerlein auf. (Fortsetzung folgt.) U Litterarische Mittheilungen. Die Nr. 20 der „Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" (Expedition Magdeburgerstraße 13, Zeitungsliste 4173) hat folgenden Inhalt: Zu den Wahlen. — Die Juden und die Kriminalstatistik. II. — Zur Wahlbewegung. — Zur Abwehr. — Der wahre Talmudjude. — Sitzung des Reichstags von 25. April 1803. Stenographischer Bericht. U Spvechfcral. Sehr geehrter Herr Doktor! Zu meinem Aufsatz im Sprechsaal Ihrer geschätzten Zeitung vom 5. Mar 1803 (Nr. 18) ist Verschiedenes nachzutragen: nämlich es ist vergessen zn sagen, auf welchen Aufsatz von Herrn Dr. Ginsburger ich mich bezog: es war dies der Artikel vorn 21. April (Nr. 16) „Nochmals die Elsaß-Lothringer Armenpflege". Dem wollte ich noch ergänzend hinzufugen, daß, wenn der Aufsatz von demselben Verfasser vom 22. Januar 1802, überschrieben: „Ter Jndifferentismus", mit ebensolcher Gleichgiltigkeit aufgenonunen worden, wie die früheren Artikel von Herrn Di-. Ginsburger und von mir vom 7., 11., 25. November, 2. und 25. Dezember 1802 re., so soll es mich nicht wundern, wenn der Antisemitismus auch in Elsaß- Lothringen einmal einbricht, wie dies schon oft angedeutet wurde, und ganz besonders in den „Mittheilungen aus dem Verein für Abwehr des Antisemitismus" vom 22. und 29. November 1891 und 21. August 189j ausgeführt worden ist, auf die ich hier ausdrücklich verweise. Was mir aber noch wichtiger erscheint, ist das, was laut der „Voss Zeitung" vom 4. Februar 1893 der Neichtags-Abgeordne e Dr. Petri txu Landesausschuß von Elsaß - Lothringen im Allgemeinen seinen engen* Landsleuten sagte: auch für diesen speziellen Fall zu empfehlen, daß si. nämlich die Entwickelung der Dinge beherzigen, anerkennen und nac!, Deutschland ihren Blick richten mögen. Diese Rede des Abg. Petri bringe ich in Erwähnung, weil alle Mahnungen bis jetzt meist nur aus Berlin kamen; ich bin aber trotzdem der Ansicht, daß man das Gute nehmen soll, wo es herkommt, und besonders von einem geborenen Elsässer, der es mit seinen Landsleutei gut meint. Ich will aber noch hervorheben, daß Politik hier für mickganz ausgeschlossen ist. Weiter möchte ich noch bemerken, daß es gut wäre, wenn du Leiter der drei Konsistorien, oder die Personen und Behörden, die e< betrifft, bei der Kaiserlichen Landes-Regierung eine Eingabe machten, daß sie zur Gründung eines Armenpflege- und Vorschuß-Vereins eine größere Summe bewilligen möge; denn laut dem Bericht iu der „Voss. Ztg." Nr. 51 vom 31. Januar d. I. heißt es bei der Eröffnung des Landesausschusses für Elsaß-Lothringen am 30. Januar 1893, daß die finanzielle Lage des Landes eine nach wie vor günstige sei, daß das letzte Finanzjahr einen Ueberschuß von 2% Millionen aufweiste. Wenn also auf privatem Wege nichts gemacht werden kann, so sollte doch, wie angedeutet, eine allgemeine Armenpflege- und Darlehns-Kaffe ins Leben gerufen werden, und zwar dann nur durch freiwillige Beiträge, besonders wenn die Kaiserliche Landes-Regierung einen Fond dazu geben würde. Zum Schluß möchte ich mir noch folgende bescheidene Bemerkung verstatten Nach dem neuesten statistischen Jahrbuch der D. I. G. B. gehört in ganz Elsaß-Lothringen nur eine Gemeinde dem Deutsch-Jsr. Gemeindebund bis jetzt an, was sich unter den 540 Bundesgemeinden gewiß nicht gut ausnimmt. Hochachtungsvoll und ergebenst Berlin, 14. Mai. Marc Bloch. v Sehr geehrter Herr Redakteur! Herr Rabbiner Dr. Wiener in Oppeln macht in Nr. 10 Ihrer geschätzten Zeitung auf die unrichtige Wiedergabe der Worte im Buche Esther II, 16 j"Ct2 t£Hn fcOH {-(7rn' ' aufmerksam und äußert dabei die Hoffnung einer Aufklärung dieser Unrichtigkeit in der Septuaginta. Ich bin nun in der Lage, darüber Aufklärung zu geben. In der mir vorliegenden Septuaginta (Edition Franeker 1709) bemerkt der Herausgeber Professor Lambertus zur Stelle Note 05: C. Tijß/jO. Das C. bedeutet editio Gomplutensa, C. jetzt Alcala de Henarez in der Provinz Madrid. In der berühmten complutensischen Bibel also steht wirklich Tii:h)u statt des unrichtigen Hochachtungsvoll Niedersept (Elsaß), 12. Mai. Rabbiner Dr. Aschkanaza. * In dem in Nummer 19 der Allgemeinen Zeitung des Judenthums gebrachten Artikel: „Eine jüdische Hochzeitsfeier in London" befindet sich außer einigen kleineren Ungenauigkeiten auch ein Jrrthum, der berichtigt werden muß. Der genannte Artikel besagt, daß es in England „keinen standesamtlichen Aushang" giebt und Bräutigam und Braut haben nur, nachdem sie in einer Registratur den Erlaubnißschein, heirathen zu dürfen, gelöst haben, ihre Namen in das Register der Synagoge eingetragen. In Wirklichkeit verhält sich die Sache so: Bräutigam und Braut haben sich 21 volle Tage vor der beabsichtigten Berheirathung bei dem weltlichen Standesbeamten anzumelden und ihm dabei mitzutheilen, daß sie sich jüdisch trauen lassen wollen. Die Namen, Stand rc. derselben haben dann 21 volle Tage im standesamtlichen Büreau auszuhäugen. Nachdem diese 21 Tage vorüber, muß der standesamtliche Anmeldeschein dem Rabbiner der jüdischen Gemeinde eingehändigt werden, der daun die religiöse Trauung vornimmt. Nach der Trauung werden dann in einem amtlichen Register, das der Sekretär der jiidischen Gemeinde führt, die Namen rc. des Neuvermählten Paares eingetragen, womit die Trauung religiös und staatlich vollendet ist. Bradford, 14. Mai. Rabbiner Dr. Joseph Strauß. Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.