Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1893)
- Date
- 1893-05-19
- Page
- Seite 236 (sequence 8)
- Language
- German
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236 Überschrift, der 90. Psalm von dem Sammler oder von einem, der ihm die Ueberschrift gegeben, schon dem Lehrer Mose zugeschricben. Wie nach, so haben auch vor David Sänger und Dichter gelebt, die dem eigenen Schmerze oder der erlebten Freude in Worten Ausdruck verliehen uud entweder beteten oder t>en Dank in einer Hymne aushauchten — mit einem Worte — Psalmen dichteten. Alle diese Lieder, Gebete, Hymnen sind so alt oder so jung, als unser heiliges Schriftthui» überhaupt; dennoch sind sie allcsammt unter dem Namen: „Die Psalmen Davids" bekannt. Der Grund hierfür ist der vorhin erwähnte. Die Sammler der religiösen Lyrik fanden diese herrlichen Dichtungen vor. Sie hatten sich bereits damals im Bolke eingelebt. Die Bersasscr derselben waren, inan darf auuehmen, mit wenigen Ausnahmen, unbekannt. Man suchte nach einem Namen. Welcher war geeigneter, als der Davids? Es stand ja unzweifelhaft fest, und ist es auch heute noch, daß David Psalmen verfaßt hat. Welche? das konnte schwer ermittelt werden, oder die Sanrmler, die wohl auch verschiedenen Zeiten augehört haben, wagten die Entscheidung nicht zu treffen, wie unsere Kritiker so leichthin thun. Doch war der glänzende Name gefunden und man eignete David alle Psalmen zu, oder mau gab wenigstens dem Buche diesen Namen. Ob David die Ehre abgelehnt oder gegen die Zumuthuiig Einsprache erhoben hätte, wer will es entscheiden? Gegen diese Aufstellung könnte der scheinbare Einwand erhoben werden, daß doch schon die Ueberschriften der Psalmen es deutlich genug besagen, daß David nicht der Verfasser gewesen. Diese Ueberschriften sind aber höchst unzuverlässig. Abgesehen davon, daß viele derselben jeder Erklärung spotten, weiß man auch da, wo Namen genannt werden, nicht, ob cs der Name des Autors des Gedichtes, oder der Name dessen ist, der den Psalm in Musik gesetzt hat. Mancher Psalm hat Doppelanfschriften. Wem will man ihn zueignen? Vielleicht Beiden? Das gemeinschaftliche Arbeite» a» einem Stücke ist damals noch nicht Brauch gewesen. Es wäre auch sonderbar, wenn wir ein Gedicht von 18 Sätze», wie es z. B. der Psalm 88 mit seinem Doppelnamen ist, zwei Autoren zuschrieben. Ter Psalm ist außerdem, was Sprache uud Inhalt betrifft, aus einem Gusse. Tie Unzuverlässigkeit der Ueberschrift zeigt sich auch bei jenen Psalmen, die nur einem Autor, z. B. „David", zugesprochcn werden. Ter Autor soll David sein. Geht man auf den Inhalt so mancher dieser Psalmen ein, so zeigt sich bald, daß David unmöglich der Verfasser aller ihm zngeschricbcneu Psalmen sein kann. Im Allgemeinen läßt sich nun mit Bestimmtheit sagen, daß die Ueberschristen der Psalmen das Schicksal mit manchen Büchern und Dichtungen des heiligen Schriftthnms theilen. Man kannte ihre Verfasser nicht, uud die Sammler, wahrscheinlich die Feststeller des Kanon, schrieben die Ueberschriften zu den Psalmen nach eigenem Berstündniß uud Ermesse», wohl auch nach den Ueberlieferuugen, die im Bolle lebten. Diese letztere Bermnthuug möchten wir besonders betonen. Mehr als bei den anderen Büchern unseres Schriftthums haben sich bei den Psalmen gewisse Ueberlieferuugen herausgebildet. Die Psalmen als Gebete, Lobuud Danklieder ivaren Eigenthum des Volkes geworden. So lange in Israel die hebräische Sprache in Gebrauch war, und auch später, als das Aramäische sich Eingang verschaffte, sang und betete und kannte man kaum andere Lieder als die der Psalmisten. Ter Psalter war in Wahrheit ein Volksbuch geworden. Man sang das Lied, ohne zu wissen, wer es gedichtet, man