Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1893)
- Date
- 1893-05-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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57. Jahrgang. Nr. 20. Allgemeine Berlin, 19. Mai 1893. eitung öes Zudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements -Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Nedacteur: Gustav K arpeles. Begründet von Nabinner Ludwig Philippson-Sonn Verlags-Crpedition: Gerlin, Jerusatemerffr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse Verlag der „Allgem. Zeitung des Zudenthums". Berlin SW., Jerusalemer tetrcitfe 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Zum Wocbensesto - Proüi'sor 3>r. H Stcintfml. -ein Leben und Schaffe». Bon Dr. W. - Wiener Briese. XXV. Bo» T. - Böhmische Briefe. IV. — Unter Gottes Schulz. Von Baronin James von Rothschild. — Das Massa des Propheten. Von Dr. Stier. — Die Opfer der Erstürmung Ofeus 1686. Von Prof. Dr. David Kaufmann. Eiu östlicher Rachfolger Mendelssohns. Vou M. Friedeberg. — Feuilleton: Hagar. Eine nchwäbische Dorfgeschichte von E. Velv. (Fortsetzung). — Litterarische Mitheilunaeu. — Sprechsaal. Der Gemeiudebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Aus Schlesien. Breslau. Posen. Altona, Dortmund. Frankfurt a. M. Sulzbürg. Müllmusen i. E.. Wien. Budapest. Kremsier, Sofia. —Von Nah n. Fern. — Miseetten. Jum Wochenfeste. Berlin, 18. Mai. In wenigen Tagen feiert ganz Israel sein Schebuot-Fest, das Fest der Offenbarung und zugleich der Ernte, auch im höheren geistigen Sinne. Nicht blos, weil einmal in Palästina um diese Zeit acr Schluß der Weizenernte gewesen, sondern auch und vor Altem, weil Israel an diesem Feste erntet, was es seit Jahrtausenden trotz! aller Kämpfe und Verfolgungen unermüdlich ausgesüet hat. Israel >st das Volk der Offenbarung. In dem Volke der Offenbarung sind die beiden großen Ideen entstanden, von welchen heute die ganze moderne Kultur-Menschheit erfüllt ist: der Gottesglanbe, das Sittengesetz. Hätte Israel der Menschheit nichts Anderes als diese beiden erhabenen Ideen gebracht, so würde es allein darum schon sich ein unsterbliches Verdienst um die Kultur der Menschheit erworben haben. Besäßen unsere modernen Gegner auch nur einen Funken von Religion und Ehrlichkeit, wären sie im Stande, Einkehr und Umschau zu halten an diesem heiligsten und lieblichsten aller Feste, so müßten sie beschämt die Waffen strecken — vor dem Volke der Offenbarung. Welch' ein wunderbares Räthsel in der Weltgeschichte! Da lebt mitten unter den Nationen des Alterthums ein kleines Volk, umgeben von so vielen mächtigeren Völkern, ans ein kleines Gebiet beschränkt, um sein Dasein hestige Kämpfe führend, nicht hervorragend durch tiefe Gedankenarbeit, durch Werke der Wissenschaft und Kunst, und aus diesem Volke bricht an einem Tage blitzartig hervor die erhabenste Idee nicht des Allerthums allein, sondern aller Zeiten, die Idee der Offenbarung, wie sie sich uns ohne dogmatische Beengung oder Begrenzung des Wortes in dem Zehngebot lebendig verkörpert. Und mit dieser Idee wächst Israel hinaus über die Völker, die es zu jener Zeit überragen. Einer Welt von Feinden gegenüber hält es seine Bundestafeln hoch und heilig, bis die ganze Welt sich zu dem Gesetz von Sinai bekennt; denn die zehn Bundesworte sind das Grundgesetz aller menschlichen Ethik geblieben bis auf diesen Tag. In diesem Sinne faßte Jehuda Halevi Israels Bedeutung ans, indem er es das religiöse Herz der Menschheit nannte. Hub nichts Anderes hat der moderne Denker Ernst Renan gemeint, wenn er Israel das Genie der Religion zuerkannte. Die religiöse Erleuchtung, die vom Sinai ansging und im Mosaismns sich ansbildete, im Prophetenthnm ihre höchste Spitze erreichte, kennt keine Trennung der Glaubens- und Sittenlehrc, wie sic die neue Zeit versucht hat. Beide sind hier identisch; ja, die eine ist die nothwendige Konsequenz der andern. Ans der Lehre von Gott folgt das Sittengesetz mit innerer Nothwendigkeit. Gott ist die Quelle aller menschlichen Pflichten. Und die wahren Motive zu ihrer Erfüllung liegen wiederum in Gott. Sv ist auch die Erkenntniß des wahren Gottes, dessen Anbetung im Geiste, ohne Bild und Symbol, das erste der Zehn-Worte der Grundgedanke des Jndenthums. Daran schließen sich die Heilighaltung Gottes in der Menschemvelt (Eid), die Heiligung des Menschen in Gott (Sabbath), die Verehrung der Eltern, die Heiligkeit des Lebens, der Ehe und des Eigenthums; den Schluß bilden die Wahrhaftigkeit und die Unterdrückung aller bösen Begierden. Das erste Gebot heischt Liebe, Dankbarkeit, Ehrfurcht und Vertrauen ans Gott, das zweite verbietet jede Abgötterei und den Aberglauben, das dritte den Meineid und die Gotteslästerung, das vierte gebietet, den Ruhetag und die Feste zu feiern, das fünfte Vater und Mutter zu ehren, das sechste verbietet den Mord und befiehlt Achtung vor jedem Menschenleben und Sorge für dasselbe, das siebente Gebot lehrt uns die Heiligkeit der Ehe und die Keuschheit, das achte verbietet den Diebstahl und Betrug, das neunte jedes falsche Zengniß, das zehnte warnt vor Neid oder Mißgunst und den damit verwandten Sünden, wie Stolz, Zorn, Rachsucht und Groll. So ist im Sinaigesetz Gott, der Mensch, die menschliche Gesellschaft unauflöslich mit einander verbunden, sie können von einander nicht geschieden werden; darum sind die Zehn-Worte die Grundlage alles sittlichen Lebens in der Menschheit geworden. Ihre Basis ist die Lehre von dem einzigen Gott, der die Welt geschaffen, die Einheit des Weltalls, aller Wesen und Existenzen, die Gottebenbildlichteit des Menschen, die Auffassung des Menschengeschlechtes als Einheit und aller Menschen als Kinder eines Vaters. Diesen Gedanken habe» die Propheten Israels in ferneren Offenbarungen und Verheißungen vertündigt. Den Mittclpuntt aller dieser prophetischen Gesichte bildet der erhabene Gedanke, daß sich der Bund Gottes nicht auf Israel beschränken, sondern alle Völker dieser Erde ninfassen werde. Der Gipfel aller Prophetie ist das Reich Gottes auf Erden. „Der Ewige wird König sein über die ganze Erde, zu dieser Zeit wird Gott als einig und sein Name als einig erkannt werden." Halten wir darum das Sinaigesctz hoch und heilig und feiern wir mit religiöser Freudigkeit das Fest der Offenbarung in der zuversichtlichen Hoffnung, daß auch unser Erntefest dermaleinst noch kommen wird.