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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-05-19 · Heft 20 (19.5.1893) · p. Seite 230

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 20 (19.5.1893)
Date
1893-05-19
Page
Seite 230 (sequence 2)
Language
German
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230 Professor Nr. K. Steinthal. Sein Leben und Schaffen. Um einem Manne wie Steinthal gerecht zu werden, müßte eigentlich ein gleichaltriger, gleichstrebender und kongenialer Mann fein Leben und Schaffen benrtheilen; denn nur ein solcher würde demselben nach allen Beziehungen gerecht werden können. Wenn ich dennoch den Versuch wage, ohne von den drei erforderlichen Eigenschaften auch nur eine zu besitzen, so geschieht dies in der Voraussetzung, daß der gute Wille, die aufrichtige Verehrung und ein herzlicher Verkehr manches ersetzen könne». Am 16. Mai d. I. feierte Professor Steinthal seinen 70. Geburtstag. Ter Kreis derer, die diesen Tag festlich begangen haben, war, obwohl das Leben und Schaffen des Jubilars naturgemäß in engen Grenzen sich bewegte, doch ein großer; denn Alle, Schüler, Freunde und Verehrer, die jemals mit Steinthal in Berührung gekommen sind, lieben und bewundern ihn. Steinthals Leben ist bald erzählt, freilich nur in seinen äußern Umrissen. Um cs nach seinem tiefen Gehalt und seiner wissenschaftlichen Bedeutung zu würdigen, reichten Bände nicht aus. H. Steinthal wurde am 1(3. Mai 1823 zu Gröbzig in Anhalt-Dessau geboren. Das Milieu, aus dem er hervorgegangen, ist die Atmosphäre Moses Mendelssohns, ans dessen Gebnrtsstadt Dessau ein warmer, geistiger Hauch über das ganze Ländchen hinwehte. Dieser Geist erfüllte auch das Vaterhaus Steinthals; er begleitete ihn ans die kleine jüdische Elementarschule seiner Heimath, dann aut das Gymnasium und auch ans die Universität. Dort widniete sich Steinthal hauptsächlich philosophischen und sprachwissenschaftlichen Studien. Diesen Studien ist er auch treu geblieben bis auf den heutigen Tag. obwohl er den Umkreis derselben wesentlich erweitert hat. Im Jahre 1850 habilitirte er sich a» der Universität zu Berlin für allgemeine Sprachwissenschaft und Mythologie. In den Jahren 1852—55 lebte er zu Paris, besonders mit dem Stndimn der chinesischen Sprache und Litteratur beschäftigt, einem Studium, das ihm zwei große Preise der französischen Akademie verschafft hat. Im Jahre 1863 erhielt er eine außerordentliche Professur für Sprachwissenschaft an der hiesigen Universität, die er heute noch bekleidet. Seit dem Jahre 1872 ist er auch Dozent an der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums", wo er Bibelexegese und Religionsphilosophie lehrt. Das ist Alles, was den äußeren Lebensgang betrifft. Aber welch' einen reichen Inhalt hat Steinthal in dieses Leben hineinzutragen verstanden. Von seinem ersten Werke an: „Der Ursprung der Sprache, im Zusammenhang nüt den letzten Fragen alles Wissens" (Berlin 1851), bis ans seine letzt erschienenen Schriften, welch' eine Fülle von Geist und Wissen, von neuen Aufschlüssen und wichtigen Dokumenten zur Geschichte der Geistes-Wissenschasten! Das eigentliche Gebiet Stcinthals war und blieb die allgemeine Sprachwissenschaft, deren Aufgabe die Erforschung der Sprache im weitesten Sinne ist, also die Fragen nach dem Ursprung der Sprache, nach dem Verhältnis; des Sprechens zum Denken, nach dem innern Zusammenhang der Sprachen unter einander und der historischen Veränderung derselben. Die Beschäftigung mit dieser Wissenschaft ist zwar sehr alt; sie ist aber immer einseitig geblieben, weil man ihre Lösung mehr ans religiösem oder philosophischem Wege versucht hat. Bis in das vorige Jahrhundert hinein beschäftigte man sich allgemein mit der Frage, ob die Sprache menschlichen oder göttlichen Ursprungs sei. Erst Herder bahnte einer neuen Auffassung über diesen Gegenstand an; und unserem Jahrhundert ist es Vorbehalten geblieben, die Gesetze der allgemeinen Sprachwissenschaft zu diktiien. Franz Bopp und Wilhelm v. Humboldt waren die Führer auf diesem Wege. Und ihnen folgte eine Schaar gelehrter Forscher, I der B unter welchen Max Müller und H. Steinthal die bekanntesten unol der Le wohl auch gegenwärtig