schöpfte Drost aus dieser unversiegbaren Onellc, ohne zu fragen, wer sie erschlossen. Wie wir c» von der dankbaren, freudig gestimmten Seele nicht verlangen, daß sie, wenn sie ihr Hallelujah jauchzen will, erst frage, wer es gedichtet, ebenso wenig dürfen wir dem bekümmerten Herzen zumuthen, wenn es in seiner Trübniß Trost im Gebete such«, daß es nach dem Verfasser frage. Entstand bei ruhiger Stimmung die Frage nach dem Verfasser, so lautete die Antwort: David, die Korachiden, Heman, Jedutuu Assaf. Diese waren die bekannten Sänger und Dichter. Man dachtnicht fehl zu gehen, wenn mau diese Gesänge einem der Genannter zuschrieb. Da diese Zueignung meist nur errathen war, kann es »ich: Wunder nehmen, daß der Eine auf diesen, der Andere auf jener Namen rieth, und daß, wenn man es überhaupt nöthig fand, sich mit diesen Zueignungen zu beschäftigen, ein und derselbe Psalm verschiedenen Alltoren zugeschrieben wurde. Als die Sammler all diese im Volksmunde lebenden Gesänge, Gebete rc. zusannnenfasseud ordneil und mit Ueberschriften versehen wollten, fanden sich viele, du unter dem Namen eines Autors eirkulirteu, manche, die verschiedenen Autoren zugeschrieben lvurden. Die Sammler registrirten getreu, was ihnen tradirt wurde, schrieben eine, oder, wo die Meinung gethcilt war, zivei Namen an die Spitze des Psalms, und sie hatten ihre Schuldigkeit gethan. Dies schließt, >vie gesagt, nicht aus, daß sie selber nach Prüfung des Inhaltes manchem Psalm die Ueberschrift gegeben, aber die eine ist so wenig zuverlässig als die andere. Einem ähnlichen Verfahren begegnen wir bei Zueignungen uud Ueberschriften in den eigentlich prophetischen Büchern. (Fortsetzung folgt.: 3 Mic Opfer der Erstürmung Ofens 1686.') Von Prof. Dr. David Kaufmann. Wir stehen in der Judeugasse von Nikolsburg, wohl ums Jahr 1090. Opfer aller große» Schicksalsschlüge, die in den letzten Jahren die Juden betroffen hatten, Flüchtlinge aus allen Unglücksorten der Diaspora haben in dieser größten und gastlichsten aller mährischen Gemeindcu sich zusainmeugefundeii. Da giebt es Familien, die in den schwarzen Jahreil des jüdischen Kalenders 1648 und 1656 vor der großen Metzelei in Polen sich hierher geflüchtet hatten, hier giebt es eine Gemeinde in der Gemeinde, die Wiener Exulanten von 1670, hier leben viele von den Gefangeilen von Ofen, die 1686 nach der Erstürmung der Stadt der heldenmüthige Jüngling Sender Süßkind Tausk aus Prag ausgelöst hatte; eine neue Fluth von Flüchtlingen hatte 1688 nach der Eroberung Belgrads sich hierher ergosseuft, und zuletzt waren noch Obdachlose nach dem furchtbaren Brande, der 1689 Prag einäscherte,dazugekommeu. R. David Oppenheim hatte eben erst das Landesrabbinat von Mähren mit dem Sitze in Nikolsburg eingenommen. Unter den unglücklichen Versprengten, die sich in diesem mährischen Ghetto zusammeugefundcn hatten, befand sich auch eine junge verlaffene Wittwe, Lea, die Tochter Jsaks aus Ofen, deren Mann, Jona b. Aaron, bei der Erstürmung der heiß umkämpften Stadt erschlagen worden war. Noch bevor R. David Oppenheim Landesrabbiner geworden war, hatte sie bei dem Rabbinate von Nikolsburg durch Zeugenaussagen den Tod ihres Mannes erhärte» lassen. Die Ofener Exulanten Mathatias b. Israel ft Die hebräischen Ouellen s. Revue »es etude.s juives 21, 137 ff. -) s. Kaufmann: Die letzte Vertreibung der Juden aus Wien, 170 u 3. :i) s Jeschurun VI, 143 ff. Von dem Schaden, den dieser Brand in der jüdischen Litteratur angerichtet hat, sagt Rudolf Martin Meelführer: Causas Svnagogae errnntis. (Aktors 1702) p. 17. N.: illuil l’ragae [sc. incedium] consumsit quicijuul vere rariorum codicum et exi| uisi tissi morum libroruin Judaicorum in Germania unquam fui t.