Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1893)
- Date
- 1893-05-19
- Page
- Seite 231 (sequence 3)
- Language
- German
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Die hat „das Wesen des Volksgeistes und sein Thun psychologisch nt erkennen, die Gesetze zu entdecken, nach denen die innere geistige oder ideale Thätigkeit eines Volkes — in Leben, Kunst und Wissenschaft — vor sich geht, sich ausbreitet und erweitert oder verengt, erhöht und oertieft oder verflacht, sich verschärft unb belebt, oder ermattet und! »bstumpft, die Gründe, Ursachen und Veranlassungen, sowohl der Entstehung als der Entwickelung, und letztlich des Unterganges der Eigenthümlichkeiten eines Volkes zu enthüllen." Diese Einheit des Volksgeistes liegt vor Allem in der Sprache. Das Volk, die Sprachgcnossenschaft, besitzt die Sprache; der Volkszeist ist das eigentliche Subjekt derselben, obgleich sie nur in den Einzelnen zur wirklichen Erscheinung koinrnt. Diesen eigenthüinlichen Prozeß der Sprachbildlmg hat nun Steinthal bis zu seinem Ursprung oerfolgt, während Lazarus mehr dem psychologischen Eutwickeluugsgang der Volksseele seine volle Anfmerksamkeit zuwandte. Von Steinthals einschlägigen Schriften nenne ich hier nur die folgenden: „Charakteristik der hauptsächlichsten Typen des Sprachbaues (Berlin 1860), das nach fachmännischem Urtheil „zu den bedeutendsten neuen Leistungen der Deutschen auf dein Gebiete der Sprachwissenschaft gehört"; ferner: „Die Entwickelung der Schrift" (Berlin 1852), „Graminatik, Logik, Psychologie, ihre Prinzipien und ihr Verhältuiß zu einander" (Berlin 1855); ein Werk, das in der zweiten Auflage neu bearbeitet, den Titel führt: „Einleitung in die Psychologie und Sprachwiffenschaft" (Berlin 1871 Bd. 1), „Geschichte der Sprachlvisseirschaft bei den Griechen und Röinern" (Berlin 1863), „Die Mande-Neger-Sprachen, psychologisch und phonetisch betrachtet" (Berlin 1867), „Gesammelte kleine Schriften" (Berlin 1880). Außerdein Hai Steinthal die sprachphilosophischen Werke Wilhelm v. Huniboldts mit Benutzung feines handschriftlichen Nachlasses herausgegeben, erklärt und eingeleitet, eine Arbeit, von welcher Alexander v. Humboldt sagte, daß sie „eine Zierde inenschlicher Rede sei". Wer Steinthal kennen lernen will, wer seine Ansichten über Religion und Sittlichkeit, über Freiheit und Erkenntniß, über Ideal unb Kritik, über Natur und Geschichte, über Charakter und Gemüth, über Familie, Staat und Gesellschaft, über Volk und Menschheit, kennen lernen will, der studire diese „Ethik", deren fünfter Abschnitt „die Idee der Vollkommenheit" wie ein Triumph des inenschlichen Geistes auf seinem Siegeszuge zu den Höhen des sittlichen Ideals erscheint. Nichts ist charakteristischer für Steiuthals Lebensanschauung und sein Verhältniß zn den modernen Ideen, als seine Anschauungen über Leid und Lust. Da heißt es: „Es ist eines Ethikers geradezu unwürdig, mit besonderem Interesse von Freude und Eleird, Glück und Unglück zu reden. Ich weiß inich frei von der „unbesonnenen Begeisterung", die „über all das Mißgeschick der einzelnen Zeiten und einzelnen Menschen hinwegsieht." Nur, meine ich, wer eine Ethik anfbauen will, darf dieselbe so wenig auf Thränen »vie auf Juchzer gründen. Auch ich wüßte, wenn es hier darauf ankäine, eine Variation des nie verstunnnenden Liedes vom unsäglichen Schmerz und nie versiegenden Kummer der Menschheit und des Menschen anzustimmen, vom Kuinmer, welcher den Willen lähmt, und vom Schmerz, welcher »vahnsinnig macht, von brennenden Wunden, die nicht heilen »vollen und vor jeder Freude frisch bluten, indem sie immer Besorgnis, zwischen Lippen und Becher drängen — ich kenne das und »veiß keinen Trost zu bieten und habe auch keine andere Mittel als die allbekannten: „Aiiechon kai apechon, halte dich aufrecht und entsage", steinme dich gegen das Leid, laß dir die Vernunft nicht schwinden, halte dir Sinn und Herz offen für alles Wahre, Schöne und Gute, und die Hand, willig der Liebe. Selbst leidend hilft dein Leidenden, wie du kannst, vereinzelt und vereint!" Das ist der ganze Sreinthal, wie er leibt und lebt, wie er denkt und schafft! lind der einzige Satz seiner Ethik: „Es kann »»»ich nur wenig kümmern, ob ich mehr Freude genieße oder mehr Elend dulde; die Freude ist nicht das Gute, und das Elend ist nicht das Böse" — dieser einzige Satz ist eines antiken Philosophen tvürdig. Aufmerksame Beobachter »verden es leicht begreifen, daß der Mann, aus dessen Geist eine solche Ethik hervorgegangen, auch ein tiefreligiöses Geinüth haben muß. In der That! Steinthal ist religiös, ja, noch mehr, er ist, »vie frei und »vahrhaft human seine Weltanschauung sich auch darstellt, ein begeisterter J»»de. Wie ein Patriarch des alten Bundes erscheint er mitten unter seinen Glaubensbrüdcrn mahnend und »varnend, lehrend und weisend; i» begeisterter Rede, in Zorn und Liebe, mit Kraft und Begeisterung spricht er ihnen Math zu, in trüben Tagen mahnt er sie zur Erhebung, zu Einigkeit. Aber auch selbst die häßlichen Wirren dieser Tage ver- »nochten „keinen Tropfen Gift in sein Blut zu träufeln". Wie das Werk, so der Mann. Wie sein Schassen rein und wahr, kraftvoll und zielbelvnßt, so ist auch sein Charakter, in dem sich die besten Tugenden, deren ein Weiser sich rühmen mag, zu schöner Harmonie vereinige»: tiefes Gefühl, reine Gesinnung, unerschütterliche Wahrhaftigkeit, lautere Bescheidenheit, feste Treue, männlicher Muth. So ist Steinthal und so möge er »ns noch lange erhalten bleibe»! Dr. A. W. * Wiener Briefe. XXV. T. Unser Gemeindevorstand sieht sich noch iminer nicht veranlaßt, für eine entsprechende Stellvertretung des infolge seines leidenden Zustandes seincin Predigeramte leider so oft entzogenen Dr. Jellinck zu sorgen. Wie die Zeiten sich ändern und wir mit ihnen! Geist voin Geiste Mairnheimers, erblickte die hiesige Gemeinde in der Predigt das Medimn für ihre religiöse Erstarkung, sittliche > Erhebung, geistige Aufklärung, unerschütterliche Glaubenstreue und solidarische Zusainmengehörigkeit. Konzeption und Diktion, Inhalt und Fora» der Predigt, »velche im Bethause der inner»» Stadt gehalten wurde, waren auch darnach, uin in de»» Gemüther» dcr Zuhörer die Eindrücke festzuhalten, welche auf dieselbe zu üben sie den Ziveck hatte. Wer »ach-Anhörung der Predigt das Bethaus verließ, der trug mit sich einen Fonds geistiger Anregung und religiösen Beivnßtseins. Es »nußte ihn mit Stolz erfüllen, die lautere Wahrheit des göttlichen Wortes, die erhabene Weisheit seiner Lehre, den reinen Glauben feiner Propheten mit wahrer Klassizität in Sprache und Form von der Kanzel verkünden zu hören. Anders gegenwärtig. In der reaktionären Strömung, »velche unser Gemeindeleben uinfluthet, soll die Predigt ihren Untergang finden. Frömmelnde Ungereimtheiten, rhetorische Abgeschmacktheiten bilden Inhalt und Form von Predigten, die »vir seit einiger Zeit zu höre» bekoinmen. Was Wunder, wenn inan selbst an Festtagen unter den Andächtigen „so Viele sieht, »velche nicht da sind". Solch ein Zustand ist uni so bejanunernstverther, als angesichts der von außen gegen uns au-