die bedeutendsten sind. Die Sprachwisser-fl Wie k schaft stellte als ihr Grundgesetz die Behauptung auf: „Die Sprache fl Jndiv ist das bildende Organ der Gedanken;" sie ist für den Geist, wa-flichaftl die Bodenflüchc für den Leib eines Volkes ist. Von diesem G,-fl Sie h danken aus schritt man auf geradem Wege zu der Beobachtung der fl ,u erb Gcisteseigenthümlichkeiten der einzelnen Völker. Erschien die Sprache fl ideale wie eine Weltansicht, so war es natürlich, daß sie die früheren Au fl oor si schanungeu über die Urgeschichte der Völker, über ihren Kultur-fl oerties zustand, über ihr Verhältniß zu einander im Wesentlichen berichtigen fl abstur mußte. Die Sprachwissenschaft in Verbindung mit der Mythologiefl Entste und der Religionsgeschichte hat uns ein ganz neues Bild von dem I Eigen Weltleben vorgeführt. I l Seiner philosophischen Richtung nach ist Steinthal unbeding: fl Das der Schule Herbarts zuzuzählen, dessen Richtung er nach der Seit- I geist der Psychologie und Sprachphilosophie wesentlich gefördert hat. Be fl Einze kanntlich hat dieser Philosoph durch seine Idee, die Vorstellungei fl Proz< oder inneren Zustände der Seele als ebenso viele psychische Kräfte z> fl oerfol betrachten und die Wirksamkeit derselben auf einander genau zu be I gang rechnen, dem Studium der Psychologie neue und wichtige Anregungei- I Steil gegeben und so den Begriff der Apperception, der als philo I „Cha sophisches Kunstwort seit Kant im Schwünge war. wesentlich unige I 1860 staltet. Das Verdienst aber, diesen Begriff für die Psychologie nock I Leist; weiter nutzbar gemacht zu haben, gebührt Steinthal. Er hat den I gehö; Prozeß der Apperecption in seiner neuen Bedeutung auf die Ge fl „Gro sammtheit aller seelischen Vorgänge ausgeführt, die geineinsam eim fl »iß Erkenntniß darstellen. Aber auch nach einer anderen Richtung Hai fl Auch Steinthal die Herbart'sche Philosophie wirksam gefördert. Bekannt fl logie lich ist die Ethik Herbarts ein wesentlicher Theil seiner Aestethik fl Sprl Steiuthal ist nun weiter gegangen, hat es mit großem Glück ber I „Die sucht, in seiner „Ethik" (Berlin 1885) die beiden großen und grundfl <Ber verschiedenen Richtungen der rein idealistischen nnd rein naturwissenfl hat ( schaftlichen Anschauung in einem höheren Dritten zu verschmelzen; I mit die Idee, mitten in die mechanische Denkweise hiueinzustelleu, in fl klärt voller Anerkennung der mechanischen Welt dennoch den Idealismus I sagt; der Gesinnung zu bethätigen. Diese „Ethik", der Grundstein seines I philosophischen Systems, ist ihm ein Kind des Schmerzes gewesen. I Reli Er selbst sagt in der Widmung an Lazarus von ihr: „Sie ist der fl und Bund, der Friede, den ich mit dem Leben geschlossen habe. Sie soll I über und sie wird, hoffe ich, mein Herz kindlich erhalten, d. h. frei von I kenn jeder Bitterkeit gegen die Menschen oder das Schicksal; wie bisher I „die soll auch ferner kein Tropfe Gift in mein Blut kommen. Sie wird fl Geis mich nüt Kraft und Hoffnung erfüllen, zum Ertragen und zum I ersch Wirken, zu Kampf und zu Liebe. In ihr habe ich nieinem Gemüth I und ein Hei», geschaffen, in welchem ich die Ereignisse und Bewegungen » übei um nüch her nüt Ruhe und besonnener Theilnahme verfolgen kann. > Es weht bald dieser, bald jener Zug quer über den Strom des > Int Geistes, und oft genug weht er schneidend kalt, oder brennend heiß. fl web Dann rudern wir um so angestrengter vorwärts und koinmen früher fl das oder später über den ungesunden Bereich hinaus. Es werden andere I sieh Hindernisse kommen: es niag sei»; gewiß, sie werden kommen, ich fl so > weiß cs, es soll sein. Der Strom des Geistes ist schon längst so fl wer mächtig, daß er weder zu Eis erstarren, noch sonst in seinem siegfl Lie reichen Laufe für die Dauer gehemmt werden kann." fl Me Die Verbindung der Sprachwissenschaft mit der Philosophie fl den oder wenigstens nüt einem wesentlichen Theil derselben, der Psychologie, fl bre führte Steinthal und M. Lazarus, der ihm durch Familienbande fl fris und durch eine in unser;; Tagen wahrhaft seltene Freundschaft eng fl drö verbunden war, zur Entdeckung einer neuen Wissenschaft, nämlich fl hal

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