Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1893)
- Date
- 1893-05-19
- Page
- Seite 234 (sequence 6)
- Language
- German
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234 beloben sind, so ist. wenn unsre Lebenslaufbahn tugendhaft und ohne Fehl war, unser Herz stark in Gott, denn auch im Tode sind wir von dem Ewige» »ingeben. Auch dann beschützt er uns, er nimmt sich unsrer an, führt uns zu einem höheren Dasein, und die nach uns leben, versorgt er wie uns selbst und die, welche vor uns gelebt haben. Die Waisen und Wittwen glauben sich zuweilen verlassen, allein ein milder Vater beschützt sie, lind wenn sie auch im größten Elend sind, aber fest an den Allmächtigen glauben, so werden sie bald sich nicht mehr so unglücklich fühlen; denn das Vertrauen auf Gott giebt ihnen Hoffnung und Kraft zum Guten. Ein armes Waisenkind kann ein ganz glücklicher Mensch, ein großer Mann werden, denn es ist von Gottes Gnade umgeben und von seinem allväterlichen Blicke bewacht. Ja, Gott schlummert nicht und schläft nicht; sein väterliches Auge beschützt und beschirmt uns bei Tag und bei Nacht. Das lehrt »ns aiich folgende schöne Sage des Talmud: Da»ials als der Herr noch mit den Menschen sprach, dachte Moses einmal bei sich selbst, ob denn den Allmächtigen nie der Schlaf überfalle. Der Ewige, der immer gütig ist, sendete vom Himmel einen Engel nieder mit zwei glänzenden Lampen i» den Händen, und ließ dem Propheten befehlen, die Lampen die ganze Nacht mit seinen beiden ausgestrecklen Armen zu halten. Da Moses den Mond und die Sterne sah, kam es ihm sonderbar vor, bei dem hellen Himmelslichte auch noch mit Lampen zu leuchten; er glaubte fast, der Engel spotte sein. Aber so mühsam jener Befehl auszuführen war, vollzog er ihn dennoch genau; denn er erinnerte sich, wie er dem Ewigen beim Wasser dort ungehorsam war, als er, anstatt den Felsen mit Worten anzuredeu, ihn mit dem Stabe schlug. — Auf einmal erschrickt er, und siehe, die Lampen lagen zertrümmert am Boden, denn der Prophet war eingeknickt. Ehe er sich lange besinne» konnte, rief die helle Stimme des Engels ihm zu: „Siehst du nun, das war ein kleines Mittel, um dir zii zeigen, daß, wenn der Herr in Schlaf verfiele, auch Mond und Sterne vom Himmel fallen mürben." Diese sinnvolle Sage will >i»s anschaulich machen, daß der Allmächtige seine Welt stets im Auge hat und seine Kinder stets bewacht. Also will auch ich niemals verzagen! Und wenn ich Nachts allein, ja wenn ich im Unglück vereinsamt bin, stets will ich versichert sein, daß der gütige Vater im Himmel mich liebevoll bewacht und ohne seine Zustimmung kein Mißgeschick mich befallen kann. Sv will ich daher beten, wenn ich mich niederlege: Lieber Vater im Himmel! T» siehst mich schwaches Kind zu Dir empörst ehe»; o. beschütze mich diese und jede Nacht und laß alle die Meiiligen wieder froh und gesund morgen erwachen. Beschirme uns vor Unheil, Krankheit und jeder Gefahr. Schenke allen Kindern, wie mir und meinen lieben Geschwistern, wenn sie aufstehen, Brod zur Stillung ihres Hungers iiiid Kleidung zum Schutze ihrer Gesundheit und laß uns stets zusammen Deinen heiligen Namen lobe» und preisen in Ewigkeit. Amen. Das Massa der Propheten. Eine exegetische Studie von Rabbiner Dr. Stier. Bücher schreiben und sie unter fremdem Namen oder namenlos in die Welt senden, mag verschiedene Ursachen haben, die wir billigen oder mißbilligen können. Am meisten werden wir geneigt sein, den zu entschuldigen, der, im Eifer für eine gute Sache, sich gedrängt fühlt, seine Meinung zu sagen, aber aus Bescheidenheit oder in lobenswerther Selbsterkenntniß, daß sein Name der Sache nicht förderlich sein oder ihr schaden könnte, das Geisteswerk unter fremdem Namen oder namenlos der Mit- und Nachwelt übergiebt. Wir» B werden einen solchen Vorgang entschuldigt, aber nicht immer gerecht- «lmstäl fertigt finden. lösfentli VomStandpunkt