Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1893)
- Date
- 1893-05-19
- Page
- Seite 232 (sequence 4)
- Language
- German
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232 stürmenden Feinde der Ruf nicht überhört werden sollte: „Ihr verdorrte Glieder auf dem Felde unseres Gemeindelebens, erwachet zum Leben!" Auf welche Weise soll der Lebensgeist in denverdorrten Gliedern geweckt werden, wenn nicht durch den Odem des göttlichen Wortes von der Kanzel herab?! Freilich sind die in der hiesigen Gemeinde obwaltenden Verhältnisse im Ganzen die denkbar abnormsten. Seit Jahren ist sie ohne cndgiltige Statuten, ohne definitiven Vorstand, gegenwärtig auch ohne Präsidenten; liegt aber hierin ein ausreichender Grund, daß die Wahl des Stellvertreters des Dr. Jellinek sich nicht auf einen absolut befähigten Manu lenke? Ich spreche von einem „Stellvertreter des Dr. Jellinek" nicht in der Absicht, daß derselbe als Lückenbüßer zu gelten brauche, vielmehr will ich seine eminent Befähigung damit umschrieben haben, indem ich ihn als den Supplenten eines der hervorragendsten jüdischen Prediger unserer Zeit bezeichne. Es soll demgemäß seine Stelle keine subordinirte, sondern eine mit den beiden Gemeindepredigern koordinirte sein. Eine Gemeinde, von dem räumlichen Umfange und der Bedeutung der Wiener, findet ihr Genüge nicht mit zwei, sage zwei Predigern. Man sehe auf die viel kleinere Schwestergemeinde Berlin; diese zählt fünf Gemeindeprediger, die sammt und sonders vollauf und genug zu thun haben; wäre das in Wien weniger der Fall? Einhundertdreißigtausend Seelen — unberufen! — involviren so viel seelsorgerische Thätigkeit, daß für eine erkleckliche Anzahl von Seelsorgern, oder wie der gesetzliche terinimis technicus fjeijjt, „Rabbinern" Raum genug für die Entfaltung ihrer Amtswirksamkeit vorhanden ist. Erfüllte der Vorstand diesfalls seine Pflicht, dann erledigte sich auch die Stellvertretung des Dr. Jellinek von selbst; für die Wiener Gemeinde könnten und diirften nur hervorragende Männer acquirirt werden; aus bereu Mitte wäre überhaupt eine entsprechende Stellvertretung in vorkommenden Fälle» bald gefunden. In der Sorge, wie das religiöse Leben in der Gemeinde zu heben ist, käme es wohl zu Statten, wenn es ermöglicht wird, jeden Samstag durch den Mund der Prediger das Wort Gottes verkünden zu lassen; durch die Anstellung einer entsprechenden Anzahl von Rabbinern tväre diese Möglichkeit geschaffen. In diesem Falle würde sich die Altcrnirung der Prediger in den verschiedenen Bethäusern als besonders vortheilhaft erweisen. Wie die Prediger in ihrer Weise, würden hierdurch die Gemeindemitglieder gegenseitig als koordinirt erscheinen. Solche, man könnte sagen, axiomatische Sätze, sollten auf unbedingte Anwartschaft in den betreffenden Kreisen Airspruch haben; dem ist aber nicht so. Je selbstverständlicher rmd klarer die Sache ist, desto eher muß sie auf Widerspruch gefaßt sein. Das Selbstverständliche verläuft ruhig, erregt keine besondere Aufmerksamkeit; man will nach echter Protzemnanier nur das Geräuschvolle. Greller ist dies kaum als in manchen Vorkommnissen der letzten Zeit zur Erscheinung gelangt. Ehe ich auf diese zurückkomme, möchte ich noch etwas berichten, was so recht von dem Geiste Zeugniß ablegt, der gegenwärtig der präponderirende ist. Reichthum und Titel sind die Begehrungsobjekte unserer Gesellschaft. Die eigene innere Leere empfindend, sucht sie durch äußern, die Menge leicht bestrickenden Glanz die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Nun wird es wohl Niemanden geben, der dem Reichthume oder dem Titel allen Werth absprechen möchte, aber dessen Höhe wird