der strengen Sittlichkeit stellen wir die Forderune, »Acrhäl daß Jeder, was er spricht und schreibt, auch vertrete, den Muth habe, «ragen unter das Geschriebene seinen Namen zu setzen. Dieser strengen I V Forderung wurde nicht immer Genüge gethan. Umstände, Zeitver- Igesamr hältnisse stellten sich ihr oft entgegen. Vielmehr glaubte so mancher Ib-estall Autor der alten Zeit, mit Verschweigung seines Namens Anspruch I E auf ein doppeltes Verdienst zu haben. Diente er doch so besser der Idas H Sache und verzichtete auf den Schriftstellerruhm. »sonder Das Schreiben unter fremdem Namen ist für die alte Zeit »ich: I wurde so zu verstehen, als hätten die Verfaffer sich einen schöner klingenden, Ic, uw dichterischen Namen beigelegt, um so unter einem scheinbaren Inkognito »einem bekannter zu werden, sondern so manche Autoren des Alterthum Idas d suchten völlig mit Person und Namen unbekannt zu bleiben. Ihr »r.eit c Schriften aber veröffentlichten sie nicht selten unter dem Name« iPropk bekannter, geschichtlich berühmter Persönlichkeiten. Um des guten I Male, Zweckes willen war es ihnen gleichviel, ob die Namensträger Jude«: I! eraw oder Nichtjnden, selbst Heroen der Mythe waren. » . >ort Zuweilen waren es berühmte, bereits verstorbene Inden, unter » >ahrt deren Namen Schriften veröffentlicht wurden, die dem Gedankengang > vage ihrer hinterlassenen Schriften wohl einigermaßen entsprachen, aber I -oarer das Gepräge der Unechtheit a» der Stirn trugen. > rmkb Es geschah dies zur Blüthezeit der jiidisch-griechischen Litteratur » Prop Unmittelbar nach der Uebersetzung der heiligen Schrift im I chriel Griechische versuchten sich die jiidischen Gelehrten jener Zeit in Nach I »id! bildung des überlieferten Schriftthums. die sie, wie bemerkt, berühmter I altjüdischen Autoren unterschoben. Der Grund mag ein doppelter » richt gewesen sei». Zunächst der, daß ihre Geistesarbeit unter dem er- » md borgten Namen, wie Grätz sagt,*) auf bessere Aufnahme rechnen » »fori konnte. Wir meinen aber, daß es eine gewiffe Scheu vor der » nach Oeffentlichkeit gewesen, die umsoniehr am Platz war, als die Verfasser » uns sich sagen mußten, daß dem, was sie boten, die Originalität fehle. I für i So entstand eine ganze Litteratur, die unter dem Namen > zu h „Apokryphen" bekannt ist. I dürft Dieselbe Erscheinung tritt uns etwa zweihundert Jahre später » wohl entgegen. Die Zerstreuung Israels hatte lange, bevor Titus » "fül Jerusalem einnahm und das Heiligthum einäscherte, begonnen. » >"ed« Juden lebten auch damals schon in allen zur Zeit bewohnten Ländern. » feit Sie waren ebenso an den Ufern des Euphrat und Tigris, wie an I preis denen des Nil und der Donau zu finden. So kamen sie in innigste I wert Berührung mit der Heidenwelt. Während dieser das Wesen, die » schni Sitten, der Glaube der Juden frenidartig vorkamen, von einem I und Theile der Heiden verlacht, von dem andern bewundert wurden, » aber zeigten sich doch die Juden als die Sendboten der Gesittung, indem > spro sie die Lehren des Judenthums den Heiden beizubringen suchten. Wie > mitt sollten sie aber, die man eben ihres Glaubens wegen verspottete, es » Mt wagen, die Lehren ihres Glaubens Anderen zu empfehlen? Sie be- I dienten sich daher desselben Mittels, dessen sich die alexandrinische» > Ern Juden bediente». Diese schoben ihre Geisteshervorbringungen be- » Nie rühmten Männer» des eigenen Volkes, also Juden, unter. Dir » Jef, unter den Heiden zerstrerit lebenden Inden aber nahmen feinen Anstand, I dar den Kern der heilige» Lehre des Judenthums heidnischen Berühmtheiten, > rüh selbst denr im Dunkel der Sage gehüllten Orpheus und der römischen » Jer Sibylle in den Mund zu legen. So entstanden der Aristeasbrief, > die die Erzählung von Bel und dem Drachen, die sibyllinischen Bücher, » — welch letztere die bedeutendste Hervorbringnng jener Zeit sind. I Rei ') Geschichte III, 39.