doch nur von dem Besitzer selbst bestimmt. In geradem Verhältnisse zu der Würdigkeit desselben steht der qualitative Werth des ihm zugefallenen Reichthums oder Titels. Nichts kann daher absurder klingen als die Maxime: Nur reiche Leute oder mit Titeln versehene Männer gehören in die Vorstandskollegien. Der erste Theil ist sicher so albern als nur möglich. Wo fängt der Reichthum an, wo hört er auf? „Wer ist reich? Der mit de», ihm zugefallenen Theil zufrieden ist." Wie Viele in den bescheidenst» Verhältniffen lebende Männer hat man kennen gelernt, die >„ öffentlicher Wirksamkeit sich gegenüber den sogenannten Großen selbstständig, unabhängig, überzeugungstreu benommen haben, und wic wenige von Plutokraten, von denen dasselbe gesagt werden konnte, wenn sie sich noch Reichern gegenüber befanden! Und ist denn Reicathum ein Kriterium für Biederkeit, Verständniß, Klugheit, Routine, auf die es bei Leitung öffentlicher Jntereffen zunächst und zumeck ankommt? Muß nicht ferner darauf Rücksicht genommen werden, daß eine rationelle wirthschaftliche, sparsame Gebahrung eine unbedingte Nothwendigkeit im Interesse des Gemeinwohles ist; ist hingegen nicht von den Anbetern des Reichthums eine protzenhaju Wirthschaft zu fürchten? Auf.dieses Kapitel komme ich gelegentlick zurück. Was die Titelfrage betrifft — darauf ernstlich zu reflektier», scheint wirklich müßig. Der Mund des Volkes hat dafür einen b>- zeichnenden Ausdruck: „Titel ohne Mittel", wenn derselbe auch nick! immer und überall zutreffend ist. Gewiß ist es in jedem Falle, bi»: Titel, Verdienst und Befähigung nicht kongruent sind. Welche Albernheit ist jedoch zu groß, als daß sie nicht An Hänger fände! U Böhmische Briese. IV. Wie sehr man Unrecht hätte, die Männer, welche als Jsraelite» von czechischer Seite in die städtischen und vaterländischen Vertretungs körper gewählt werden, vornehm zu ignoriren, wie dies leider von Seiten der Kultusrepräsentanz lange geschehen ist, haben die Vor gange der jüngsten Tage gezeigt. Der Abgeordnete Richter, ein Charakter kristallreiner Vergangen heit, hat zwar bekanntlich an den Statthalter eine Interpellation i» edelstem Geiste und vornehmster Gesinnung gerichtet, die doppe» gewichtig war, weil er und seine mitunterzeichneten Genosse» Katholiken sind. Die Antwort des Statthalters Grafen Thun ließ an Deutlichkeit und Entschiedenheit nichts zu wünschen übrig. Ihre Bemerkung » der letzten Nummer der „Allg. Ztg. d. Judenth.", daß da wiede» ein Brunnen zugedeckt worden sei, nachdem ein Kind hinein gefallen war, ist nicht ganz zutreffend; denn erstens hat die Behörde i» Kolin (ich meine die staatlichen, nicht die städtischen Organe) von Anfang an ihre Psticht gethan und damit die unglaubliche Erreg»»» in dieser Stadt niedergedrückt; andererseits ist der Pöbel an allen Ecken und Enden Böhmens nach übereinstimmenden Nachrichten ans dem qui vive gegen die Juden, und unsere Glaubensgenosse», namentlich wo sie einzeln und zerstreut unter den Christen wohnend nothdürftig ihr Leben mit Hausirhandel und Krümerei fristen, in der lebhaftesten Angst und Unruhe. Da hat denn nicht nur die Jnterpellationsbeantwortung des Statthalters, sondern auch weiter eine sehr populär-deutliche Rede unseres Glaubensgenossen Abgeordneten Jnwald wohlthätig vorgcbengt, der, trotzdem er der jungczechischen Fraktion des Landtags angehört, iin doppelten Sinne deutsch mit den Herren sprach. Provozirt war seine Rede durch einen Speech des Abgeordnete» Dr. Sil. Dieser Herr hatte — wie es sich nun zeigt, jedes Falls zu seinem lebhaftesten Bedauern — bei der von ihm geleiteten Sektion der aufgefundenen Mädchenleiche konstatiren müssen, daß am Körper